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?Ein neuer Blick auf die Kollegen?

Die Fragen stellte Christoph Hus, Handelsblatt
Welchen Nutzen hat es, wenn die Mitarbeiter eines Unternehmens auf Mörderjagd gehen?Das hat gleich einen doppelten Nutzen. Erstens treffen sich die Mitarbeiter außerhalb des Büros in einer ungewohnten Umgebung und sammeln dort gemeinsame Erfahrungen. Wenn sie später wieder im Büro sind, haben sie ein Gesprächsthema, das sie verbindet und die Zusammenarbeit erleichtert. Zweitens besitzt ein Spiel viele Parallelen zur täglichen Arbeit. Auch hier geht es darum, ein Problem zu lösen. Dabei übernimmt jeder verschiedene Rollen: Einer führt die Gruppe, ein anderer kümmert sich um Details. So lernen die Kollegen noch intensiver als im Büro die Stärken und Schwächen jedes einzelnen kennen.

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Welche Bedeutung hat dabei der spielerische Aspekt der Mörderjagd?Der ist von großer Bedeutung, weil er die Teilnehmer aus ihrem Alltag herausreißt. Im Kopf spielt die Arbeit dann keine zentrale Rolle mehr. Man hat deshalb die Möglichkeit, sich seine Kollegen einmal aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Denn viele Menschen verhalten sich außerhalb des Büros viel offener und ungehemmter.Können sich Kollegen außerhalb des Büros besser kennen lernen als bei der Arbeit?Vielleicht nicht besser, aber bestimmt anders. Das funktioniert schon deshalb, weil man die Rolle ablegen kann, die man im Unternehmen üblicherweise spielt. Dadurch ist man weniger gefangen in den üblichen Erwartungen der anderen, kann ganz andere Seiten von sich zeigen als im Alltag.Wie groß ist die Gefahr, dass ein Spiel zu Streit und Missgunst führt und damit das Ziel völlig verfehlt?Streit und Missgunst gibt es während solcher Spiele oft, aber das ist nicht tragisch. Häufig sind Probleme im Büro die Ursache für solche Gefühlsausbrüche, sie werden aber erst beim Spiel sichtbar. Wichtig ist es, diese Erkenntnis danach konstruktiv zu nutzen. Das Spiel kann eine Chance sein, sich mit den Ursachen der Probleme auseinander zu setzen.Sollte das Spiel hinterher gemeinsam analysiert werden?Unbedingt, das ist besonders wichtig. Am besten sprechen die Teilnehmer direkt im Anschluss an das Spiel über ihre Erlebnisse und persönlichen Eindrücke: Was haben wir gut gemacht? Wo lagen die Probleme? Was können wir daraus für den Büro-Alltag lernen?Welche Alternativen gibt es zu einem Detektivspiel?Sehr beliebt sind so genannte Outdoor-Trainings. Dabei geht es zum Beispiel darum, gemeinsam eine Schlucht zu überqueren oder ein Floß zu bauen und damit auf einem Fluss zu fahren. Hier soll Teamgeist aus der Herausforderung entstehen, gemeinsam eine Gefahr zu meistern. Grundsätzlich gilt: Spiele sind dann empfehlenswert, wenn die Teilnehmer dabei viele eigene Entscheidungen treffen können.Kann man im Spiel erkennen, wer für spätere Führungsaufgaben geeignet ist?Man kann bei einem solchen Spiel nicht alle Faktoren erkennen, die eine Führungskraft ausmachen sollten. Erkennen lassen sich lediglich einzelne Eigenschaften. Zum Beispiel, wer sich ohne Probleme vor die Gruppe stellen kann oder wer gut mit den Kollegen kommuniziert. Zur endgültigen Beurteilung reicht das aber allein noch nicht aus.Können die Mitarbeiter an einem Spiel überhaupt Spaß haben, wenn sie sich beobachtet fühlen?Nein, bestimmt nicht. Deshalb ist Transparenz besonders wichtig. Schon vor Beginn des Spiels müssen die Führungskräfte ihren Mitarbeitern genau erklären, was das Ziel ist. Wenn es darum geht, einen geeigneten Kandidaten für eine bestimmte Position auszumachen, dann sollten die Teilnehmer das wissen. Für ein Unternehmen bedeutet das: Es muss sich vorher klar entscheiden, ob das Spiel entweder den Teamgeist stärken oder ein Assessment Center sein soll.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.11.2003