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„Es ist halt alles so passiert“

Von Thomas Knüwer
Drei 28-Jährige und ihr Planlos-Verlag sind das kleine Wunder der deutschen Medienbranche. Mit einer Auflage von 5 000 Stück fing 1994 alles an.
Der Zweite wäre modischer gekleidet. Taufen wir ihn Tino Wolter. Er trüge Hemden, die zerknittert sind, weil es der Modedesigner es so wünscht. Ein schmaler Bartstreifen würde Mund und Kinn umspielen, ähnlich wie bei Stefan Raab.Nummer drei schließlich, Konrad Schmidt, wäre der Außenseiter. Der Merkwürdige. Mit einem 20 Zentimeter langen dunklen Spitzbart, der zum Zopf geflochten ist, wie ein moderner Guru mit schwarzer Baseball-Kappe auf dem Kopf.

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Diese drei also stünden beispielhaft für die 28-Jährigen im Lande. Und dann würde man schreiben, dass sie sehr verschieden sind und deshalb nichts miteinander anfangen könnten. Logisch.Aber falsch. Denn Haring, Wolter und Schmidt gibt es tatsächlich. Zusammen schufen sie ein kleines Wunder der deutschen Medienwelt: den Planlos-Verlag in Dresden. Würde man diesen einem Unternehmensberater beschreiben, er würde ihn abtun als realitätsferne Gutmenschen-Vision und sagen: ?So was kann nicht funktionieren.?Tut es aber ? mit wachsendem Erfolg. Rund drei Millionen Euro Umsatz macht Planlos mit dem Schülermagazin ?Spießer?, der Dresdener Ausgabe des Stadtmagazins ?Prinz? und dem Klassenfahrten-Reisebüro Luégo. Schwarze Zahlen sind selbstverständlich, ebenso wie Schuldenfreiheit. Gerade hat der Verlag auch noch das Dresdener Stadtfernsehen übernommen ? sehr zum Ärger lokaler Medien, die nun gegen die Jung-Verleger wettern.Während in Westdeutschland kaum jemand den ?Spießer? kennt, ist er mit einer Auflage von 300 000 Exemplaren in Ostdeutschland eine Macht. Zehnmal im Jahr wird das Magazin auf Zeitungspapier kostenlos an Schulen verteilt, bei McDonald?s, in Kinos und Bibliotheken.Wer als Inhalt plumpe Anbiederung an die Zielgruppe boygroup-vernarrter Teenies erwartet ? also das, was ?Bravo? & Co. machen ?, wird überrascht: Als ?Student für einen Tag? bereiten die Autoren die Leser auf die Uni vor oder erklären, wie Ersparnisse am besten angelegt werden. ?Der ,Spießer? schreibt im Gegensatz zu ,Bravo? oder ,Yam? nicht nur über Stars und Sternchen, sondern über aktuell politische Themen, die Jugendliche bewegen?, lobt die 17-jährige Nora Jakob aus dem sächsischen Örtchen Leisnig. Aktivieren soll der ?Spießer?. Die Leser sollen selbst etwas auf die Beine stellen ? und sei es auch nur, Artikel zu verfassen. Denn das Magazin wird von Jugendlichen geschrieben, angeleitet von Journalisten. Chefredakteur ist Peter Stawowy, mit 33 Jahren noch älter als seine Verlagschefs. Er war Redakteur beim Medien-Fachblatt ?Kress Report?, bevor er nach Dresden kam. Doch auch er schreibt nicht selbst ? er zeigt nur, wie es geht.Fragt man Haring, Wolter und Schmidt, wie alles begonnen hat, darf man keine einheitlichen Antworten erwarten: ?Es gibt darüber abweichende Meinungen?, sagt Schmidt. Er und Haring, darauf können sie sich immerhin einigen, besuchen Anfang der 90er ein Gymnasium im Süden Dresdens und wollen Schulradio machen. Also hängen sie Boxen auf und sorgen in den Pausen für Unterhaltung. ?Eine lächerliche Initiative von Schülern, die nicht ausgelastet waren?, sagt Haring. Das Radio wird untersagt, also machen sie eine Schülerzeitung ? bis auch die nach kritischen Artikeln verboten wird: ?Da haben wir uns gedacht: Machen wir gleich was für ganz Dresden.?Mit einer Auflage von 5 000 Stück fing 1994 alles an. Als Haring und Schmidt den Führerschein haben, können sie auch den Stadtgürtel mit ihrer Zeitung beliefern. 