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?Geil, oder??

Nils Rüdel
Bionade-Chef Peter Kowalsky ist der erfolgreichste Aufsteiger der vergangenen Jahre. Einst von der Pleite bedroht, erobert er mit der Biobrause die Welt. Kowalsky ist überzeugt, dass er so ziemlich alles richtig gemacht hat, und zwar instinktiv.
Irgendwas passt hier nicht zusammen. Die Kulisse der alten Dorfbrauerei steht noch, der Putz bröckelt hier und da. ?eter-ier? ist in Leuchtschrift ans Dach geschraubt, seit Jahren schon fehlen das P und das B. Darunter aber, im Hof, da ist die Zukunft. Neue Edelstahltanks reihen sich aneinander, Gabelstapler wuseln herum, Mercedes-Limousinen parken vor der Tür. Meterhoch stapeln sich auf dem Hof blaue Limo-Kästen mit dem Schriftzug ?Bionade?. Sie erinnern an Szenebars und Bio-Supermärkte, an Großstadt. Hier, in der 1827 gegründeten Familienbrauerei, wirken sie wie hineingeworfen aus einer anderen Welt.In dem 3 800-Seelen-Ort Ostheim vor der Rhön, in der nordwestlichsten Ecke Bayerns, wo es heißt, dass sich Fuchs und Hase noch nicht mal gute Nacht sagen, hier spielt die wohl schönste Aufsteigergeschichte der vergangenen Jahre. Die Bionade-Story ? eine Geschichte über Not, Erfindergeist, Familienzusammenhalt und wahnwitzigen Erfolg.

Die besten Jobs von allen

Eine der Hauptfiguren ist Peter Kowalsky, 39, entschlossener Blick, Jeans, Holzfäller-Statur. ?Ich kann es selbst gar nicht fassen?, sagt der Geschäftsführer der Bionade in fränkischem Dialekt. Der gelernte Brauingenieur ist das Gesicht der Firma, er lebt mit Frau, seiner neunjährigen Tochter Sarah und einem Hund hinter der Brauerei.Der ?Beder?, wie ihn seine Mitarbeiter rufen, sitzt aufgeräumt in seinem Büro im Verwaltungstrakt, schaut hinaus auf den Hof und sagt: ?Es ist der Wahnsinn.?Bionade, sein Lebenswerk und das seiner Familie, ist heute aus Bars, Supermärkten, Café-Ketten und Restaurants nicht mehr wegzudenken. Nur noch Fanta und Sprite verkaufen mehr Limonaden, aber selbst das könnte sich noch ändern. ?Wir wollen Volksbrause werden?, sagt Kowalsky. Die Bionade-Welle hat bald jeden Winkel des Landes geflutet, gerade rollt sie über die Grenzen bis nach Amerika, Japan und Australien. Bionade ist schon längst nicht mehr nur eine Brause, sie ist ein Statement, ein Lebensgefühl. ?Geil, oder?? fragt Kowalsky und grinst.Vor 25 Jahren gibt es noch wenig zu lachen in der Brauer-Familie. Ihr Bier verkauft sich immer schlechter, die Großen, Beck?s, Warsteiner, Krombacher, schalten Fernsehspots. ?Das hat natürlich mehr hergemacht als unser popeliges Rhön-Pils?, erinnert sich Kowalsky. Bald türmen sich die Schulden, die Banken rufen an. Es wird eng um die Privatbrauerei Peter und die Familie, Peter Kowalsky, Bruder Stephan, Mutter Sigrid Peter-Leipold und Stiefvater Dieter Leipold. ?Irgendwann hat meine Mutter dann gesagt: ,Dieter, du musst was machen!??Und Dieter Leipold macht. Der ?Dieder?, wie ihn alle nennen, Braumeister und Erfinder, beginnt 1985, an einem neuen Getränk zu basteln. Einer Limo, die nicht gemixt wird, sondern fermentiert, also ohne Alkohol gebraut. Die wie Bier entsteht, nach dem deutschen Reinheitsgebot und mit biologischen Zutaten. Dieders Vision ist die letzte Karte, die die Familie spielen kann. Alles oder nichts.Stiefsohn Peter Kowalsky hat, wie auch die anderen, immer wieder Zweifel. Es gibt oft Streit. ?Kein Weihnachten, kein Ostern, an dem irgendjemand fröhlich war?, sagt er. Das größte Vertrauen hat stets die Mutter, sie treibt die anderen an. Kowalsky unterbricht sein Brauingenieur-Studium in Weihenstephan und stellt sich in der familieneigenen Diskothek hinter den Tresen. ?Nullachtfuchzehn? heißt der Schuppen auf dem Brauereigelände, Untertitel: ?Der helle Wahnsinn?. Er hält die Familie eine Zeit lang über Wasser. ?Du bleibst da, bis das fertig ist?, befiehlt seine Mutter. Neben der Disko hilft der junge Mann dem Dieder, der mittlerweile wie ein verrückter Professor seine Wohnung in ein Labor verwandelt hat und Tag und Nacht wie besessen forscht. ?Blanke Not ist die stärkste Triebfeder?, sagt Kowalsky. ?Das tust du dir nicht freiwillig an.?
