Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Gute Demokraten haben die besseren Argumente?

Von Sven Scheffler
Mit Netz-gegen-Nazis.de hat die Wochenzeitung "Die Zeit" Anfang Mai ein Internetportal gestartet, dass mit Rat und Tat gegen Rechtsextremisus vorgehen will. Im Gespräch mit dem Handelsblatt spricht Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über das Projekt und sein persönliches Engagement gegen rechts.
Giovanni di Lorenzo: "Ich glaube, dass die meisten Journalisten von einer Mission erfüllt sind." Foto: dpa
Giovanni di Lorenzo, wie braun ist Deutschland?
Wir haben die Aktion ins Leben gerufen, weil rechtsextremistisches Gedankengut immer mehr in den Alltag vieler Menschen eindringt, und zwar auch dort, wo man es am wenigsten vermuten würde und wo es einem besonders schwerfällt, sich dagegen zu wehren.
Woran haben Sie das gemerkt?
Es gibt zum Beispiel Aufrufe von Rechtsextremen, gezielt Vereine zu unterwandern. Umso mehr freut es mich, dass etwa auch die Freiwilligen Feuerwehren und maßgebliche Sportverbände bei uns mitmachen. Die haben sofort gesagt: ?Jawohl, wir wissen um das Problem.?

Die besten Jobs von allen

Sie selbst haben ja einige Erfahrungen.
1992 gehörte ich in München zu einem der vielen Initiatoren der ersten Lichterkette in Deutschland gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus.
Mit Netz gegen Nazis knüpfen Sie daran an.
Das Neue daran ist, dass es die Antwort sein soll auf eine allgemeine Hilflosigkeit, die sich breitmacht: Was mache ich, wenn ich mit Rechtsextremismus konfrontiert werde ? in der Klasse, im Verein, im eigenen Freundeskreis? Da wollen wir ansetzen.
Warum gerade jetzt?
Weil es nicht klug wäre, erst wieder abzuwarten, bis ein großes Verbrechen das Land erschüttert. Da hat man es ein paar Wochen im Fokus der Medien, und dann ist es angeblich wieder verschwunden ? aber in Wirklichkeit ist nichts verschwunden. Und die Hilflosigkeit bleibt.
Haben Sie diese Hilflosigkeit selbst mal gespürt?
Als Student war ich in einem Seminar, das der spätere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski als Gastprofessor geleitet hat, der selbst Überlebender von Auschwitz ist, wo er als engagierter Katholik gelandet war. Da hielt ein Kommilitone einen geschichtsrevisionistischen Vortrag, eine bodenlose Seminararbeit. Von den Studenten kam wenig Gegenwehr. Viele waren sprachlos, weil sie gar nicht dagegen argumentieren konnten. Andere, weil sie so überrumpelt waren.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wir wollen dorthin, wo es wehtutHaben Sie sich in dem Moment geschämt, Deutscher zu sein?
Ich war erschrocken. Mir hat das wahnsinnig leid getan für Bartoszewski. Der war, glaube ich, in dem Moment einfach sehr verletzt.
Wie haben Sie persönlich reagiert?
Wir sind ihm nachgefahren, bis nach Wien, weil ich unbedingt wissen wollte: Warum haben Sie nichts mehr gesagt? Und diesen Vorfall und dieses Gespräch habe ich verarbeitet zu einem Gespräch und zu einem Artikel, den ich damals der ?Zeit? angeboten habe. Leider hat die ?Zeit? es nicht gedruckt.
Was soll Netz gegen Nazis erreichen?
Das Neue an unserem Ansatz ist, dass wir sowohl Wissen vermitteln als auch Anleitung zum Handeln geben, in Form von Erfahrungsaustausch der User oder Tipps von Experten. Denn um mit Rechtsextremismus im Alltag fertigzuwerden, braucht man nicht nur Grundlagenkenntnisse über die Szene, sondern oft auch ganz konkreten Rat.
