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?Das ist nichts für junge Manager?

Von Peter Brors und Oliver Stock
Was treibt ihn? Klaus Jacobs sitzt in seinem Züricher Büro, als sei er auf der Durchreise: der Schreibtisch picobello aufgeräumt. Darauf die frisch gedruckten Visitenkarten, die ihn als Chef des weltgrößten Zeitarbeitsunternehmens Adecco ausweisen. Sie stecken noch in ihrer Originalverpackung. An der Wand eine blaurote Reproduktion eines Mark-Rothko-Bildes, das der hagere Mann mit keinem Blick würdigt.
ZÜRICH. Was treibt ihn? Klaus Jacobs sitzt in seinem Züricher Büro, als sei er auf der Durchreise: der Schreibtisch picobello aufgeräumt. Darauf die frisch gedruckten Visitenkarten, die ihn als Chef des weltgrößten Zeitarbeitsunternehmens Adecco ausweisen. Sie stecken noch in ihrer Originalverpackung. An der Wand eine blaurote Reproduktion eines Mark-Rothko-Bildes, das der hagere Mann mit keinem Blick würdigt.Jacobs, Chef jener Dynastie, die den Deutschen als Erstes die Kaffeebohne als Lebensgefühl verkauft, dann die lila Schokolade beschert hat, ist hier nicht zu Hause. ?Ich bin ein Deutsch sprechender Europäer. Dies ist das Büro eines fahrenden Sängers?, sagt er, streicht sich mit der Hand über den kahl und kahler werdenden Kopf und packt schon wieder den kalbslederbraunen Aktenkoffer. Er will heute noch nach London. Nahe der britischen Hauptstadt lebt die Familie auf einem Gestüt. Jacobs hat als Dressurreiter an Weltmeisterschaften teilgenommen. Noch heute züchtet er Pferde. Der Betrieb ist der einzige, bei dem er hinnimmt, dass die Margen nicht stimmen.

Die besten Jobs von allen

Bei Adecco hat er sich das drei Jahre angeschaut. Dann, vor vier Wochen, hat er gehandelt: den Chef entlassen, den Partner an der Verwaltungsratsspitze ausbezahlt und sich selbst als Konzernlenker und obersten Kontrolleur in Personalunion eingesetzt. Mit seinen gerade gefeierten 69 Jahren wird er selbst zum Zeitarbeiter. Bis 70 hat er sich gegeben, um die Firma wieder auf Vordermann zu bringen. Er selbst hat Milliarden auf der hohen Kante. Er hat ein erfülltes Unternehmerleben hinter sich, er hat für Jacobs die Krönung erfunden, auch den vakuumverpackten Kaffee, dann hat er alles verkauft und ist noch einmal durchgestartet als Unternehmer. Was treibt diesen Mann?1944 ist Klaus Jacobs acht Jahre alt. Der Vater kämpft nicht im Feld. Er arbeitet in dem familieneigenen Kaffeehandelsgeschäft. Weil die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln eine kriegswichtige Aufgabe ist, darf er zu Hause bleiben. Die Familie zieht aus der Lüneburger Heide fort in die Nähe von Bremen. Nachdem britische Truppen die Weser überquert und auch die Hansestadt dem Naziregime entrissen haben, ist der Krieg für Klaus Jacobs vorbei. 1946 wechselt er auf das ?Neue Gymnasium Bremen?. Der Junge pendelt täglich auf dem Trittbrett überfüllter Hamsterzüge in die Stadt und wieder hinaus. Er sieht Menschen, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als sich Kleider, Brennstoff und Lebensmittel zu organisieren. ?Vielleicht tankt man dort so auf, dass der Wille entsteht, etwas zu unternehmen.?Mit 19 habe er die ?Matura? bestanden. Er sagt tatsächlich ?Matura?, benutzt den Schweizer Ausdruck für Abitur und spricht dabei mit unüberhörbar norddeutschem Akzent, mit scharfem ?s? und langem ?e?. Jacobs, der deutsche Unternehmer, der in England wohnt, hat seit Jahren einen Schweizer Pass, obwohl ihn dort nicht alle gleichermaßen schätzen. Doch das ist eine andere Geschichte, die wird später erzählt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als Lehrling