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Porträt: Das Leben ist hartz

Von Josef Hofmann
Sein Name gilt vielen Deutschen seit diesem Jahr als Synonym für Sozialabbau. Doch wer ist Peter Hartz wirklich?
Peter Hartz Foto: dpa
FRANKFURT. Der Saarländer hat auswärts immer Heimweh. Kein Wunder, dass er es nicht zur Weltläufigkeit bringt. Dabei ist er bei sich selbst und braucht nicht außer sich zu sein, wie die entfremdeten Weltläufigen", schreibt der Schriftsteller Ludwig Harig über seine Landsleute.Peter Hartz ist Saarländer, doch er ist eine Ausnahme: Er ist weltläufig - und außer sich war er im vergangenen Jahr öfter als einmal. Denn der 63-Jährige ist verärgert. Er hat es in diesem Jahr zu großer Berühmtheit gebracht, doch nicht zu Glorie. Und auch weniger die Person als sein Name.

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Vor drei Jahren hatte sich der überzeugte Sozialdemokrat Hartz auf ein Spiel eingelassen, ohne sich der Regeln bewusst zu sein. Lange hat es gedauert, bis er 2004 feststellen musste, dass er dabei den Schwarzen Peter gezogen hat."Hartzlos" steht auf einem Plakat, das die neuen Montagsdemonstranten ab dem Sommer durch die deutschen Städte tragen, auf anderen steht: "Das Leben ist hartz". Hartz, besonders mit dem Zusatz IV, das ist für sie Synonym für Sozialabbau und für Kapitalismus der übelsten Art. Und den Namensgeber identifizieren sie automatisch als die reinkarnierte Ungerechtigkeit.Als wäre das noch nicht genug gewesen an Last und Bürde, musste er als VW-Personalvorstand im Herbst des Jahres auch noch eine heikle Tarifauseinandersetzung im eigenen Konzern lösen. Auch das eine Aufgabe, die weit über die Grenzen des VW-Reichs hinausragte, blickte doch die gesamte Autoindustrie nach Wolfsburg, um zu sehen, wie Peter Hartz, dieser Reformgeist, mit jener Herausforderung umging.Jeder in Deutschland, nicht nur die Autobranche, kennt inzwischen seinen Namen. Den Mann, der ihnen "den ganzen Mist" eingebrockt haben soll, kennen indes nur die wenigsten. Gegen ihn beziehungsweise das Konzept, das seinen Namen trägt und die Zusammenführung von Arbeitslosen und -Sozialhilfe beinhaltet, stehen alle auf, die sich irgendwie als Verlierer sehen. Organisiert von Gruppierungen quer über das politische Spektrum, die glauben, aus amorpher Unzufriedenheit Profit schlagen zu können. Hartz IV entzweit die Nation.Und was macht der Mann, den die Wut trifft? Er schweigt beharrlich dazu und macht sich rar - das ganze Jahr über. Nur einmal lässt er sich im Frühjahr zu einer Bemerkung hinreißen: "Nicht überall, wo Hartz draufsteht, steckt auch Hartz drin." Basta! Fragen quittiert der bis dato erfolgsverwöhnte Manager je nach dem Grad der Provokation mit genervt verzerrtem Gesicht oder einem müden Lächeln. Der Gentleman Hartz, stets korrekt gekleidet und freundlich, schweigt und ärgert sich. Darüber, dass er den Kopf für etwas hinhalten muss, was nur noch bedingt dem entspricht, was sein Kopf ersonnen hat. Denn dass die Hartz-Reformen nur noch entfernt etwas mit seinen Ideen zu tun haben, bescheinigen ihm selbst die Kritiker.Hartz grämt es, als Buhmann dazustehen. Denn er sei ein Mensch, "der es liebt, geliebt zu werden", sagt einer aus seinem Umkreis. Er sagt es nicht mit Spott, er sagt es mit Achtung. Denn Peter Hartz ist das Gegenteil eines kanten- und kritiklosen Mitläufers. Immer wieder hat er im Laufe seiner Karriere andere vor den Kopf gestoßen: Unternehmer, denen zum Thema Kostensenkung nichts Besseres einfällt, als Leute zu entlassen, Gewerkschafter, die an Besitzständen kleben. Und immer