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?Ich bin dagegen?

Von Oliver Stock
Der streitbare Schweizer Privatbankier Konrad Hummler kämpft für das Bankgeheimnis und gegen das Kleinkrämerische.
HB ST. GALLEN. Konrad Hummler leitet, wie es korrekt heißt, als ?Geschäftsführender Teilhaber? die älteste Privatbank der Schweiz, Wegelin & Co., in St. Gallen. Er ist also kein Angestellter, sondern Eigentümer einer Bank und denkt deshalb intensiver als andere übers finanzielle Überleben nach. In der Schweiz sorgte er kürzlich für Furore, als er eine Art Ablasshandel fürs Bankgeheimnis vorschlug: Drei bis vier Milliarden solle das Land der EU überweisen und im Gegenzug dafür sein Bankgeheimnis dauerhaft behalten können. ?Das wäre verkraftbar?, glaubt Hummler.Die Finanzindustrie der Schweiz steuert rund 13 Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes bei. Hat ihr Erfolg viel mit dem Bankgeheimnis zu tun, das ausländischen Steuersündern Schutz gewährt?

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Der 52-Jährige lehnt sich am großen Besprechungstisch, der im Stockwerk unter der Dachkammer steht, zurück. ?Nicht versteuertes Geld?, sagt er, ?ist weitgehend totes Kapital. Sie können ihrer Frau einen Pelzmantel damit kaufen.? Aber dennoch verspüre halb Europa das Bedürfnis, Geld in der Schweiz anzulegen, ?obwohl wir nicht billig sind?. Warum? ?Das vorherrschende Gefühl in vielen europäischen Ländern ist: Es wird mir irgendwann eh alles genommen?, stellt er fest und blickt nicht ohne Absicht aus dem Fenster in den schneeverhangenen Himmel über dem Marktplatz von St. Gallen.Ein paar Kilometer weiter liegt Deutschland und damit ein Gesellschaftsmodell, ?das sich so sehr in seinen Privilegien verheddert hat, dass es sich ändern muss oder Bankrott gehen wird?, sagt der Bankier. Profitiert seine Bank davon? ?Wenn wir von Agonie profitierten, hätten wir ein ethisches Problem.?Wenn Hummler von ?wir? spricht, ist er selbst betroffen. Das ist so Sitte bei einem Privatbankier, der mit dem eigenen Vermögen für mögliche Verluste der Bank und ihrer Kunden einsteht und zum Ausgleich keinem Aktionär und keinem Verwaltungsrat Rechenschaft ablegen muss. ?Keinem Moloch, der sich vorwärts wälzt und Leute mit Ideen Querdenker nennt?, sagt Hummler und bezieht den Satz nicht nur auf die eigene Organisation, sondern auch auf die seines Landes: ?Kleinkrämerisch? nennt er die Schweiz, ?fast peinlich?. ?Wären wir größer, wären wir noch peinlicher.?Ist Hummler ein Nestbeschmutzer? Politisch kämpft der Mann aus der Dachkammer für die Schweizer Liberalen ? die das nicht immer gut finden. Als ?Randfigur ohne Einfluss?, bezeichnet ihn die Vizepräsidentin der Schweizer FDP, Marianne Kleiner, die damit aber eher von der eigenen Einflusslosigkeit ablenkt.Denn wenn Hummler politisch keinen Erfolg hat, verschafft er sich anderswo Gehör: im Verwaltungsrat der ?Neuen Zürcher Zeitung? zum Beispiel. Oder als Bankrat der Schweizerischen Nationalbank. Als Mitglied des Aufsichtsgremiums der Schweizerischen Bankiervereinigung ist er dieses Jahr zurückgetreten, was für Aufsehen sorgte. Auslöser war das Eintreten der Bankiervereinigung für das Schengen-Abkommen. Hummler sagte: ?Ich bin dagegen?. Er hält nichts vom grenzenlosen Europa. Dafür dürfte demnächst die Reihe an ihn kommen, Präsident des kleinen, aber feinen Verbands der Schweizer