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?Der Abschied, er fällt mir sehr schwer?

Von Katharina Slodczyk
Hans Imhoff, Schokoladenfabrikant und lange Zeit ein Original der deutschen Wirtschaft, ist im Alter von 85 Jahren gestorben.
Schokoladenfabrikant Hans Imhoff ist tot. Foto: Imhoff-Stiftung, Ralf Baumgarten
DÜSSELDORF. Ein kleiner, untersetzter Mann steht auf dem Podium eines festlich geschmückten Saals. Im kölschen Singsang erklärt er seinen Zuhörern, wie die Wirtschaft so funktioniert: ?Wir verkaufen unsere Schokolade ab Werk. Cash. Erst muss das Geld da sein. Dann wird nachgezählt. Dann nachgeguckt, ob nichts falsch ist. Und dann kriegt der LKW seine Schokolade. So machen wir das.?Das Publikum unten klatscht, lacht und jubelt. Der Mann auf dem Podium grinst. Nun kommt er zu dem zahlenlastigen Teil seiner Rede, die er als Ratespiel zelebriert: So befragt er das Publikum zu Kennzahlen seines Unternehmens und belohnt richtige Antworten mit Hundert-Mark-Scheinen. Das Volk klopft sich auf die Schenkel.

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Karneval in Kölle? Nein, die Hauptversammlung der Stollwerck AG. In der Bütt steht Hans Imhoff, Aufsichtsratschef des Unternehmens. Ein Mal im Jahr zelebrierte er vor Aktionären den rheinischen Kapitalismus ? so gekonnt wie kein anderer. Ohne Manuskript plapperte er stets drauflos. ?Ich spreche völlig frei, und mir fällt auch immer was ein.? Meist ein Witz oder zumindest ein flotter Spruch.Vor sieben Jahren stieg Imhoff zum letzten Mal in die Bütt. Für einen unterhaltsamen Spruch war er auch danach noch gut. Ende vergangener Woche ist Imhoff im Alter von 85 Jahren gestorben. ?Mit Hans Imhoff verliert Köln einen herausragenden Bürger, der sich in vielfältiger Weise um unsere Stadt verdient gemacht hat?, sagte Oberbürgermeister Fritz Schramma.Imhoff übernahm Anfang der 70er-Jahre die traditionsreiche Schokoladenfabrik Stollwerck, die damals tief in den roten Zahlen steckte. Er verband damit besondere Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend.Imhoff, Sohn eines Kölner Schlossermeisters, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Zehnjähriger sammelte er Tischlereiabfälle und verkaufte sie als Anmachholz. Von den Pfennigen leistete er sich Schokolade ? einen Luxus, den es zu Hause nicht gab. Und wenn er sich keine Schokolade kaufen konnte, lief er in die Kölner Südstadt zu Stollwerck und schlich um die Schokoladenfabrik herum: ?Da habe ich mich dann sattgeschnuppert?, erzählte er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein großer Traum Imhoffs blieb unerfülltImhoff machte Stollwerck später zu einem der führenden europäischen Schokoladenkonzerne. Lange Zeit war er der letzte noch aktive große deutsche Unternehmer der Nachkriegszeit, der aus dem Nichts ein Imperium geschaffen hatte.Den Grundstein legte er 1948, als er die Imhoff Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik gründete. In Suppenkesseln ließ er Cadbury-Schokolade aus Care-Paketen einschmelzen, zu Pralinen verarbeiten und an Kaufhäuser liefern. Gut 20 Jahre später setzte er 100 Millionen D-Mark um ? zu wenig für den ehrgeizigen Unternehmer. So kaufte er Stollwerck und später Eszet, Sprengel, Sarotti hinzu. In der Regel standen die Firmen kurz vor der Pleite, ehe Imhoff zugriff und sie auf Vordermann brachte.Noch als Aufsichtsratschef lenkte er das operative Geschäft seines Unternehmens. ?Schokoladen-Napoleon? nannte man ihn in der Branche. Einen ?barocken Typen und Genussmenschen? nannte er sich selbst. Und ein Arbeitstier. Selbst im Rentenalter waren Zwölfstundentage normal für den Mann. Auf die Frage, warum er sich das antue, antwortete er vor seinem 75. Geburtstag: ?Soll ich im Stadtwald Rehe füttern??Imhoff konnte nicht aufhören: ?Der Abschied fällt mir schwer. Die Tür zumachen und sagen: Das war es. Das ist nicht einfach.? Irgendwann verpasste Imhoff den Zeitpunkt, seine Nachfolge zu regeln. Im Sommer 2002 ? Imhoff hatte sich nach mehreren Schlaganfällen bereits aus dem Unternehmen zurückgezogen ? verkaufte seine Familie Stollwerck an den Schweizer Schokoladenkonzern Barry Callebaut.Ein großer Traum Imhoffs blieb unerfüllt: Eine bessere Marke fehle ihm noch zum Glück, sagte er mal in einem Interview. ?Ich habe Sprengel und Stollwerck, aber mein Traum ist eine Marke wie Ferrero.?Ein anderer Traum erfüllte sich Anfang der 90er-Jahre: Imhoff baute für 55 Millionen D-Mark das Kölner Schokoladenmuseum.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.12.2007