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?Frauen haben mehr Stil?

Von Gerd Höhler
Piraye Antika ist eine der wichtigsten Frauen in Istanbul: Die 46-Jährige ist Türkei-Chefin der Großbank HSBC mit knapp 5 000 Mitarbeitern. Antika stellt in ihrer Position allerdings keine Ausnahme dar, denn in der türkischen Finanz- und Wirtschaftsmetropole begegnet man allenthalben weiblichen Führungskräften.
ISTANBUL. Die türkische Hauptverwaltung der Großbank HSBC im Istanbuler Finanzviertel Maslak ist gesichert wie eine Festung. Bewaffnete Wachmänner patrouillieren vor dem Gebäude, in dem sich Besucher nur in Begleitung des Sicherheitspersonals bewegen dürfen. ?Das muss leider sein?, sagt Piraye Antika, ?wir haben uns längst daran gewöhnt.? Schon seit 1993 ist Antika Chief Executive Officer (CEO) des Kreditinstituts. Schulterlanges dunkles Haar, dezentes Make-up, ein eleganter dunkelgrauer Hosenanzug, dessen Jackett aus der Herrenabteilung stammen könnte: Die Bankerin, deren braune Augen stets den Blickkontakt zu ihrem Gesprächspartner suchen, strahlt Selbstbewusstsein und Gelassenheit aus. ?Ich mache seit 13 Jahren denselben Job?, sagt die 46-Jährige, fast als müsse sie sich dafür entschuldigen, ?aber meine Arbeit ist immer noch so faszinierend wie am ersten Tag.?Dabei wollte die Volkswirtin eigentlich eine akademische Karriere einschlagen. Doch bevor es dazu kam, wurde sie gleich nach dem Studium in den USA von Chase Manhattan angeworben, um eine Repräsentanz der Bank in Istanbul aufzubauen. Bereut hat Piraye Antika den Wechsel von der Uni in die Finanzwirtschaft ?keinen Augenblick?, wie sie sagt. ?Was mich reizt, ist der ständige, schnelle Wandel in unserer Branche, die Breite meines Aufgabenfeldes, vom Investment-Banking über das Privatkundengeschäft bis zur Kreditkartensparte, und der Kontakt mit so vielen, ganz unterschiedlichen Kunden.?