hat er es geschafft, Kompromisse zu finden und einen Interessensausgleich herzustellen. Peter Hartz kann mit vielen Erfolgen aufwarten. Für gute Arbeit Anerkennung zu erwarten ist nicht anstößig.Die Grenze zur Eitelkeit ist dabei fließend, die Beweggründe seines Handelns vermischen sich. Das dürfte auch nicht anders gewesen sein, als ihn sein Duzfreund Gerhard Schröder bat, als Chef einer Kommission den wohl schwierigsten Umbau im deutschen Sozialsystem nach dem zweiten Weltkrieg anzupacken. Hartz hat es sich zugetraut, Hartz hielt es für notwendig, und es sollte die Krönung seiner Karriere werden.Der sozialdemokratisch und gewerkschaftlich geprägte Sohn eines Hüttenarbeiters wollte sich ein Denkmal setzen, sagen Kritiker. Diejenigen, die Hartz schätzen, sehen das anders: Der groß gewachsene Charmeur mit dem breiten Lächeln glaubt fast dogmatisch an die Medizin der Innovation. Ausgetretene Pfade zu verlassen, Neues zu schaffen, neue Ideen zu kreieren und umzusetzen ist sein Lebenselixier. Er ist der Kreative, der, so stöhnen zuweilen Mitarbeiter bei VW, die lästige Detailarbeit gern anderen überlässt. "Wenn die Hartz-Ideenquelle sprudelt, hilft oft nur noch wegducken", heißt es in Wolfsburg, wo Hartz seit 1993 für das Personal des Volkswagen-Konzerns verantwortlich ist. Hartz ist ein Fan von Schaubildern, er liebt die plakative Sprache, arbeitet gern mit Beispielen.In Wolfsburg kennt man das, Wolfsburg ist seine Bühne. Hier spielt er eine Hauptrolle, hier führt er Regie und feiert seine größten Erfolge, wie bei der Tarifrunde 2004. Am 23. August bittet Hartz kurzfristig die Presse nach Wolfsburg. Vier Tage zuvor hatte die IG Metall ihre Forderungen bekannt gegeben: vier Prozent mehr Geld, Arbeitsplatzgarantie. Doch Peter Hartz verteidigt nicht, er wehrt nicht ab. Offensiv spielt er den Ball zurück. Offensiv, im dunklen Anzug mit weißem Hemd präsentiert er seinen Angebotskatalog. Nur die unbarmherzige Großleinwand offenbart, dass die letzten Monate nicht spurlos an ihm vorübergezogen sind. Er wirkt angespannt, seine Augen zucken. Die Argumente sind im Grunde die gleichen wie bei Hartz IV. Ohne deutliche Sparmaßnahmen hat das deutsche VW-System, sprich die Standorte, keine Chance. Doch er, Hartz, hat die Lösung, bei VW heißt sie "Nachhaltigkeitsvertrag". Er bietet die Sicherung jedes einzelnen Arbeitsplatzes an den sechs westdeutschen Standorten an - natürlich unter Bedingungen. Doch wer will zu so einem Angebot in einer Zeit mit fünf Millionen Arbeitslosen und täglichen Meldungen über Produktionsverlagerungen schon kategorisch Nein sagen.Die IG Metall versuchte es erst einmal, denn was sich hinter positiv klingenden Begriffen wie "Gesundheitsbaustein", "Co-Investment" oder "Job-Families" verbarg, war eine Kampfansage an gewerkschaftliche Errungenschaften. Beschäftigte sollten sich finanziell an Gesundheitskosten beteiligen, Standortverantwortliche und Betriebsräte sollten sich darauf einigen können, Eckpfeiler von Tarifverträgen auszuhebeln. Hartz, der durchaus auch Talent als Werbetexter zeigt, hatte wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Fortan wurde nicht mehr über Gewerkschaftsforderungen verhandelt, sondern über das Hartz-Paket.Doch selbst auf seiner Heimatbühne Wolfsburg holten ihn die Montagsdemonstranten ein: Widerstand gegen "Hartz 0" forderten kampfbereite VW-Werker auf ihren Plakaten. Doch der Versuch, das Buhmann-Image von Hartz IV auf VW zu übertragen, scheiterte. In vielen Interviews zeigte sich Sympathie für den Genossen und Gewerkschafter Hartz, der nicht phantasielos einfach mit