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Teil 2: Der Frontmann der Globalisierung

Von Oliver Müller
Er ist besessen von Geschäftsmodellen ? und redet am liebsten von seinem eigenen: Infosys? ?globales Liefermodell? dient Nandan Nilekani, dem Konzernchef des indischen Technologiekonzerns, als Glaubensbekenntnis.
BANGALORE. Den weltweiten Verkauf billiger IT-Dienste made in India preist er als fundamental neuen Ansatz. Der leiseste Verdacht, jemand verkenne die revolutionäre Kraft dieses Geschäftsmodells, lässt Nilekani mit dem Finger wackeln, den buschigen Schnurrbart hochziehen, ?nein, nein, nein, nein!? rufen und den Kritiker wie einen Schulbuben schelten, der das Einmaleins nicht begreift.Der Infosys-Chef schlüpft gerne in die Rolle des kreativen Zerstörers. Er ist überzeugt, dass Indiens IT-Dienstleister die Spielregeln der Branche umgeschrieben haben. Die Offshoring-Welle markiert für ihn eine wirtschaftshistorische Zäsur: ?Das ist eine destabilisierende Kraft, die den Weltmarkt aufrüttelt?, doziert er. ?Alle Firmen spüren die Auswirkungen.?

Die besten Jobs von allen

In dem Eifer, mit dem sich der Sohn eines Textilmanagers an Verwerfungen und Umbrüchen berauscht, findet womöglich seine Jugend als linker Rebell einen späten, verzerrten Nachhall. Als Student während der 70er Jahren verfocht der angehende Elektroingenieur einen planenden Mutter-Staat als Garanten für gerechte Entwicklung. Heute richtet der 50-Jährige seinen umstürzlerischen Elan darauf, die IT-Branche mit Mitteln des globalen Kapitalismus umzukrempeln. Dessen Kraft schafft, was Indiens sozialistische Experimente schuldig blieben: ?Die IT-Industrie hat dem Land weltweite Anerkennung eingetragen?, sagt Nilekani stolz. ?Und sie schafft Millionen Jobs für junge, gebildete Menschen.?Der mit Offshoring einhergehende Nivellierungsprozess verteilt den Reichtum von Nord nach Süd um und ist für ihn daher gerecht. Nilekani ist ein scharfer Denker und lässt gern wissen, dass er Ideenlieferant war für Thomas Friedmans Globalisierungs-Bestseller ?Die Welt ist flach?.Die Welt hat sich verändert, glaubt Nilekani. Menschen mit ähnlicher Qualifikation hätten nun Zugang zu den selben Berufen, ob sie in Indien sitzen oder in den USA. Das halte den Trend zur Verlagerung von Arbeit in Niedriglohnländer am Leben. ?Bis die Welt flach geworden ist und Entwicklungsunterschiede eingeebnet sind?, fügt er hinzu. Dass Europa darauf mit Lähmung reagiert, quittiert der Infosys-Chef mit Achselzucken. ?Die vollen Konsequenzen dieses Prozesses sind dem Westen nicht klar.? Gerade Europa werde sich der Globalisierung viel stärker stellen müssen.Zusammen mit Narayana Murthy ? heute Indiens bekanntester Software-Guru ? und vier Bekannten hatte Nilekani 1981 Infosys gegründet. Die Pioniere hatten sich umgerechnet 250 Dollar Startkapital von ihren Ehefrauen geliehen. Auf ihre erste Telefonleitung mussten sie neun Monate warten. Der Grundidee, dem Verkauf billiger Software in den Westen, ist Infosys treu geblieben. Doch Umsatz und Gewinn begannen erst richtig zu steigen, als sich Indien 1991 der Marktwirtschaft und dem Welthandel öffnete. Das Geschäft wuchs seitdem jährlich um mindestens 30 Prozent.2002 zog sich Infosys? Übervater Murthy aus dem Tagesgeschäft auf den Chairman-Posten und zurück, und sein Kronprinz Nilekani rückte als Konzernchef nach. Mit der Wucht seines fülligen Körperbaus und seinem rasanten Redefluss verkörpert Nilekani Infosys? Sturm-und-Drang-Attitüde kraftvoller als sein schmächtiger, professorenhafter Vorgänger. 2003 stand der Manager auf Platz 35 im Ranking der am meisten respektierten CEOs der Welt, das die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers ermittelt. In diesem Jahr rief A.T. Kearney Infosys zu Indiens am besten geführten Unternehmen aus.Nilekani ist ein Globalisierungsgewinner. Allein der Verkauf eines Aktienpakets im Mai machte ihn um 70 Mill. Dollar reicher. Beruflich ist er am Ziel: ?Ich möchte keinen anderen Job machen und auch nicht mehr Geld verdienen.? Sein Ehrgeiz richtet sich inzwischen zunehmend auf Sozialprojekte. Wer von Liberalisierung profitiere, habe eine enorme Verpflichtung, das meiste davon an die Gesellschaft zurückzugeben. ?Steuern zahlen ist dafür nicht genug.? Er spendet große Summen für die Ausbildung armer Kinder und unterstützt seine ehemalige Universität mit Millionen.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.08.2005