Dazu müssen Sie aber auch die erreichen, die nicht schon Bescheid wissen.<br> Genau das ist unser Ansinnen. Wir wollen dorthin, wo es wehtut. Gerade unsere Partner kennen das Problem. Auch und gerade im Internet, zum Beispiel bei SchülerVZ oder StudiVZ, gibt es immer wieder Versuche von Rechtsextremen, das Portal für Propaganda zu missbrauchen.Die Jugend erreichen Sie vorwiegend über das Netz.
Absolut. Jede Generation braucht ihren eigenen Zugang und sucht sich eigene Wege.
Woran würden Sie denn den Erfolg vom Netz gegen Nazis festmachen wollen?
Ich wünschte mir, wir könnten am Ende die Erfahrungen bündeln, zu einer Art Handbuch gegen rechts. Das würde mich sehr freuen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ich wollte Psychoanalytiker werden oder ManagerWie begleiten Sie persönlich die ganze Kampagne?
Indem ich versuche, der Mannschaft Rückendeckung zu geben. Ich selbst besuche die Web-Site mehrmals täglich.
Und erreichen Sie auch die Rechtsradikalen?
In unseren Foren diskutieren ständig Rechtsextreme mit, und das ist bis zu einem gewissen Grad auch ein Gebot der Meinungsfreiheit. Aber ich bin doch sehr beruhigt, dass die demokratischen Kräfte in diesem Forum die Oberhand behalten. So enervierend die Diskussion mit Ewiggestrigen sein kann, sie beweist auch: Gute Demokraten haben einfach die besseren Argumente.
Also ist das Netz gegen Nazis auch so eine Art Instrument der Zivilgesellschaft?
Wenn es diesen Anspruch einlösen könnte, wäre schon viel gewonnen.
Befindet sich die Zivilgesellschaft gegenüber dem Rechtsradikalismus in der Defensive?
Sie war eine Zeit lang nicht spürbar. Oft hatte ich wirklich die Sorge, die Schläger und Brandstifter wären so etwas wie die Avantgarde der schweigenden Mehrheit. Heute muss ich sagen, dass die Zivilgesellschaft relativ laut zu vernehmen ist ? Gott sei Dank.
Wie kann eine Gesellschaft mit rechter Gewalt umgehen?
Das Erschütterndste, was man sich klarmachen muss, ist, wie viele Menschen seit dem Fall der Mauer durch rechtsextremistische Gewalt zu Tode gekommen sind. Wir haben diese Liste ja gerade wieder veröffentlicht. Es sind weit über 100 Tote. Damit kann eine Gesellschaft nicht Frieden schließen.
War die Wächterrolle, die Journalisten auch zukommt, Teil Ihrer Motivation, diesen Beruf zu ergreifen?
Ich glaube, dass die meisten Journalisten irgendwie auch von einer Mission erfüllt sind, wenn nicht gleich die ganze Welt, so doch wesentliche Bereiche zu verändern. Bei einigen schleift sich das mit den Jahren immer mehr ab. Wenn dieser Impetus aber ganz abgeschliffen ist, dann hat man oft nur noch kraftlose Journalisten. Oder ziemlich zynische.
Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?
Es ist so passiert, es war nie geplant. Ich wollte Psychoanalytiker werden oder Manager, musste aber kurz vor dem Abitur ein Praktikum absolvieren. Am zweiten Tag durfte ich einen Artikel schreiben. An dem Abend bin ich mit meinem alten Fiat 127 nach Hause gefahren und habe das Gefühl gehabt: ?Ich will nie wieder was anderes werden als Journalist.?
Fühlen Sie sich als Journalist ? etwa angesichts rechter Gewalt ? bisweilen macht- und hilflos?
Man kann etwas bewirken, und man muss auch etwas bewirken. Aber man sollte nicht auf die Lösung manchmal unlösbarer Probleme hoffen. Es wird immer Rechtsextreme geben. Die Frage ist nur: Wie gefährlich werden sie?
