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?Bau? Dir den idealen Mitarbeiter!?

Von Chris Löwer
Lego für Erwachsene: Strategiespiele mit Bausteinen sollen Managern und Nachwuchskräften zeigen, wo es in ihrem Geschäftsfeld hapert.
Für sie wird es auf Wunsch der Geschäftsleitung wie früher: Dann sitzen sie da mit ihren grauen Schläfen und bauen aus den Duplo-Steinen für Kleinkinder den idealen Mitarbeiter ? nicht ohne ihr Werk der Gruppe samt Moderator zu erläutern. Spielerisch wird klar, was sie wirklich wollen, sich aber nie auszusprechen trauten. Ein paar Klötzchen sagen eben mehr als tausend nicht gesagte Worte.Das von der Lego-Tochter ?Executive Discovery? entwickelte Training dauert zwei Tage. Im Köfferchen des Coaches: 6 500 bunte Steine. Daraus lässt sich auch das Wunsch-Unternehmen basteln oder vielsagende Konstruktionen, die die Mitarbeiter-, Geschäfts- und Kommunikationsstrukturen darstellen sollen. Und weil Lego in diesem Zusammenhang etwas albern klingt, heißt das Strategie-Set ?Serious Play?.

Die besten Jobs von allen

Aus einem Spiel wird also ernst. Unternehmensberater und Firmen entdecken eine Binse für sich: Spielerisch lernt es sich am leichtesten. Also zuckeln Coaches mit speziell entwickelten Brett-, Strategie-, Rollen- und Computerspielen in Unternehmen, um Mitarbeiter fit fürs Geschäft zu machen. Besonders auch dann, um nachgeordnete Mitarbeiter mal den Chef mimen zu lassen, was ihr Verständnis für die komplexen Mechanismen im Unternehmen fördert.?Trotz der Verbreitung von E-Learning finden solche spielerischen Ansätze eine unverändert große Verbreitung, weil sich dadurch sehr gut Geschäftsprozesse abbilden und interessante Rückschlüsse ziehen lassen?, sagt Carsten Löwe, Vorsitzender des Bundesverbandes betriebliche Weiterbildung.Ähnlich bewertet auch Willy Christian Kriz die neue Verspieltheit in deutschen Unternehmen: ?Deutschland hat noch etwas Nachholbedarf, obwohl Planspiele ideal sind, um zu vermitteln, wie in der Praxis Probleme gelöst werden. Damit eignen sie sich für die Bereiche Diagnostik, Personalführung und Organisationsentwicklung.? Kriz ist Vorsitzender von Sagsaga (Swiss Austrian German Simulation and Gaming Association). In dem Verein arbeiten Wissenschaftler, Lehrer, Berater und Trainer an neuen spielerischen Lernprogrammen für Unternehmen.?Gerade, wenn es um die Entwicklung von Problemlösefähigkeiten in der Gruppe geht, ist es notwendig, dass auch Fehler gemacht werden dürfen. Spiele ermöglichen ein risikoloses Sammeln von praktischen Erfahrungen, die dann auf die reale Situation übertragen werden können?, ergänzt der Spielexperte. Für ihn auch ein Grund dafür, dass der Markt dieser Trainings nun auch in Deutschland stetig wachse.Der Konzern ABB hat schon vor 20 Jahren spielerische Lernformen eingesetzt und gilt seither als Pionier dieser Methode. Wichtig bei allen Angeboten ist, dass im Team gespielt wird, sich die Teilnehmer nicht selbst überlassen bleiben, sondern dass ein Moderator lenkt und dann hilft, die Ergebnisse zu verarbeiten. ?Wesentlich ist zu besprechen, was auf den Berufsalltag übertragen werden kann und was nicht?, sagt Kriz. Zu verspielte Angebote erkenne man daran, dass ein solcher Transfer nicht stattfinde.?Zielsetzung, Teilnehmer und Methode müssen zueinander passen. Zu verspielt wird es dann, wenn die Zielgruppe mit der Aufgabenstellung nicht erreicht wird oder der Bezug zum Arbeitsplatz nicht hergestellt werden kann. Ansonsten ist von kleben, schreiben, sortieren über zuordnen, bauen, malen und gestalten alles erlaubt?, sagt Dagmar Wötzel, Senior Management Consultant bei Siemens, München.In dem Konzern gehören Planspiele und Simulationen längst zum festen Repertoire des Ausbildungsprogramms für Nachwuchskräfte. ?Sie werden eingesetzt, weil in kurzer Zeit die gleiche Botschaft an eine große Anzahl von Mitarbeitern vermittelt und komplexe Zusammenhänge erlebbar gemacht werden können?, benennt Wötzel die Vorteile. Das aktuelle Lieblingsspiel heißt ?Apples & Oranges?, bei dem Grundlagen des Finanzwesens, die Wertflüsse und die Erfolgsfaktoren erarbeitet werden. Schon 32 000 Siemensianer in 28 Ländern haben mit Äpfeln und Orangen jongliert, um im wahren Leben ihre Abteilung erfolgreicher zu machen.Die bayerische Firma Bicini, die sich auf Mitarbeiterbindung spezialisiert hat, vertreibt mit Erfolg Brettspiele, die seichte Seminare ersetzen sollen. So können neue Mitarbeiter ihre Arbeitsstelle würfelnderweise entdecken. Dabei werden harte Fakten vermittelt und auch typische persönliche Kennenlernfragen gestellt, was die Einarbeitungszeit erheblich reduzieren soll. Sinn hat das allerdings nur, wenn genügend Mitspieler neu eingestellt worden sind.Wie sieht es mit der Akzeptanz der Spiele aus? ?Mag sein, dass sich einige Entscheider nicht genügend ernst genommen fühlen. Man muss eben genau schauen, welche Ziele und Verhaltensänderungen man herbeiführen möchte. Letztlich kommt es auf den Personalentwickler an, wie sinnvoll und seriös er Spielformen einsetzt?, sagt Weiterbildungsfachmann Löwe. Fragt sich also, ob Jürgen Schrempp entzückt über den Auftrag wäre, ein Lego-Auto zu bauen?
Adressen:www.bicini.dewww.gamesweplay.dewww.sagsaga.dewww.seitenwechsel.dewww.siemens.com/learning
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2004