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Keine Allianz fürs Leben

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Die Versicherungsbranche rüstet um. Internationalisierung, Industrialisierung und Konsolidierung stehen auf dem Plan. Die sperrigen Worthülsen bedeuten vor allem eins: Tausende Arbeitsplätze fallen weg. Den Standort Köln trifft es besonders hart
Ein Mittwochmorgen in der Allianz-Niederlassung in Köln. Die Mitarbeiter betreten im T-Shirt das Gebäude. "Köln muss bleiben" steht darauf. Auf den Rücken ist eine Deutschlandkarte gedruckt - mit Nordrhein-Westfalen als Allianz-freier Zone. Noch steht ein Fragezeichen dahinter. Der Vorstand hat angekündigt, alle Niederlassungen im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland zu schließen. Doch die Betriebsräte wehren sich - und hoffen, zumindest einige der 1.800 Arbeitsplätze in Köln erhalten zu können. Der allwöchentliche T-Shirt-Tag ist nur eine von vielen Aktionen. Und die Allianz ist nur eine von vielen Versicherungen, bei denen Arbeitsplätze abgebaut werden. Deutschlandweit plant die Allianz 5.700 Stellen zu streichen, beim Talanx-Konzern sind es 1.800, bei der Ergo Versicherungsgruppe 1.000 Stellen, bei der Axa 350. Die Liste ließe sich fortführen. Den Standort Köln trifft es besonders hart, die Domstadt ist voll von Versicherungen. Alle großen Namen sind hier vertreten: Allianz und Axa, DEVK und DVK, Gerling und Gothaer

Sämtliche Unternehmen melden Gewinne. Doch "wir zehren aus der Substanz der Vergangenheit", sagt Allianz-Sprecherin Kathrin Ehrig. Bis 1994 waren die Märkte staatlich reguliert; die Trennung der Sparten war vom Gesetzgeber vorgeschrieben und diente der Konkurrenz innerhalb des Unternehmens. So entwickelte sich jede Abteilung anders, baute ihren eigenen Vertrieb auf, mit eigener EDV, Formularen, Abläufen. Nach der Deregulierung und dem damit verbundenen erhöhten Wettbewerbsdruck in der Branche doppeln sich nun viele Tätigkeiten in der Verwaltung. Die Unternehmen haben es versäumt, die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen aufzubrechen und wirtschaftlicher zu gestalten

Die besten Jobs von allen


Das große Aufräumen
Das holen sie jetzt nach, um im Preiskampf der Wettbewerber bestehen zu können. Die Kapitalgeber verlangen möglichst hohe Renditen und weniger Risiko, die Kunden mehr Service und flexiblere Tarife. Und die Versicherer haben große Probleme, allen gleichermaßen gerecht zu werden. Besonders zu spüren bekommt dies im Moment die eigene Belegschaft. Mit der hohen Sicherheit, für die die Branche vor allem in Bezug auf Arbeitsplätze immer stand, ist es vorbei

Fassungslos stehen die Allianz-Mitarbeiter vor den jüngsten Entscheidungen. In den letzten Jahren hatte sich der Standort Köln zum produktivsten in ganz Deutschland entwickelt. Dass es jetzt ausgerechnet ihn getroffen hat, wertet Manfred Poweleit vom Branchendienst map-report als symbolischen Schritt in eine neue Ära: "Die Zentralniederlassung Köln war so etwas wie die Königsschmiede des Konzerns. Da müssen alte Zöpfe abgeschnitten werden." Schwerfällig, altmodisch, eingefahren: Das ist die Allianz. Und Köln steht für die alten Strukturen, die Michael Diekmann nun aufbrechen will.

Der Konzernchef räumt deshalb kräftig auf. Die drei Geschäftsfelder Lebens-, Sach- und Krankenversicherung wurden unter einer gemeinsamen Holding zusammengeführt, Vertriebe und Kapitalanlagen in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert. Bislang wurde jede Zweigniederlassung wie ein eigenes Unternehmen geführt. Demnächst will Diekmann Verwaltungen zusammenlegen und das EDV-System vereinheitlichen

Die Angestellten wurden nicht groß gefragt. Menschen, die anderen Sicherheit verkaufen, müssen selbst Vertrauen ausstrahlen, hieß bislang die Philosophie der Allianz. "Aber wie sollen wir einem Unternehmen noch vertrauen, das auf den Mitarbeitern rumtrampelt", fragt sich Wolfgang Tesch, stellvertretender Betriebsratsleiter in Köln. "Die Identifikation mit dem Arbeitgeber ist völlig weg." Eine Allianz fürs Leben - von dem Gedanken muss sich so mancher verabschieden.
Auch bei Gerling läuft der große Ausverkauf. Hier betrifft es gleich das ganze Unternehmen. Die Talanx AG hat den ehemaligen Familienkonzern übernommen. Was dort gerade passiert, nennt sich im Unternehmerdeutsch "Integrationsprozess": Die Talanx-Töchter HDI und Gerling werden zu einem Unternehmen zusammengeschustert. Die Schaden- und Unfallversicherung geht nach Hannover, nur die Lebensversicherung bleibt in Köln.