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gegen rechten Krawall - Über Netz-gegen-Rechts.deWie sollen Eltern reagieren, wenn sich der Sohn oder die Tochter rechtsextremen Gruppen anschließt? Was sollen Lehrer tun, wenn Schüler Nazi-Symbole auf den Schulhof schmieren? Wie reagiert man als Fußballspieler, wenn in der Kabine rassistische Sprüche fallen? Diese und viele andere Fragen werden in einem neuen Internetforum gestellt, von Experten beantwortet und von Usern diskutiert. Es befindet sich auf der Web-Site Netz-gegen-Nazis.de, das ?Die Zeit? als interaktives Ratgeberportal gegen Rechtsextremismus gestartet hat.Neben der Wochenzeitung, die wie das Handelsblatt zur Verlagsgruppe von Holtzbrinck gehört, wird die Web-Site von einer Vielzahl von Mitstreitern getragen. Für das Projekt hat die Zeitung prominente Partner gewonnen: Mitinitiatoren sind der Deutsche Fußball-Bund, die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Feuerwehrverband mit der Deutschen Jugendfeuerwehr. TV-Partner ist das ZDF, Online-Partner sind die großen, ebenfalls zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehörenden Communities StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ. Neben dem Internetportal Netz-gegen-Nazis.de, das Kern der Aktion ist, findet eine Vielzahl von Aktionen und Veranstaltungen statt.Das Internetportal will Betroffene ermutigen, sich aktiv gegen rechtsextreme Tendenzen und Vereinnahmungsversuche von rechtsextremen Gruppen zu engagieren, und fordert alle anderen Menschen auf, ihnen dabei zu helfen. ?Unsere Idee geht ein übergreifendes Projekt an: Wir wollen ein bundesweites Forum schaffen, auf dem Betroffene einander Rat geben können, was zu tun ist, wenn rechtsextremistisches Gedankengut in ihren Alltag eindringt?, sagt ?Zeit?-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.Die Partnerschaften sind kein Zufall. Gerade erst sei in der ?Deutschen Stimme? ein Strategiepapier veröffentlicht worden mit dem klaren Auftrag an Nazis, Sportvereine und freiwillige Feuerwehren zu unterwandern. Die Web-Site ist in drei Bereiche aufgeteilt: Wissen, Handeln, Diskutieren sind die Wegweiser im Kampf gegen den Rechtsextremismus. Um sich im Bereich Wissen schneller zurechtzufinden, kann unter anderem die interaktive Deutschlandkarte genutzt werden. Als weitere Einstiegs- und Recherchepunkte bieten sich die Presseschau oder die gut bestückte Bibliothek an.Geradezu ein Muss ist die Rubrik ?Woran man Nazis erkennt?, in der über die Bedeutung von Zahlenkombinationen wie 88 (Heil Hitler) oder von Thor-Steinar-Pullovern informiert wird. Zudem weist das Portal den Weg zu Initiativen gegen rechts sowie Beratungs- und Selbsthilfeorganisationen. Zu den zentralen Elementen von Netz-gegen-Nazis.de gehört der Erfahrungsaustausch. ?Bei uns macht sich eine Kameradschaft breit. Was tun?? oder ?Welche Rolle spielen Computerspiele in der rechten Szene?? Auf Fragen wie diese will das Ratgeberportal Antworten geben.Das Portal zeigt zugleich, dass im Kampf gegen rechts niemand allein ist. ?Ich bin gegen Nazis, weil sie anscheinend nichts aus der Vergangenheit gelernt haben?, sagt der Kapitän der Nationalmannschaft Michael Ballack im Videokommentar. Andere Sportler wie Philipp Lahm oder Medien-Promis wie Marietta Slomka und Buchautor Wladimir Kaminer tun es ihm nach. Giovanni di Lorenzo hofft überdies darauf, dass die Erfahrungen in einem Handbuch gegen Rechtsextremismus zusammengefasst werden.Um der auf drei Monate angelegten Aktionsphase Auftrieb zu geben, ist jetzt auch die Videoplattform Youtube Partner. Ab sofort finden sich in dem neu eingerichteten Youtube-Kanal unter www.youtube.de/netzgegennazis kurze Videos von Michael Ballack, Oliver Bierhoff oder auch Wladimir Kaminer, die sich gegen Rechtsextremismus äußern. Doch die Plattform ist auch offen für alle, die ein Zeichen gegen rechtsextreme Taten setzen wollen. Sie sind aufgefordert, in kurzen Videospots selbst Stellung zu nehmen. » www.netz-gegen-nazis.de
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2008