Nach jahrelangem Hoffen, Verzagen und Weitermachen aber ist die Brause 1995 fertig und patentiert. Gut drei Millionen Euro hat die Familie dafür zusammengekratzt. Die Banken sind nur deshalb noch gnädig, weil sich die Jungs verpflichten, für das neue Produkt geradezustehen. So wird Kowalsky zwei Jahre später Chef. ?Ich bin praktisch in die Situation reingenötigt worden?, sagt er. ?Ich sollte Verantwortung übernehmen, also habe ich gesagt, ich mach den Geschäftsführer.? Eine Ausbildung dafür hat er nie bekommen. ?Das war learning by doing.? Wäre der Plan gescheitert, hätte Kowalsky bei irgendeiner Brauerei in Nürnberg oder Frankfurt sein Glück versuchen müssen.
Stattdessen lernt er erst einmal, wie bitter es sein kann, ein neues Produkt an den Mann bringen zu müssen. Der Beder und der Dieder fahren 1995 mit klappernden Bionade-Kisten im Kofferraum durch die Rhön. Sie reichen Radlern eine Flasche, ?Grüß Gott, probiern?S doch mal?, sie besuchen heimische Gastwirte. Ein Flop: Auf dem Land können die Leute nichts anfangen mit der herben Brause. Holunder, Litschi, Kräuter, Ingwer-Orange ? ?Goddla, was issn des?? Interesse haben nur Fitness-Studios und Osteoporose-Selbsthilfegruppen. Wegen der Mineralien.Nächster Versuch. Diesmal bei Brauereien, sie sollen Bionade in Lizenz vertreiben. Doch der Beder und der Dieder werden abermals nach Hause geschickt. ?Die Leute fanden?s langweilig?, erinnert sich Kowalsky an die Zeit des Klinkenputzens. Es sind die Neunziger, Süßes ist angesagt, Red Bull, Cherry Coke. Von Bio und Öko will höchstens die Grünkernfraktion etwas wissen.Nachdem Kowalsky wieder mal als ?Spinner aus Ostheim? abgeblitzt ist, trifft die Familie noch im selben Jahr die beste Entscheidung: ?Dann machen wir?s halt selber.?Kowalsky ist ein Sturkopf. Schon in seiner Bundeswehrzeit wird er auffällig: Zehn von 18 Monaten sitzt er im Strafwochenenddienst, wird eingekerkert, weil er wiederholt Befehle verweigert. ?Ich wurde leider nicht befördert?, sagt er und wirkt ein wenig stolz. Schulfreunde beschreiben ihn als jemanden, der sich nicht verbiegen lässt.Schädel durch die Wand ? so probiert er eben einen neuen Weg. Erst einmal lässt er das bleiche, an flüssige Medizin erinnernde Bionade-Etikett auffrischen. Die Fuldaer Werbeagentur Cre Art entwirft den weißen Schriftzug vor blauem Grund und das kreisförmige Logo. Dann geht es hinaus in die Welt. ?Wir hatten kein Geld für Werbung, also wollten wir in eine Großstadt mit neugierigen Menschen und vielen Journalisten?, erinnert sich Kowalsky. So taucht Bionade erstmals 1997 in Hamburger Kneipen auf.?Flasche auf, gut finden, heimgehen, weitersagen?, beschreibt Kowalsky seine aus der Not geborene Mundpropaganda-Strategie, die voll aufgeht. Bionade spricht sich herum, ein irgendwie lässiges Getränk, man ist keine Spaßbremse, wenn man statt einer Beck?s-Flasche eine Bionade in der Hand hält. Und gesund ist es auch. ?Nie haben wir gesagt, das ist jetzt der neue Szenedrink. Die Leute sollten selbst definieren, was es ist.?1999 dann, die Bio-Öko-Welle nimmt gerade Fahrt auf, schafft Bionade den Sprung nach Berlin und in andere Großstädte. Erste Artikel erscheinen in der Presse. Als der Hessische Rundfunk über die Brause berichtet, wird der Frankfurter Marketing-Fachmann Wolfgang Blum auf das neue Getränk aufmerksam. Er ruft in Ostheim an und sagt: ?Sie müssen bester Softdrink werden ? das verstehen die Leute.? Blum kümmert sich seitdem ums Marketing. Die beste Entscheidung seiner Karriere, sagt er.Als 2003 das Wirtschaftsblatt ?Brand Eins? über Bionade schreibt, geht es richtig los. Die kleine Brauerei ist plötzlich ein ernst zu nehmender Geschäftspartner. Coca-Cola wird einer der Großhändler, Einzelhandelsriesen klopfen an. Sie verzichten sogar auf Listungsgebühren, die normalerweise anfallen, wenn sie ein neues Produkt in ihre Regale stellen. Die Märkte müssen Bionade aufnehmen ? die Kunden wollen es so.Bereits zu dieser Zeit ächzen in Ostheim die Förderbänder. Im Jahr 2003 verlassen eine Million Flaschen die Brauerei, 2006 sind es schon 70 Millionen. Dieses Jahr sollen 250 Millionen Flaschen ausgeliefert werden. Gerade hat Kowalsky einen neuen Tank bestellt, hoch wie ein Haus. Seit dem Frühjahr wird im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet, jede Woche stellen er und sein Bruder Stephan ein bis zwei neue Leute ein. 150 Mitarbeiter gibt es schon, vor kurzem waren es noch 20. Bald will Kowalsky eine Sekretärin engagieren. ?Ich kann nicht mehr alles machen?, sagt er.Inzwischen gibt es ein ganzes Netz von Vertriebsmenschen, überwiegend Quereinsteiger. Einer ist nebenher Schauspieler, ein anderer war früher Fahrradkurier. Der Mann vor Ort in Ostheim, Rüdiger Omert, ist ein alter Freund. Früher war er Animateur im Hotel im Nachbarkaff. Als die Zeiten bei der Braufamilie schlecht wurden, machte er rüber ins ?Nullachtfuchzehn? und legte Platten auf. Heute fährt er durchs Land und bietet Bionade an. ?Man muss niemandem was aufschwatzen, ein subber Job?, sagt er. ?Und ich kann was für den Beder tun.?
