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?Be happy and drive the Vespa?

Von Katharina Kort, Mailand
Viele haben ihn für verrückt erklärt. Aber Roberto Colaninno hat es geschafft, den maroden Motorrad-Hersteller Piaggio zu sanieren. Er hat den Mythos "Vespa" wieder belebt. Am Dienstag brachte er ihn an die Börse. Er ist damit der Erste in diesem Jahr, der die italienische Rückzugsserie unterbricht. Doch nach außen hin bleibt er ruhig, Emotionen kennt er nicht. Für die Leute ist er nicht umsonst der Buchhalter.
?Unsere Produkte lassen noch träumen?, findet Roberto Colaninno. Er sagt dies ohne jegliche Emotion in der Stimme, so als spräche er über etwas Nüchternes wie den Gewinn vor Steuern.Doch es geht an diesem Juni-Vormittag im vornehmen Mailänder Four-Seasons-Hotel darum, für einen Mythos zu werben: die Vespa. Colaninno ist auf Werbetour für den Börsengang des berühmten italienischen Rollerherstellers Piaggio. Aber der Firmenchef lässt wenig Platz für Emotionen. Der Mann mit den grauen Haaren, dem grauen Anzug und der dunklen Krawatte sitzt da im Saal auf einem tristen Podium, redet langsam und ruhig.

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Colaninno wird nicht umsonst ?Ragioniere? ? Buchhalter ? genannt. Er steht im deutlichen Kontrast zu den sonst so auf Show bedachten italienischen Firmenchefs.Aber auch für den Industriellen, der über seine Immsi-Beteiligungsgesellschaft Piaggio kontrolliert und den angeschlagenen Rollerhersteller in weniger als drei Jahren wieder auf die Räder gebracht hat, ist bald Showtime. Am morgigen Dienstag sollen die Aktien zum ersten Mal an der Börse gehandelt werden.Er ist damit der Erste in diesem Jahr, der die Rückzugsserie unterbricht. Seit Jahresbeginn haben sechs italienische Unternehmen ihren Börsengang abgesagt, darunter auch die Pirelli-Reifentochter Pirelli Re und die Telekom-Unternehmen Tre Italia und Italtel. Colaninno hat dagegen für Piaggio genügend Nachfrage gefunden, wenn auch der Ausgabe-Preis mit 2,30 Euro je Aktie am unteren Ende der Preisspanne liegt.Aufgefallen ist der kräftige 62-Jährige der italienischen Öffentlichkeit zum ersten Mal vor zehn Jahren. Damals übernahm er die Führung bei Olivetti, sanierte den angeschlagenen Computerhersteller innerhalb weniger Jahre und krempelte ihn zu einer Finanzholding für die IT- und Telekomindustrie um. Trotz seines eher nüchternen Auftretens: Bescheiden war Colaninno noch nie. So durchkreuzte er 1999 die Pläne des Deutsche-Telekom-Chefs Ron Sommer und übernahm mit einem Gegenangebot die sechsmal größere Telecom Italia.Allerdings währte seine Zeit an der Spitze nur zwei Jahre. Dann wechselte das Unternehmen 2001 erneut den Eigentümer und wurde von Marco Tronchetti Proveras Pirelli übernommen. Provera setzte Colaninno vor die Tür.?Telecom Italia war eine Nummer zu groß für ihn und auch nicht sein Metier?, sagt ein Branchenbeobachter, der Colaninno als ?eine der schillerndsten Persönlichkeiten der italienischen Unternehmenswelt? beschreibt. Der aus dem Städtchen Mantua stammende Piaggio-Chef ist ein harter Arbeiter wie viele in der Lombardei. Und obwohl er dezent auftritt, könne er durchaus cholerisch sein, sagt ein Ex-Mitarbeiter.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Abschied von Telecom Italia wurde großzügig versüßtSein Abschied von Telecom Italia wird ihm damals mit einer großzügigen Abfindung versüßt. So steigt er zu den bedeutendsten Investoren des Landes auf. Zunächst muss Colaninno zwar 2002 eine bittere Abfuhr hinnehmen, als er der Fiat-Eigentümer-Familie Agnelli einen Sanierungsplan für den krisengeschüttelten Autobauer inklusive Millioneninvestitionen aus eigener Tasche vorlegt.Aber davon lässt sich der umtriebige Unternehmer nicht entmutigen. Er setzt eben statt auf vier auf zwei Räder. Über die 2002 gegründete Beteiligungsgesellschaft Omniavest erwirbt er noch im selben Jahr die börsennotierte Immobiliengesellschaft Immsi und weitet deren Geschäft auf Industriebeteiligungen aus. Und mit ihr greift er bei Piaggio zu. ?Die Leute hielten mich für verrückt?, erinnert er sich in seinem Buch ?Erste Halbzeit?, das Anfang des Jahres auf den Markt kam. Piaggio hatte damals außer dem verblichenen Mythos aus den 50er-Jahren wenig zu bieten. Hohe Schulden und Verluste, kaum Produkte, die mit denen der Konkurrenz mithalten konnten, und Konflikte mit der Gewerkschaft, die ihrem Unmut durch heftige Streiks Luft machten.Doch da lief Colaninno wieder zur Hochform auf. Er sanierte das 1884 gegründete Unternehmen aus dem toskanischen Pontedera. Er senkte die Kosten, indem er vor allem auf Zulieferungen aus Indien und China setzte. Außerdem wandelte er Schulden gegenüber den Banken in Höhe von 120 Millionen Euro in Unternehmensanteile um.Um das Image der Marke zu verbessern, setzte Piaggio auf edlere Modelle mit starken Motoren. Als die Finanzen sich besserten, kaufte Colaninno Ende 2004 den fast bankrotten Motorradhersteller Aprilia und weitete damit das Produktportfolio aus.Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit seinen Marken Piaggio, Vespa, Gilera, Derbi, Aprilia, Scarabeo und Moto Guzzi einen Umsatz von 1,45 Milliarden und einen Gewinn von 38 Millionen Euro.Für die Zukunft setzt Colaninno vor allem auf den asiatischen Markt: als Produktionsstandort und als Vertriebsmarkt. In Indien will er den Absatz der dreirädrigen ?Ape? (Biene) ? die kleinen Lieferfahrzeuge, die über Italiens Landstraßen zuckeln ? in diesem Jahr auf 120 000 steigern. Das ist mehr als dreimal so viel wie 2003.Nun soll die Börse sein Werk honorieren. 31 Prozent der Aktien wird Piaggio platzieren und damit 887 Millionen Euro in die Kasse spülen. Schon fragen sich Beobachter, wie Colaninnos nächster Schritt aussieht. Der Vater zweier Kinder gilt als ?abenteuerlicher Unternehmer?. Mit Blick auf seine Biografie wäre es fast wieder Zeit für einen Wechsel.Er selbst überrascht mit einem Funken Humor. ?Be happy, don?t worry and drive the Vespa!? sagt er den Analysten in Mailand.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.07.2006