Privatbanken zu werden.Das liegt ihm deutlich mehr. In den dreizehn Jahren seines Wirkens bei der eigenen Bank hat er nicht nur den Dachboden ausgebaut, sondern die Zahl der Mitarbeiter von 30 auf 230 und die Summe der verwalteten Vermögen von ?deutlich unter einer Milliarde? auf etwa zehn Milliarden Schweizer Franken erhöht. Als Autor eines regelmäßig erscheinenden, von 15 000 Abonnenten bestellten Anlagekommentars hat er international Renommee erworben.Doch Bankiers, die das Vermögen der Reichen dieser Welt zwischen Genf und St. Gallen geschickt vermehren, hat das Land viele. Und auch politische Ausreißer kennt die Schweiz spätestens seit dem Wechsel des wortgewandten Rechtspolitikers Christoph Blocher in die Politik.Der freundliche Herr Hummler will mehr. Seine weltweit vernetzte Dachkammer präsentiert er wie ein Modell für eine Schweiz, die im Kleinen das Große sucht und die nicht nur aus Trotz und Abneigung gegen alles Mächtige einen eigenen Weg finden will. ?Eigentlich müssten wir die Schweiz neu bauen?, sagt Hummer. ?Nur leider sind wir zu großen Gesten nicht fähig?, fügt er hinzu und breitet beim Wort ?groß? die Arme aus wie der Gekreuzigte.Hummler hat eben manchmal keine allzu hohe Meinung vom eigenen Land und seinen Bewohnern. Aber er hilft ihnen gerne auf die Sprünge. Er teilt sein Volk ein: in die Befürworter eines EU-Beitritts und in die ?Abschotter?. Und er klagt darüber, dass die Mitte wie immer keine klare Vorstellung habe. Deshalb, so seine Idee, soll die Schweiz als europäischer Stadtstaat mehr als bisher Standort für global ausgerichtete Konzerne werden. Große Worte.Was muss geschehen, damit sich die Schweiz neu erfindet und es keinen Grund mehr gibt, von der deutschen Misere zu profitieren? Hummler, der Bankier, denkt nach. Eine Lösung hat er nicht, aber richtige Fragen: ?Wie kann es sein, dass die Aktien steigen, während ein Land am Boden liegt? Wie lange besteht Bereitschaft zu schmerzlichen Reformen, wenn bei den Unternehmen die Kassen klingeln??Ratlos machen Hummler diese Fragen nicht. Er hat seinen eigenen Kosmos, der ihn hält: die Dachkammer, die Bank, die Schweiz und den Rest der Welt, den er von der Dachkammer wie ein virtueller Astronom des Geldes beobachten kann.Und wenn es ihn doch wurmt, auf die letzten Fragen keine Antworten zu wissen, dann zieht er sich zurück und frönt seiner Leidenschaft, der Kunstförderung. Die Beschäftigung des Mäzens mit der Kunst sei ?eine Kompensationshandlung?, hat er einmal erklärt. Was er kompensiere? ?Das künstlerische Ungenügen. Ich bin ein dilettantischer Violinist.?
Konrad Hummler1953: Er wird am 13. März in der Schweiz geboren. Er studiert Jura an der Universität Zürich, Ökonomie an der Universität von Rochester/USA und promoviert 1980 in Rechtswissenschaften an der Universität Zürich.1981: Er startet bei der Schweizerischen Bankgesellschaft und steigt bis zum persönlichen Referenten des Verwaltungsratspräsidenten auf.1989: Hummler wechselt zum Privatbankhaus Wegelin & Co. in St. Gallen.1991: Er wird am 1. März unbeschränkt haftender Teilhaber der Bank. Außerdem sitzt er heute in Gremien vieler Unternehmen und Institutionen wie der Vereinigung Schweizer Privatbankiers, der ?Neuen Zürcher Zeitung? und der Schweizerischen Nationalbank. Er schreibt oft für Zeitungen und Zeitschriften.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2005