Die besten Jobs von allen

Dass auch Krisenmanagement zu ihrem Job gehört, erfuhr Piraye Antika am 20. November 2003, ein Datum, das sie wohl nie mehr vergessen wird. An jenem Tag detonierte um elf Uhr vor der Hauptverwaltung der HSBC ein mit Sprengstoff vollgepackter Lieferwagen. ?Das Gebäude wankte in seinen Grundfesten, wir dachten, es sei ein Erdbeben, so stark war die Erschütterung?, erinnert sich Antika. Den Rettungsmannschaften, die wenige Minuten nach der Explosion eintreffen, bietet sich ein Bild völliger Verwüstung. Wie durch ein Wunder kamen von den fast 1 000 Menschen, die in dem Gebäude arbeiteten, nur drei ums Leben. Panik? Die hat Piraye Antika zumindest selbst nicht verspürt. ?Dazu war gar keine Zeit, wir mussten agieren. Schon zwei Stunden nach der Explosion waren wir wieder im Interbank-Dealing?, berichtet die Bankerin, ?und wir haben an jenem Tag trotz der Ausnahmesituation alle unsere Zahlungsverpflichtungen erfüllt.? Der Anschlag war Teil einer von türkischen Al-Kaida-Sympathisanten verübten Attentatsserie, bei der im November 2003 in Istanbul über 60 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Hat HSBC nach dem Attentat jemals daran gedacht, wegen der Terrorgefahr die Türkei zu verlassen? ?Keine Sekunde lang?, sagt Antika. ?Es mag zynisch klingen, aber in gewisser Weise hat uns der Anschlag sogar geholfen ? er hat unser Team zusammengeschweißt und motiviert?, sagt sie.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Bei uns ist es leichter, als Frau Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen.?Dass sie selbst nun schon 13 Jahre lang HSBC die Treue hält, erklärt Piraye Antika auch mit dem Charakter der Bank: ?HSBC ist einerseits global aufgestellt, andererseits pflegen wir eine sehr familiäre Atmosphäre. Das ist Teil unserer Unternehmenskultur. Deshalb habe ich mich bei HSBC auch niemals ausgegrenzt gefühlt, etwa weil ich eine Türkin, eine Muslimin oder eine Frau bin.? 55 Prozent der Beschäftigten bei HSBC Turkey sind Frauen. Vor allem in den Führungsebenen begegnet man in der türkischen Finanzwirtschaft häufiger Frauen als in den meisten westlichen Industrieländern. ?Bei uns ist es leichter, als Frau Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen?, erklärt die zweifache Mutter. ?Die Familienverbände sind noch intakt, Großeltern, Geschwister und Tanten helfen aus bei der Versorgung der Kinder, außerdem sind Haushaltshilfen wegen der niedrigeren Löhne erschwinglich.? Das erkläre, warum der Anteil der Frauen an den türkischen Universitäten höher ist als in vielen entwickelten Ländern. Piraye Antika führt das aber auch darauf zurück, dass die Frauenrechte in der Türkei schon in den 1920er-Jahren verbrieft wurden, früher als in manchen westeuropäischen Ländern. So bekamen die Türkinnen noch vor den Französinnen und den Italienerinnen das Wahlrecht.Was die Frauenrechte angeht, ist die Türkei allerdings ein Land krasser Gegensätze. In Ostanatolien gibt es Landstriche, wo bis zu 40 Prozent der Mädchen keine Schule besuchen, wo Zwangsheiraten, die Vielehe, Gewalt gegen Frauen und Ehrenmorde auch heute noch als selbstverständlich gelten. Das ist die eine, die rückständige Türkei. Aber es gibt auch die moderne Türkei, wie sie Piraye Antika repräsentiert. 36 Prozent der türkischen Hochschullehrer, 31 Prozent der Architekten und sogar mehr als 50 Prozent der Ärzte sind weiblich. Frauen stehen an der Spitze der beiden höchsten Gerichte des Landes. Auch in den Chefetagen der Finanz- und Wirtschaftsmetropole Istanbul ist Piraye Antika keineswegs eine Ausnahmeerscheinung, hier begegnet man allenthalben weiblichen Führungskräften. So wird die zweitgrößte Unternehmensgruppe des Landes, die Sabanci Holding, von einer Frau geführt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Frauen haben ein besseres Gespür und mehr Menschenkenntnis als Männer.?Was kann eine Frau im Management besser als ein Mann? Die Antwort kommt schnell und bestimmt: ?Stil ? Frauen haben mehr Stil?, sagt Piraye Antika. Als weitere weibliche Management-Qualitäten nennt sie Ausdauer und einen ?sechsten Sinn, ein besseres Gespür und mehr Menschenkenntnis als Männer?. Das, so glaubt die Bankerin, bewähre sich vor allem bei Personalentscheidungen. Menschenkenntnis wird die HSBC-Chefin in den kommenden Jahren brauchen, denn ihr Fünfjahresplan für die Jahre 2006 bis 2010 sieht unter anderem vor, den Personalbestand von heute knapp 5 000 auf rund 9 000 Beschäftigte fast zu verdoppeln. Der Stellenausbau ist Teil eines ehrgeizigen Expansionskonzepts von Antika: ?Heute liegen wir auf dem türkischen Bankenmarkt im Mittelfeld, bis 2010 wollen wir unter die ersten Fünf.?
Auf dem VormarschDie Bank: HSBC Bank Turkey A.S. ist eine 100-prozentige Tochter der HSBC Bank plc, London, und das größte ausländische Kreditinstitut in der Türkei. Mit der Übernahme der Demirbank 2001 rückte HSBC unter den türkischen Geschäftsbanken auf Rang zwölf vor. Wachstumspotenzial sieht man vor allem im Privatkundengeschäft. Die Zahl der Geschäftsstellen soll sich von heute 192 bis 2010 auf fast 400 verdoppeln.Die Bankerin: Die 1960 geborene Piraye Antika besuchte in Istanbul das französische Lyzeum und studierte an der Bosporus-Universität sowie der University of Iowa Volkswirtschaft. Ihre Karriere in der Finanzwirtschaft begann 1985 als Teamchefin für multinationale Unternehmen in der Istanbuler Repräsentanz der Chase Manhattan Bank. 1990 wechselte Antika als Chefin des Corporate Banking zur Istanbuler Niederlassung der Midland Bank, drei Jahre später wurde sie dort CEO ? eine Position, die sie bis heute in dem seit 1999 als HSBC Turkey firmierenden Institut hat.Weitere Folgen der Porträt-Serie finden sie hier: www.handelsblatt.com/finanzfrauen
Dieser Artikel ist erschienen am 04.01.2007