Der Beder steht derweil im Rampenlicht ? was der Familie auch schon mal aufstößt. ?Ich werde zu Veranstaltungen eingeladen, wo mein Bruder fragt: ,Geht?s noch??? sagt Kowalsky. Erst im Juli war er beim Sommerfest des Bundespräsidenten, stolz zeigt er einen Regenschirm mit dem Amtssiegel. ?Es ist oft ganz schwer, nach innen zu vermitteln, dass das keine Profilneurose ist?, sagt er. Damals sei allerdings klar gewesen, dass er diesen Job übernehmen solle. Sein Bruder, heute 36, sei das Organisationstalent und kümmere sich als Betriebsleiter vor allem um die Technik. Im Dorf und für seine Mitarbeiter sei Kowalsky immer noch der Beder, und das werde auch so bleiben. ?Ich würde auch nie hier im Frack rumlaufen, es sei denn, es sind Banker da, von denen ich 100 Millionen haben will?, sagt er. Erfinder Dieter Leipold, heute 70, hat sich zur Ruhe gesetzt, die Mutter, 61, Inhaberin der Brauerei Peter, arbeitet in der Verwaltung.
Weggehen aus Ostheim will Kowalsky nicht, den Laden verkaufen erst recht nicht. Obwohl bereits Coca-Cola mit den Millionen gewunken hat. ?Dafür haben wir?s nicht gemacht?, sagt Kowalsky. ?Man trägt nicht sein Kind durch die Wüste und gibt es anschließend zur Adoption frei.?Er will Bionade behalten, weil die Arbeit einen ?Heidenspaß? mache, und weil man zeigen könne, dass es auch anders geht: gute Ernährung, gute Unternehmensführung. Man nimmt ihm diese Worte wirklich ab. Auch wenn er selbst kein Öko sei, will er etwas beitragen: ?Es macht sich doch kein Schwein Gedanken darüber, was man so alles in sich reinschüttet.? Und als Unternehmer, sagt er, habe man ?ein bisschen mehr Verantwortung als einfach nur abzuschöpfen?.Abschöpfen, das wirft er hingegen seinen Konkurrenten vor, die jetzt, wo Bionade erfolgreich ist, reihenweise mit Imitaten auf den Markt kommen. Hier kann der Beder auch gnadenlos sein: ?Wenn einer kommt und sagt, wir sind wie Bionade, dann gehen wir sofort zum Anwalt.? Gerade hat er in außergerichtlichen Vergleichen erkämpft, dass Sinalco und Plus ihre Bionade-ähnlichen Getränke wieder zurückgezogen haben. Sicher sei es heikel, sich mit großen Konzernen anzulegen. ?Aber wer bin ich denn, dass ich davonlaufe, sobald der Erste anfängt zu brüllen?? So nett der Beder ist ? anlegen möchte man sich mit ihm nicht.Überhaupt sei das ?ein großes Haifischbecken da draußen?, sagt Kowalsky. ?Wir haben ja gedacht, wir leben auf einer Insel der Glückseligen.? Seine Firma für schlechte Zeiten zu rüsten, darin sieht er jetzt seine Aufgabe. Risikomanagement, Versicherungen, gleichmäßig verteilen auf Einzelhandel, Gastronomie und Ökoläden. Auch Bier wird noch hergestellt, der Anteil macht aber nur fünf Prozent aus.Kowalsky ist überzeugt, dass er so ziemlich alles richtig gemacht hat, und zwar instinktiv: ?Plötzlich bist du ein Vorzeigebeispiel dafür, dass du am Arsch der Welt doch etwas auf die Beine stellen kannst.? Die fehlenden Buchstaben in der Leuchtschrift auf dem Hofdach will er übrigens nicht ersetzen. ?Es ist eine Mahnung?, sagt er. ?Dass wir immer auf dem Boden bleiben.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.11.2007