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Porträt: Peter Hartz - Der eitle Überzeugungstäter

Von Josef Hofmann
Peter Hartz steht wie kein anderer für den freundschaftlichen Umgang von Management und Belegschaft bei VW. Der Personalvorstand rettete 30 000 Menschen vor der sicheren Arbeitslosigkeit. Seine Prinzipien sind ihm nun zum Verhängnis geworden.
Peter Hartz wurden seine eigenen Prinzipien zum Verhängnis. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Amüsiert und mit einem leichten Lächeln um die Mundwinkel ist Peter Hartz an diesem Abend im Kongresszentrum des Crown-Plaza-Hotels in Genf in Plauderlaune. Mit der Überlegenheit des Stärkeren lobt er die gerade zu Ende gegangene Rede des neuen Sterns am VW-Himmel: ?Sie haben doch gehört, er will sich erst einmal alles anschauen und die Menschen kennen lernen. Das ist doch gut?, sagt Hartz über Wolfgang Bernhard. Der mächtige VW-Personalvorstand ist sich sicher, dass man den neuen Kollegen schon noch auf das VW-System einnorden wird. Er glaubt dies aus einer gesicherten eigenen Position heraus: ?Mein Vertrag läuft ja noch über ein Jahr, dann sehen wir weiter?, sagt er souverän.Das war vor vier Monaten. Nun ist alles Makulatur. Das Konsenssystem VW liegt auf dem Sterbebett, Bernhard wird dabei sein, wenn es zu Grabe getragen wird. Und die Symbolfigur für den freundschaftlichen Umgang zwischen Management und Betriebsrat, der Reformer, der Politberater Hartz, steht künftig außen vor. Bei VW endet mit seinem Weggang eine Ära.

Die besten Jobs von allen

Statt als der große Reformer bei VW und als Retter des deutschen Sozialstaats in Erinnerung zu bleiben, so hätte er es sich gewünscht, wird an Hartz der Makel hängen bleiben, wegen einer Korruptionsgeschichte kapituliert zu haben. Sein Name war schon vorher beschädigt und untrennbar mit dem Vorwurf der sozialen Kälte verschränkt. Bilder sind eindrucksvoller als Theorien: ?Das Leben ist hartz? und ?hartzlos? hatten Demonstranten, die gegen die nach ihm benannten Reformgesetze protestierten, auf ihre Plakate geschrieben ? millionenfach auf Zeitungsseiten nachgedruckt. Fast schon hilflos sein Kommentar: ?Nicht überall, wo Hartz drauf steht, ist auch Hartz drin.? Offene Kritik verbot sich, weil sie seinem Duzfreund Gerhard Schröder geschadet hätte. Dass Hartz, von Sendungsbewusstsein geblendet, als Leiter der Arbeitsmarktkommission versprochen hatte, die Zahl der Arbeitslosen um zwei Millionen zu verringern, war anmaßend, aber nicht untypisch. Der Mann glaubt an sich und seine Methoden.Um Hartz, ?der es liebt, geliebt zu werden?, wie es in seinem Umkreis heißt, war es schon im vergangenen Jahr ruhiger geworden. Er machte sich rar, obwohl der Charmeur es genießt, im Mittelpunkt zu stehen. Sein Lächeln hatte zunehmend einen Hauch von resignativer Enttäuschung, berichten Mitarbeiter. Nun dürfte es gefroren sein. Einem, der von sich sagt, ?ich liebe die Menschen?, geht die Rolle als Buhmann an die Substanz. Stolperte er bei seinem Ausflug in die Politik noch über Naivität, wurde ihm bei VW sein eigenes System zum Verhängnis. Die fehlende Distanz zu Mitarbeitern und Gewerkschaften wurde ihm zum Schicksal. Das öffentliche politische Engagement des SPD- und IG Metall-Mitglieds schürte den Eifer seiner Gegner. Noch steht aber nicht fest, ob Hartz juristisch verwertbare oder moralische Vergehen zur Last gelegt werden können.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ohne Peter Hartz ständen 30 000 VWler auf der Straße.Seine Verdienste werden überlagert. Dabei hat der VW-Personalchef tausende von Jobs bei VW gerettet. Anfang der 90er bewahrte er mit der Vier-Tage-Woche ohne Lohnausgleich 30&nbps;000 VWler vor der Arbeitslosigkeit und die Region Wolfsburg vor einem Desaster. Er machte sich damit alle zum Feind, denen zum Thema Kostensenkung nichts Besseres einfällt, als Leute zu entlassen. Doch selbst in der Gewerkschaft saßen nicht nur Freunde. Denn Hartz beschnitt ein ums andere Mal Besitzstände. Aus Konfliktscheu und Ideologie, sagen die Gegner, aus sozialer Überzeugung die Freunde, suchte er immer den Ausgleich. Vielleicht zu oft. So kreierte Hartz zu einer Zeit, als VW schon mit Überkapazitäten kämpfte, das Modell 5 000 x 5 000, bei dem 5000 Arbeitslose bei 5000 DM eingestellt werden sollten. Seither hat VW 3500 Beschäftigte mehr.Geschadet hat Hartz auch, dass er Gegnern gegenüber nicht mit Arroganz spart. Wie bei Freund Schröder das Ergebnis eines Aufstiegs aus einfachsten Verhältnissen. Hartz wurde 1941 als Sohn eines saarländischen Hüttenarbeiters in ein sozialdemokratisch geprägtes Umfeld geboren. Nach der Realschule eine Lehre als Industriekaufmann, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Betriebswirtschaftsstudium und dann Stück für Stück die Karriereleiter hoch. Vielleicht war es sein eigenes Leben, das ihn dogmatisch an die Medizin der Flexibilität glauben ließ. Ausgetretene Pfade zu verlassen, wurde sein Lebenselixier. Er ist der Visionär, der Kreative, der, so stöhnten zuweilen Mitarbeiter bei VW, die lästige Detailarbeit gern anderen überlässt. ?Wenn die Hartz-Ideenquelle sprudelt, hilft oft nur noch wegducken?, hieß es in Wolfsburg. Er liebte Auftritte und Wortneubildungen.Auch bei seinem letzten großen Auftritt, der VW-Tarifrunde im vergangenen Herbst, wurde das deutlich. Hartz bot einen ?Nachhaltigkeitsvertrag? an. Er redete nicht von Einschnitten, sondern von ?Gesundheitsbausteinen?, von ?Co-Investment? oder ?Job-Families? ? alles schöne Begriffe für bittere Pillen. Auch das ?atmende Unternehmen?, die ?Ich AG? oder ?Job-Floater? entspringen der Phantasie eines Managers, der auch Werbetexter hätte werden können.Von dieser Woche an wird der einstige Hoffnungsträger der rot-grünen Koalition und Star von VW Privatmann sein. Nun kann sich der Hobby-Reiter seiner zweiten großen Leidenschaft widmen: Das Saarland wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Eine Stiftung mit dem Ziel eines weltumspannenden saarländischen Netzwerks hat er längst gegründet. Der Überzeugungstäter Hartz macht weiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2005