Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

?Es muß zusammenwachsen...“?

Peter Köhler
Foto: Bob Heinemann
Doch bekanntlich funktioniert nicht jede Ehe, wie sie soll, schnell bleibt einer auf der Strecke – und bei Fusionen sind das nur allzu oft die Aktionäre. Die deutsch-amerikanische Auto-Liaison gilt heute schon als schwer zerrüttet, was jeder Anleger mit einem Blick auf das Kurs-Chart sehen kann.
Wie sich die Bilder gleichen: Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle und Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Bernd Fahrholz demonstrierten bei der Bekanntgabe der Bank-Übernahme einen so engen Schulterschluss, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie gepasst hätte. Auch Jürgen Schrempp und Robert Eaton zelebrierten eine Traumhochzeit, als sie im Frühjahr 1998 den Zusammenschluss von Daimler-Benz und Chrysler besiegelten. Doch bekanntlich funktioniert nicht jede Ehe, wie sie soll, schnell bleibt einer auf der Strecke – und bei Fusionen sind das nur allzu oft die Aktionäre. Die deutsch-amerikanische Auto-Liaison gilt heute schon als schwer zerrüttet, was jeder Anleger mit einem Blick auf das Kurs-Chart sehen kann.

?Nicht nur die Größe zählt, sondern entscheidend ist, ob ein Unternehmen langfristig wertvoller wird“, meint Peter Strüven, Senior Vice President bei Boston Consulting. Manchmal sei eine Fusion nur ?die Flucht vor der Innovation“ – und damit keine Empfehlung für die Aktie. Gelungene Fusionen sind für Strüven Glaxo Wellcome oder die Übernahme von Westinghouse durch Siemens. Im ersten Fall sei die geographische Abdeckung breiter geworden, im zweiten Beispiel reagierte der Elektrokonzern auf Überkapazitäten im Kraftwerks- und Turbinengeschäft.

Die besten Jobs von allen


Für eine Mogelpackung halten viele Unternehmensberater den ?Merger of Equals“ – den Zusammenschluss von Gleichen. Der Begriff werde nur benutzt, damit bei einem der Partner nicht das Gefühl des Verlierens aufkomme. Aber hier werde schon die Saat für kommende Reibungsverluste gelegt, denn natürlich habe am Ende immer einer das Sagen. Kleinaktionäre sollten bei dieser Ankündigung lieber gleich verkaufen.

Unternehmensberater Fritz Moser von Mummert + Partner hat beispielhaft für den Finanzbereich die Vor- und Nachteile einer Fusion gegenübergestellt. Positiv wirken sich aus: Größenvorteile und daraus resultierende Kosteneinsparungen; Verbundvorteile durch Risikostreuung; Transfer von Know-how zwischen den Partnern. Zu den Gefahren zählen: Unternehmen werden zu komplex und sind nicht mehr steuerbar; mehr Bürokratie; Überlappungen bei Kunden. Vor allem bei der Fusionsfinanzierung durch Aktientausch – das Unternehmen bietet seinen Eignern X neue Aktien für Y alte – fahren die Aktionäre in der Regel sehr schlecht, wie eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt: Die durchschnittlichen Kursverluste betrugen für den Altaktionär übernommener Unternehmen nach einem Jahr – also dem Ende der für ihn neuen Spekulationsfrist – 44,6 Prozent. Bei Dax-Werten waren es minus 13 Prozent, bei Neuer-Markt-Werten gingen 85,9 Prozent verloren.

Zum Vergleich: Der Dax legte in dieser Zeit um zehn Prozent zu, der Nemax verlor 49 Prozent. Michael Bauer, Partner bei Roland Berger, setzt sich deshalb für ein zusätzliches Aufgeld bei Fusionen ein, um Aktionäre für das steigende Risiko zu entschädigen. Weil die Kleinaktionäre dies aber nicht durchsetzen können, sei es besser, ?die Kursgewinne auf dem Höhepunkt der Übernahmespekulation oder kurz nach der Ankündigung mitzunehmen“, sagt Bauer. Kurz- und mittelfristig zahlen sich die meisten Zusammenschlüsse für den Anleger nicht aus.

E-Mail: p.koehler@vhb.de

Weitere Informationen unter: www.karriere.de/aktien




GUT ZU WISSEN

Wenn eine AG durch eine andere Firma zu mindestens 95 Prozent übernommen wird, muss den verbleibenden freien Aktionären eine angemessene Abfindung angeboten werden. Sie erhalten dann entweder eine Barabfindung und/oder Aktien des übernehmenden Unternehmens.

Ein Altaktionär hat prinzipiell vier Möglichkeiten, auf die anstehende Hochzeit zu reagieren:

  • Er nimmt die Barabfindung an. In der Vergangenheit wurde meist ein Aufschlag auf den letzten Börsenkurs vor der Fusion gezahlt (Stichtagsprinzip) – ein Glücksspiel, denn im Zuge der Fusionsdiskussion schlugen die Kurse oft nach oben und unten aus. Vor kurzem hat der Bundesgerichtshof festgelegt, dass für eine Abfindung künftig der durchschnittliche Börsenkurs drei Monate vor dem Stichtag maßgeblich ist (Az. II ZB 15/00).

  • Er tauscht seine alten Aktien in Papiere der neuen Gesellschaft – in der Regel zu einem ?Freundschaftspreis“. Bevor er das tut, sollte er genau hinhören, welche Chancen der neuen Gesellschaft eingeräumt werden.

  • Er ignoriert die Fusion und behält seine alten Aktien. Kann er tun, macht aber wenig Sinn: Die Altaktien werden zwar noch notiert, aber es besteht kaum Nachfrage und deshalb selten ein aktueller Kurs. Der Preis der Aktie wird vom Unternehmen nicht mehr gepflegt. Das Ganze ist aber eine gute Möglichkeit, das Unternehmen zu ärgern: Selbst wenn es nur noch einen verbleibenden freien Aktionär geben sollte, muss eine Hauptversammlung abgehalten werden – siehe Mannesmann.

  • Er verkauft seine Aktien über die Börse. Traut man einer Fusion oder Übernahme nicht über den Weg, ist es langfristig besser, aus dem Wert auszusteigen – und zwar, bevor zu viele Analysten ihren Unmut kundgetan haben und noch mehr ausstiegswillige Anleger den Kurs kaputtmachen. Erfahrungsgemäß legen während einer Übernahmediskussion die Aktien des übernommenen Unternehmens deutlich zu, weil sich Spekulanten Arbitragegewinne erhoffen. Die Aktien des Übernehmenden geraten dagegen wegen der anstehenden Hochzeitskosten meist unter Druck.
  • Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2001