Kündigungen gedroht hatte.Dabei war das Hartz-Tarifpaket mit heißer Nadel gestrickt worden. Noch 20 Stunden vor Veröffentlichung wurde in Wolfsburg fieberhaft gearbeitet. Ein VW-Sprecher konnte noch nicht einmal sagen, wie viele Punkte es umfassen wird. "Wir versuchen noch, Themen zu bündeln und zu strukturieren", hieß es. Eine Hauptaufgabe, wenn man mit Hartz arbeitet. Am Ende blieben sieben Punkte übrig, bei jedem galt: ein wohlklingender Name, dann das Angebot, erst danach die Bedingungen - ein bewährtes Hartz-Konzept.Auf der politischen Bühne erlitt der Saarländer mit dieser Strategie Schiffbruch. "Fördern und Fordern" hatte Hartz an jenem Augusttag 2002 bei der Übergabe des Reformpakets im Französischen Dom in Berlin als Parole für die Hartz-Reformen ausgegeben. Am Ende war nur noch vom Fordern die Rede. Dabei hatte Duzfreund Gerhard Schröder versprochen, die Vorschläge "eins zu eins umzusetzen". Das Versprechen war von vornherein so naiv wie das von Hartz, bis 2005 die Zahl der Arbeitslosen halbieren zu können. "Heute ist ein guter Tag für die Arbeitslosen", hatte Hartz damals mit voller Überzeugung und voll Stolz verkündet.Das war vor der Wahl und vor dem politischen Hickhack. Nur kurze Zeit war Hartz auf der politischen Bühne der Superstar: Er wurde als Superminister im Kabinett Schröder gehandelt, andere sahen ihn als aussichtsreichsten Nachfolger von Florian Gerster, als dieser von der Spitze der Bundesagentur für Arbeit abtreten musste. Hartz hat alles abgelehnt: "Als Politiker wäre ich keine Idealbesetzung. Da müssen Sie ständig irgendwelche unqualifizierte Kritik aus der Öffentlichkeit aushalten. Als Manager werden Sie dagegen an den echten Ergebnissen Ihrer Arbeit gemessen", kommentierte er in einem Interview. Das war vor den Montagsdemonstrationen mit ihrer öffentlichen Kritik.Hartz hatte die öffentliche Wirkung als Kopf einer politischen Kommission unterschätzt, seine reale Macht bei der Umsetzung überschätzt. Der Hobby-Reiter hatte auf ein Pferd gesetzt, das nicht seinen Befehlen gehorchte. Bei VW ist das anders: Dort wird umgesetzt, was Hartz in Kommissionen mit den Betriebsräten und Gewerkschaften erarbeitet - mit Erfolg. Ohne ihn hätten viele VWler keinen Arbeitsplatz mehr.1993 einigte sich Hartz in einer fast aussichtslosen Situation mit der Gewerkschaft auf das Modell der Vier-Tage-Woche bei VW. Lohn wurde gekürzt, Sonderleistungen wurden gestrichen - aber die Entlassung von 30 000 Arbeitskräften vermieden. 2001 kreierte er das Modell 5000 mal 5000, bei dem 5000 Arbeitslose für jeweils 5000 Mark brutto im Monat eingestellt werden sollten. Für 3500 wurde das bereits zur Realität: Sie bauen in Wolfsburg den erfolgreichen Van VW Touran. Der Tarifabschluss des Jahres 2004 zielt in die gleiche Richtung.Peter Hartz hat ein anstrengendes und trotz aller Kritik erfolgreiches Jahr hinter sich. Die Kraft für seine Aufgaben tankt der Weltläufige nach eigenen Aussagen dort, wo er herkommt - im Saarland.Dort hat er noch immer seinen Hauptwohnsitz, dort lebt seine Familie, dort wird er bewundert und geehrt. Mitten in den Protesten gegen Hartz IV wurde ihm vom CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller, auch mit ihm versteht sich Peter Hartz gut, in diesem Jahr die Professorenwürde verliehen. Für seine Verdienste um die Wirtschaft des kleinsten deutschen Flächenstaates. Das, was ihn weit über die Grenzen des Saarlandes berühmt gemacht hat, die Arbeitsmarktreform Hartz IV, wurde in der Laudatio indes mit keinem einzigen Wort erwähnt.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.12.2004