jener hanseatischen Kaufleute musste er Aschenbecher leeren, Bleistifte anspitzen, Klobürsten reinigen, anschließend die Post öffnen und verteilen. Seine erste Stelle tritt er bei Nottebohm & Co. in Hamburg an, Bank für Außenhandel, Import, Export, Kaffee, Häute und Honig. Die Firma gibt es heute nicht mehr. An Klaus Jacobs hat das nur beinahe gelegen: Als Lehrling jener hanseatischen Kaufleute muss er Aschenbecher leeren, Bleistifte anspitzen, Klobürsten reinigen, anschließend die Post öffnen und verteilen. Tagein, tagaus. ?Ich habe mich gefragt: Wozu muss ich das lernen??An einem Samstagnachmittag allein im Kontor, als die Sonne über der Alster glitzert und er auf den Postlauf der Herren Direktoren wartet und wartet, platzt ihm der Kragen. Er geht an eine jener Maschinen, die ratternd Lochstreifen ausspucken und die als die Urahnen der Faxgeräte damals ihren Dienst verrichten. Er manipuliert das Gerät so lange, bis ein Lochstreifen erscheint, aus dem sich folgende Nachricht ergibt: ?Liefere wie vereinbart 100 000 Zwergmausfelle.? Als Absender taucht eine Adresse aus Honduras auf. Jacobs ist zufrieden und setzt sich ins Wochenende ab.Als er Montag wieder bei Nottebohm anklopft, öffnet ihm eine wutschnaubende Sekretärin: Er solle sich sofort bei seinem Chef Baron von Ritter melden. ?Ich bin knapp an einem Verweis vorbei?, sagt Jacobs.Auch der Chef, Willy Nottebohm persönlich, zitiert den unbotmäßigen Lehrling zu sich. Er schließt die ledergepolsterte Tür, pafft an seiner Zigarre und fragt: ?Junge, wie hast du das gemacht? So etwas hat bei uns noch nie einer gewagt. Ein Riesenspaß, auf den die Herren auch noch fast reingefallen wären und die Felle bezahlt hätten. Klasse.? Dann lacht er dröhnend. ?Das hat mich motiviert?, sagt Jacobs. ?Als Unternehmer musst du etwas unternehmen.?Und in Deutschland lässt sich in jenen Jahren eine Menge unternehmen. Die Währungsreform hat die Wirtschaft längst auf eine solide Basis gestellt. Der Marshallplan sieht für die drei Westzonen das Gegenteil von dem vor, was die Sowjets mit ihrer Ostzone veranstalten: Während die Amerikaner Geld nach Westdeutschland pumpen und damit wie ein Erste-Hilfe-Sanitäter einem Todkranken Sauerstoff zum Überleben spenden, soll in Ostdeutschland der Patient erst sterben, um dann neu geboren zu werden. Hätten die VW-Werke nicht in Wolfsburg, sondern zum Beispiel in der Lausitz gestanden, wäre der Transporter des Wirtschaftswunders wohl nie entwickelt worden.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das Geschäft floriert. Jacobs hat seinen ersten Coup gelandet. Klaus Jacobs fährt 1957 in so einem schwarz-gelb lackierten VW-Bulli frischen Kaffee in Berlin aus. Ein halbes Jahr, dann bittet der Junior den Patron, ihn in die Ferne zu schicken, in die Länder der Kaffeebauern, nach Guatemala, Salvador, Kolumbien. Er kratzt seine Ersparnisse zusammen. Arbeitet nicht länger nur für den Vater, sondern gründet mit 7 000 Dollar in Antigua eine eigene Agentur. Die Farmer liefern ihm Kaffee, er verkauft ihn auf eigene Rechnung weiter und verdient 25 bis 50 Cent an jedem 70-Kilo-Sack.Klaus Jacobs ist inzwischen jedoch Kaufmann genug, um eine Zahl in seiner Bilanz stets im Auge zu behalten: die Gewinnmarge. Sie würde steigen, wenn er den Kaffee nicht nur verkaufte, sondern auch in die Veredelung des Rohkaffees einsteigen würde. Dabei wird der Kaffee als rote Frucht gepflückt, geschält, getrocknet, gelagert und erst dann weiterverkauft. Zwei Jahre nach Eröffnung seiner Agentur hat er 50 000 Dollar gespart, die er in gebrauchte Schälmaschinen investiert.Das Geschäft floriert. Jacobs hat seinen ersten Coup gelandet. Er verdient statt 25 Cent jetzt fünf Dollar je Sack und wird zum führenden Kaffee-Exporteur in Guatemala. ?Tchibo war einer unserer Großkunden. Ich war glücklich damals?, sagt Jacobs, ?sehr glücklich.?Doch dann erwischt es den 25-Jährigen in den Ferien daheim. Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Sechs Kinder hat er heute, sieben Enkelkinder.Die junge Familie will nicht in den Bremer Muff, wo jeder jeden kennt und Klaus stets der Sohn bleiben wird. Wenn es schon Europa sein muss, dann bitte schön weit weg von Bremen. Jacobs zieht nach Wien und bringt den Österreichern bei, dass die Melange aus Jacobs-Bohnen noch besser schmeckt.1963 holt ihn der Vater zurück. In Deutschland ist Kaffee längst zu einem Symbol des Wiederaufbaus geworden. Kaffee trinken heißt, sich etwas leisten zu können. Der Konsum steigt stetig. Jacobs hat einen Marktanteil von 20 Prozent, nur Tchibo kann da mithalten. 1963 stabilisiert das internationale Kaffee-Abkommen mit festen Exportquoten den Kaffeepreis auf hohem Niveau; für die Röster aus Bremen ein Paradies.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Aus Jacobs-Kaffee in brauner, blauer und grüner Verpackung wird Jacobs ?Privat?, Jacobs ?Tradition? und die ?KrönungKlaus Jacobs kümmert sich innerhalb der Geschäftsführung nun verstärkt um das Marketing. Es folgt Coup Nummer zwei nach der Firmengründung in Antigua. Aus Jacobs-Kaffee in brauner, blauer und grüner Verpackung wird Jacobs ?Privat?, Jacobs ?Tradition? und die ?Krönung?, Jacobs ?Krönung?. Schauspielerin Karin Sommer wirbt für das neue Spitzenprodukt mit jenem unvergessenen Fernsehspot, in dem die Schwiegermutter kommt und nichts im Schrank findet außer einer Packung ?Krönung?. Die Schwiegermutter ist glücklich, Karin Sommer ist glücklich und Jacobs auch. Der Umsatz steigt innerhalb eines Jahres von 500 auf 700 Millionen Mark.Doch Klaus Jacobs wird ungeduldig. Der Vater hat mehrmals angekündigt, ihm das Geschäft zu übergeben, aber stets hat er in letzter Minute einen Grund gefunden, selbst die Führung weiter in Händen zu halten. ?Ich hatte bereits meine Mannschaft für den Ernstfall zusammengestellt?, berichtet Klaus Jacobs. Aber der Ernstfall lässt auf sich warten. 1972 weilt er in den Dolomiten, als sein Telefon klingelt. In seiner Abwesenheit hat jemand aus seiner Mannschaft den Vater überzeugt, den Preis für ein Pfund Jacobs-Kaffee um eine Mark anzuheben. Die Deutschen reagieren sensibel. Innerhalb weniger Tage sinkt der Marktanteil um fünf Prozentpunkte.Jacobs bricht den Urlaub ab und eilt zurück nach Bremen, wo er einen zerknirschten Vater vorfindet. ?Du musst diesen Ratgeber, der mich überredet hat, die Preise anzuheben, rausschmeißen?, fordert der Vater den Sohn auf. ?Nur, wenn du auch zurücktrittst?, antwortet der Sohn, ?denn sonst bin ich nächstes Mal wieder im Urlaub, und dir flüstert wieder jemand etwas Unheilvolles zu, was du dann auf der Stelle umsetzt.?Klaus Jacobs hat sich in seinem kühlen Adecco-Büro warm geredet. Der gepackte Koffer für den Flug nach London kann noch warten. ?Es war nicht leicht, den Vater zum Rücktritt aufzufordern?, sagt er. Seine Augen glühen. Er sucht nach einer Erklärung dafür, dass er nicht anders konnte. ?Ich meine, dass jeder Vorgesetzte, auch wenn es der eigene Vater ist, die Verpflichtung hat, seinen Platz zur rechten Zeit zu räumen.?Und was ist mit ihm selbst? Mit 69 ist er bei Adecco gerade erst wieder eingestiegen. ?Es gibt Aufgaben, die kann ich jungen Leuten nicht zumuten?, sagt er und kaschiert damit nur schlecht seine Überzeugung, vieles einfach besser als andere zu können. Bei Adecco sei zurzeit besonders Erfahrung gefragt.