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?Frauen entdecken die Möglichkeiten?

Petra Hesser ist seit 2006 Deutschland-Chefin von Ikea. Jede zweite Führungskraft bei Ikea Deutschland ist weiblich ? und die Tatsache, dass sie selbst an der Spitze steht, längst keine Sensation mehr. Im Interview spricht sie über die Vorzüge von Managerinnen.
Petra Hesser, Ikea-Chefin Deutschland: "Wir räumen Frauen keine Sonderrechte ein, aber lassen jede Menge Freiheiten."
Handelsblatt: Frau Hesser, dem ?unmöglichen Möbelhaus? ist scheinbar Unmögliches gelungen. Jede zweite der etwa 1 000 Führungskräfte bei Ikea in Deutschland ist heute eine Frau. Wie haben Sie das geschafft? Petra Hesser: Programme zur Chancengleichheit, zur Förderung von Frauen oder eine Quotenregel werden Sie bei Ikea nicht finden. Wir räumen Frauen keine Sonderrechte ein, aber lassen jede Menge Freiheiten. Wer Talent und Willen hat, kann bei uns seine Möglichkeiten entdecken. Heute sind 50 Prozent der Teamleiter und 40 Prozent der Abteilungsleiter Frauen. Schon jedes dritte unserer 39 Möbelhäuser führt eine Frau. Und auch auf der Top-Ebene sind vier von neun Managern Frauen. Als ich vor einem Jahr Deutschland-Chefin wurde, war das in der Ikea-Welt längst keine Sensation mehr.

Die besten Jobs von allen

Männer müssen zur Arbeit, Frauen an den Wickeltisch ? mit solch provokanten Stammtisch-parolen hatte Ikea kürzlich halb Deutschland plakatiert. Auch die neue Stellenanzeige ?Haben Sie das Zeug zur Karrierefrau?? zielt auf Frauen und Mütter. Haben Sie das Thema diskriminierte Frauen als Marketinginstrument entdeckt? Schließlich sind 70 Prozent unserer Kunden weiblich, das sollte sich auch in der Mischung der Mitarbeiter und Manager widerspiegeln. Deshalb versuchen wir, noch mehr weibliche Führungstalente anzulocken ? und zwar mit Witz und Augenzwinkern. Da ist eine chaotische Handtasche ein schöner Hingucker. Ganz bewusst spielen wir mit Begriffen, wie man sie in jeder Stellenanzeige findet: Organisationstalent ? symbolisiert durch einen Schnuller ?, Argumentationsvermögen ? ein Pfefferspray ? und logisches Denken ? ein Kondom. Ich finde, die Anzeige ist uns richtig gelungen.Glaubt Ikea, dass Frauen die besseren Manager sind?Ich bin überzeugt, Frauen bringen in manchen Situationen andere Attribute mit. Sozialwissenschaftliche Studien belegen ja: Schon im Sandkasten kommunizieren kleine Jungs und Mädchen ganz verschieden, hören anders zu. Frau können sich oft gut in andere ? wie Kunden ? hineinversetzen. Diese Unterschiede in gemischten Teams positiv zu nutzen sehe ich als Aufgabe. Nur die Vielfalt bringt es. Ich warne aber davor, in Klischees zu verfallen, dass Frauen per se für die soziale und Männer für die sachliche Komponente zuständig seien.Wie sehen denn die Ikea-Männer den rasanten Aufstieg ihrer Kolleginnen? Gab es Unmut?Einen kleinen Witz in der Pause vielleicht, aber ansonsten funktioniert der Mix tatsächlich: So arbeitet die 29-jährige Chefin eines Möbelhauses eng mit einem Kollegen in gleicher Funktion, der über 30 Jahre Berufserfahrung hat. Vor 15 Jahren war das sicher noch nicht so selbstverständlich hier. Aber wir haben einen großen Vorteil: Ikea expandiert. Selbst wenn immer mehr Frauen Karriere machen, sind keinem Mann Aufstiegschancen verbaut. In einem Unternehmen, das permanent wächst, gibt es diese Art von Rivalität nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Ich kann auch mal auf den Tisch hauen, wenn sich eine Diskussion endlos hinzieht." Was ist, wenn Chefinnen Mutter werden und dann Teilzeit arbeiten möchten?Meist bleiben unsere Managerinnen nach der Geburt ein Jahr zu Hause. Oder arbeiten zunächst nur ein paar Stunden, um Anbindung an Know-how und Kollegen zu behalten. Danach arbeiten viele Teilzeit, zum Beispiel in einer Vier-Tage-Woche. Gerade bin ich dabei, auch den Posten des Möbelhauschefs für Teilzeitmodelle zu öffnen. Anfangs war ich skeptisch, aber heute bin ich überzeugt: Job-Sharing kann auf allen Führungsebenen funktionieren ? das Entscheidende ist, dass die Personen harmonieren und der Informationsfluss stimmt. Bei Ikea in Holland habe ich Job-Sharing testen lassen ? mit Erfolg. Aber ich weiß wohl, welche Herausforderung es ist ? insbesondere für Managerinnen ?, Kinderbetreuung zu organisieren. Führung heißt ja, ich gebe einen Teil von mir selbst. Wer dann nicht frei ist, nicht die Sicherheit hat, sich auf seinen Job voll einzulassen, bekommt Probleme.Ikea schreibt ja Familie ganz groß. Warum haben Sie dann erst vor einem Jahr mit dem Takatuka-Land in Ludwigsburg die erste Kita für Ikea-Kinder eröffnet?Das entspricht nur konsequent der Ikea-Philosophie. Wie unseren Kunden, die Möbel selbst aufbauen, sagen wir auch unseren Mitarbeitern: ?Einen Teil machst du, einen Teil machen wir.? Wir können und wollen keine Kita betreiben. Aber wir unterstützen gerne gute Elterninitiativen. Derzeit laufen bereits drei ähnliche Kita-Projekte in Wallau, Dresden und Erfurt.War für Sie immer klar, dass Sie mal die große Karriere machen?Anfangs war mein Traum, mal Chefin eines Ikea-Hauses zu werden. Ich hatte immer Menschen, die an mich glauben. Menschen, die überzeugt waren, ich könnte eine größere Verantwortung übernehmen, und mir auch die Freiheit dazu gaben. Aber nicht, weil ich eine Frau bin. Außerdem habe ich meine Ziele immer klar geäußert. Etliche Frauen machten im Beruf den Fehler, dass sie darauf warten, angesprochen zu werden.Versuchen manche Frauen im Job, die besseren Männer zu sein? Ich kann auch mal auf den Tisch hauen, wenn sich eine Diskussion endlos hinzieht. Aber es gibt Karrierefrauen, die strahlen Härte aus. Manche unterliegen sogar dem Irrglauben, Härte demonstrieren zu müssen. Bei wirklich erfolgreichen Frauen fällt mir immer wieder auf: Sie sind professionell im Job und zugleich authentisch als Frau. Sie verstecken ihre weibliche Komponente nicht ? aber kokettieren eben auch nicht damit.Das Gespräch führte Katrin Terpitz.
Petra Hesser1958: geboren in Neckarsulm, studiert sie nach Einzelhändler-Lehre BWL an der FH Rheinland-Pfalz. Nach Traineeprogramm bei Hertie steigt sie 1984 bei Ikea ein.1995: Hesser wird Ikea-Personalchefin. Drei Jahre leitet sie Ikea Niederlande.Seit 2006: Deutschland-Chefin mit 12 500 Mitarbeitern.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.02.2007