30 Leute arbeiten mit. ?Diesen Freundeskreis haben wir restlos verschlissen. Zu keinem von ihnen hab ich noch Kontakt?, gibt Haring zu. Schon damals ist er zuständig für das Kaufmännische. Auch um Anzeigen kümmert er sich: ?Ich hab mir Adressen rausgesucht, bin hingefahren und hab die Leute voll gequatscht.? Als ein Interessent fragt, ob er Skonto gewähre, sagt Haring: ?Klar ? wenn Sie mir erklären, was das ist.?Die schulischen Leistungen aber leiden. Nur das Einschreiten positiv gesinnter Lehrer verhindert den Schulausschluss wegen zu vieler Fehlstunden. Harings Eltern sperren das Telefon, als die Rechnung die 300-Mark-Grenze überschreitet: ?In dem Moment haben wir uns über Strukturen Gedanken gemacht.?Ähnliches ist immer wieder zu hören, wenn das Trio aus der Vergangenheit erzählt. An der Professionalität wird gearbeitet, wenn es nötig ist. Zum Beispiel 1997, als aus Planlos eine richtige Firma wird. Bis heute ist es bei der damals gegründeten Gesellschaft bürgerlichen Rechts geblieben. ?Da müssen wir auch mal ran?, sagt Wolter, der im Jahr 2000 zum Team stieß.Auch die sächsischen Jugendmedientage werden einfach so geboren. Aus einer Idee wird ein kleines Ding, dann eine Massenveranstaltung. Als Spendenangebote kommen, müssen die verbucht werden ? also gründen die drei den Jugendbildungsverein. Der ist Gutmenschentum und Marketinginstrument in einem: Er soll Jugendliche medienkundig machen ? und züchtet ?Spießer?-Autoren.?Zwischendurch haben wir dann noch den ,Prinz? aufgelesen?, sagt Wolter salopp. 2003 erreicht Haring die E-Mail eines Freundes: Der Jahreszeiten-Verlag suche Partner für sein Stadtmagazin ?Prinz?: ?Da haben wir den ,Spießer? eingepackt, hingeschickt, ein paar Tage später saßen die bei uns.? Fragt man ?Prinz?-Verlagsleiter Jörg Hausendorf nach den Planlos-Machern, regnet es Lob: ?Sie haben einen unglaublichen Esprit, eine unternehmerische Attitüde, sind zupackend, nach vorne blickend, sie denken quer.? Oder kurz: ?Wir sind sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.?Die hat den Planlos-Verlag verändert: ?Das war der Umbruch. Wir konnten uns nicht mehr Jeder-macht-alles-Strukturen erlauben?, sagt Wolter. Jetzt betreut er vor allem den ?Prinz?, das Stadtfernsehen und alle administrativen Aufgaben. Haring lenkt den ?Spießer?, und Schmidt kümmert sich um den Rest, Abendausbildung zum Logistikfachmann eingeschlossen. Oder wie es der Langbärtige formuliert: ?Frank ist ein guter Verkäufer, Tino hält das Geld zusammen, und ich gucke, dass das funktioniert, was am Ende immer noch nicht läuft.?Und genauso laufen auch Gespräche mit dem Trio ab. Haring redet viel und oft, gern unterbricht er die anderen. Wolter ist zurückhaltender, diplomatischer. Zwei Jahre war er für die FDP jüngster Ratsherr im Dresdener Stadtparlament. Das prägt. Schmidt sagt selten etwas. Erst am Ende schaltet er sich ein ? das aber umso pointierter.?Profit-Center ? das haben wir vom ,Prinz? gelernt?, sagt er trocken als die Rede auf das Wachstum der vergangenen Jahre kommt. Wolter ergänzt: ?Posteingangsbuch, Kassenbuch ? das sind alles Grausamkeiten, die wir eigentlich nicht haben wollten.? Doch aus dem planlosen Winz-Verlag ist eben ein Unternehmen geworden. Ansatzweise, zumindest. Das wirkt sich auch privat aus: ?Wir hocken nicht mehr jeden Abend zusammen in der Kneipe?, sagt Haring: ?Das hat sich ein wenig auseinander dividiert ? und das ist ein guter Prozess.?Richtige Manager aber wollen sie nicht sein, behauptet Wolter: ?Unser Führungsstil ist wahrscheinlich völlig unmöglich.? Und echte Manager würden wohl kaum einen Urlaub verbringen, wie das Wolter und Schmidt im Sommer 2003 taten: Mit Zug, Auto und Bus reisten sie von Dresden nach Bagdad.Der Erfolg der drei bleibt nicht unbemerkt in der Branche: Großverlage klopfen an, fragen, wie es mit einer Beteiligung oder Übernahme aussieht. ?Es hat auch Gespräche gegeben?, sagt Haring. Aber sie sehen keinen Grund, einen Investor reinzulassen. Andererseits, man weiß ja nie, was passiert. Oder wie Haring sagt: ?Das war ja alles nie geplant. Deshalb auch der Name Planlos. Es ist halt alles so passiert.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.11.2005