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Die Börse gibt ihm Recht und honoriert seinen Einsatz mit einem nach oben schießenden AktienkursTatsächlich sind die Adecco-Verhältnisse unübersichtlich. Da sind die anderen Anteilseigner, also vor allem der französischstämmige Milliardär Philipp Foriel-Destezet, da ist der Verwaltungsrat, in dem sich Franzosen und Deutsche beharken, und da ist der bisherige Konzernchef, der eher dem französischen Lager zugeneigt war. ?Da braucht es eine interne und externe Autorität. Das ist nichts für einen jungen Manager.? Seine beiden Söhne Christian, 42, der als Anwalt arbeitet und die Familienstiftung führt, und Andreas, 40, der die Investmentholding mit den sonstigen Beteiligungen der Familie leitet, kämen theoretisch für das Adecco-Spitzenamt in Frage. Natürlich habe er sie auf heikle Einsätze im Berufsleben vorbereitet. Aber eben noch nicht auf Adecco.Die Börse gibt ihm Recht und honoriert seinen Einsatz mit einem nach oben schießenden Aktienkurs. Seither reist er von Markt zu Markt. Analysten sprechen von einer veritablen Shoppingtour. Er dürfte gerade dabei sein, was Passendes zu finden, um das Adecco-Portfolio nach oben abzurunden: Ein Unternehmen aus der Branche vielleicht, das vor allem mit der Vermittlung von Führungskräften vergleichsweise mehr Geld verdient als Adecco mit seinem Brot-und-Butter-Geschäft. Jacobs selbst schweigt zu diesen Vermutungen.Lieber spricht er über die Vergangenheit. ?Schreiben Sie, Frau Karges?, sagt Klaus Jacobs damals 1972 zur Sekretärin seines Vaters, während der Senior unschlüssig im Türrahmen lehnt. ?Schreiben Sie: Ich freue mich, meinen Sohn Klaus mit sofortiger Wirkung zum neuen Vorstandsvorsitzenden zu berufen und ihm die Geschäftsführertätigkeit zu übertragen.?Er reißt das Papier aus der Schreibmaschine und hält es dem Vater vor die Augen. Der setzt sich, liest, streicht das Wort ?Vorstandsvorsitzender? mit dem Kommentar ?das klingt zu staatstragend? durch und ersetzt es durch ?Sprecher des Vorstands?. Das Schreiben erlangt Rechtskraft, indem es ans Schwarze Brett im Bremer Kontor geheftet wird. Der Wechsel an der Firmenspitze ist perfekt. Und Klaus Jacobs feuert auf der Stelle den schlechten Ratgeber seines Vaters.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Als Chef wird er zum Kaffee-PionierAls Chef wird er zum Kaffee-Pionier. Er internationalisiert das Unternehmen, macht Jacobs zum größten Kaffee-Anbieter Europas und revolutioniert die Verkaufsmethode. Statt frischen Kaffee, den einst bis zu 1 500 Mitarbeiter täglich in die Geschäfte ausfahren, bevorzugt er als Erster vakuumverpackten. Der Frischedienst wird eingestellt, die Mitarbeiter werden entlassen. 1975 geht das noch ohne große Zwischentöne. Die Arbeitslosenquote liegt bei kaum vier Prozent. Damals nutzen die regierenden Sozialdemokraten die florierende Wirtschaft, um ihr Modell von der Welt umzusetzen. Die Regierung weitet die Mitbestimmung aus, die Rechte der Gewerkschaften werden verbessert. So müssen fortan im Aufsichtsrat gleichviele Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter sitzen.Der Bremer Oberbürgermeister Hans Koschnick ? ?Hänschen? nennt Jacobs ihn ? wird stellvertretender SPD-Vorsitzender und hat anderes zu tun, als sich um die Anliegen der Kaffee-Millionäre zu kümmern. Jacobs vermutet Schikane hinter Anweisungen, wonach die firmeneigenen Lastwagen an einer großen Bremer Kreuzung nicht mehr nach links abbiegen dürfen, um auf direktem Weg in die Rösterei zu gelangen. Er zahlt seine ?Abschiedsteuer? und siedelt in die Schweiz.Dort kauft sich der Deutsche in die erste Unternehmensliga ein: Er erwirbt 1982 das Schokoladen-Imperium Interfood mit so illustren Marken wie Suchard und Toblerone, auf die die Eidgenossen schwören. Unter dem Firmennamen Jacobs Suchard stärkt er die Marken. Vor allem die in lila Papier verpackte Schokolade Milka versetzt, angeheizt von Jacobs? Werbefeuerwerk mit einer lila Kuh, die Kundschaft in Scharen in süße Versuchung.Umso größer ist das Entsetzen, als der Deutsche mit der scharf geschnittenen Nase 1990 diese Nationalheiligtümer an den US-Multi Philip Morris verscherbelt. Okay, verscherbelt ist das falsche Wort, Jacobs hat immerhin 3,2 Milliarden Franken für Jacobs Suchard erhalten. Aber das macht die Sache nur schlimmer.Lesen Sie weiter auf Seite 7: Den Schweizern erscheint er wie eine Mischung aus Wall Street und Rotem KreuzDen ?Entführer des Matterhorns? nennen sie ihn zeitweise zwischen Zürich und Genf, der die dreieckige Toblerone, die doch so schön den Schweizer Alpengipfeln nachempfunden ist, ins Ausland transferiert hat und die lila Schoki gleich mit.Danach gilt Jacobs vielen Schweizern als kühl kalkulierender Hanseat und schnöder Jetsetter mit einer Schwäche für edle Pferde. Er wird in seiner Wahlheimat, in Küsnacht an der goldenen Küste des Zürichsees, allenfalls noch geduldet. Jacobs lernt Schwyzerdütsch, die Schweizer wollen ihren Ohren nicht trauen. Der Musikliebhaber sponsert die Oper in Zürich, die Eidgenossen meinen, es sei Selbstsucht. Er erscheint ihnen wie eine Mischung aus Wall Street und Rotem Kreuz, wenn er auf der einen Seite sein Imperium zerlegt und sich auf der anderen in Genf zum Präsidenten der Weltpfadfinder aufschwingt.Doch Klaus Jacobs fühlt sich selbst nicht ganz wohl in dieser Lebensphase. Er hat nicht einfach nur eine Firma verkauft, sondern noch viel mehr: ein Unternehmen, das seinen Namen trägt, das er geerbt und erheblich erweitert, das er zu dem Kaffeeröster in Europa gemacht hat. ?Ich habe verkauft, als wir voll im Segel waren. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Ich möchte sie nicht noch mal treffen müssen?, sagt er heute.Jacobs hat seine Achillesferse entblößt. Auch einer wie er, der seine Unabhängigkeit vor sich herträgt wie eine Monstranz, hat in seinem Leben nicht immer machen können, was er wollte. Die Geschwister hatten andere Pläne. Sie wollten seiner Internationalisierungsstrategie nicht länger folgen. Jacobs sagt: ?Ich konnte die Firma nicht mehr frei führen. Dann muss man verkaufen.?Mit dem Geld, drei Milliarden Franken, zahlt er seine Geschwister aus. Er will heute, wo er wieder obenauf ist, nicht mehr darüber richten, sondern erlaubt sich die Geste der Gnade: ?Für sich gesehen, hatten die Geschwister vielleicht sogar Recht.?Doch Jacobs, der Umtriebige, der Getriebene und der Antreiber in einer Person, wäre nicht er selbst gewesen, hätte er sich mit Sentimentalitäten lange aufgehalten. Auf der Stelle investiert er in die Zeitarbeit, kauft den Schweizer Anbieter Adia und fusioniert ihn mit der französischen Ecco zur Nummer eins der Branche.Außerdem holt er sich das Geschäft mit der Industrieschokolade zurück und baut es aus. Barry Callebaut entsteht, heute der weltgrößte Schokoladenhersteller. Übrigens jene Firma, an deren Spitze seit kurzem Sohn Andreas als Aufsichtsratschef amtiert. Diese Aufgabe traut er ihm schon zu, Adecco noch nicht.Was also treibt ihn an, auch mit fast 70 weiterzumachen? ?Ich bin immer noch sehr neugierig?, sagt er, ?und voller Tatendrang.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.12.2005