Talanx-Sprecher Thomas von Mallinckrodt versucht zu beschwichtigen: "Wer mobil ist, hat gute Chancen, seinen Arbeitsplatz zu behalten." 1.300 Mitarbeiter dürfen umziehen - oder verlieren ihren Job. Talanx holt nach, was der Konzern nach der schweren Krise 2002 versäumt hatte. Der 11. September 2001 hatte Gerling bereits ins Straucheln gebracht; eine Überexpansion im US-Markt brach dem Unternehmen dann fast das Genick. "In solchen Zeiten kann nur das Notwendigste gemacht werden", sagt von Mallinckrodt. "Tiefere Ursachen anzugehen, ist sehr schwierig." Man habe bei Gerling sehr ungünstige Kostenstrukturen vorgefunden. Von diesen "Altlasten" will Talanx Gerling nun befreien.

Samariter sind sie deshalb noch lange nicht. Für Talanx ist der Gerling-Deal mehr als lukrativ. Mit dem Kauf wurden die Hannoveraner zur drittgrößten deutschen Versicherungsgruppe nach Allianz und Münchner Rück. Neben dem wichtigen Standbein Industrieversicherung bringt Gerling noch einen Vorteil mit sich: Die stabilen Erträge des Privatkundengeschäfts sichern Talanx beim riskanten Industrie- und Rückversicherungsgeschäft ab. Hier war die Gruppe bislang schwach aufgestellt.

Alles für die gute Show
Aus dem Stadtbild verschwunden ist seit einigen Jahren bereits der Colonia-Schriftzug. Auch er ist der Internationalisierung zum Opfer gefallen. Erst gab es Colonia und Nordstern, dann nur noch Colonia, dann wurde Axa Colonia daraus - nun firmiert das Versicherungsunternehmen aus dem Rechtsrheinischen unter dem Namen der französischen Mutter. Einzig die Straße, an der das Unternehmen sitzt, erinnert an die alten Zeiten: die Colonia-Allee.

Axa betreibt eine Einmarkenstrategie: Die Erfolgspolitik des Unternehmens beruht darauf, andere Gesellschaften zuzukaufen, zu integrieren und so die Marktpräsenz von Axa auszubauen. Der Konzern rühmt sich damit, eines der innovativsten Versicherungsunternehmen zu sein. Immer nah am Kunden, immer perfekt auf ihn abgestimmt, immer den neuesten Trend gleich umgesetzt. Experte Poweleit sieht das kritischer: "Der Kunde braucht keine Showveranstaltung. Seine Bedürfnisse ändern sich nicht alle paar Monate." Der Aktivismus habe andere Gründe, so der map-report-Chef. Das Schlimmste für ein börsennotiertes Unternehmen sei es, keine Nachrichten zu haben. Zu viel Wert werde daher darauf gelegt, den Aktionären zu zeigen, dass sich im Unternehmen etwas tut. Werner Görg, Vorstandsvorsitzender der Gothaer, sieht genau darin den Vorteil für sein Unternehmen: "Wir werden nicht von Quartalsbilanzen getrieben." Die Gothaer ist ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, bei dem die Kunden zugleich Mitglieder sind. So werde das Unternehmen nicht ausschließlich kapitalanlage- und kapitalmarktorientiert gefordert.

Seine Niederlassungen hat die Gothaer schon vor einigen Jahren von acht auf fünf reduziert, ohne großes Aufsehen zu erregen. Die Anzahl der Mitarbeiter geht jährlich um 200 bis 300 zurück; allerdings nur durch Fluktuation oder altersbedingtes Ausscheiden aus dem Unternehmen. Der Vertrieb wird dafür ausgebaut. Ende 2006 werden es 1.750 neue Außenstellen sein, bis 2010 soll die Zahl auf 2.500 steigen. Der persönliche Kontakt sei das Wichtigste, sagt Vorstandschef Görg. Das Rückversicherungsgeschäft hat die Gothaer im vergangenen Jahr aufgegeben, weil das Risiko zu hoch war und zu viel Kapital gebunden hat. Jetzt will sie sich ganz auf den Privatkunden konzentrieren.

Neue Geschäfte
Die Deutsche Krankenversicherung DKV, ein Unternehmen der Ergo Versicherungsgruppe, hat es unter den Versicherern in Köln gerade besonders schwer, Kunden für sich zu gewinnen. Sie ist der zweitgrößte Krankenversicherer Deutschlands. Die Kunden sind wegen der geplanten Gesundheitsreform unsicher. Viele Besserverdienende haben Angst vor steigenden Beiträgen und machen deshalb einen Bogen um die Private Krankenversicherung. Um dies zu verhindern, bietet die DKV Arbeitnehmern, die sich neu privat versichern wollen, eine kostenlose Rückkehr in die Gesetzliche an

Auch die DKV plant für das Jahr 2008 die Zahl der Geschäftsstellen von 45 auf 18 zu reduzieren. Arbeitsplätze sollen dabei aber nicht verloren gehen. Sich an die veränderten Gegebenheiten des Marktes anzupassen, heißt für die DKV nicht nur, die internen Strukturen zu verschlanken. Sie investiert mit den hierdurch gewonnenen Mitteln in neue Geschäftsfelder: Der Krankenversicherer entwickelt sich zum Gesundheitsunternehmen. "Wir bauen eigene medizinische Versorgungsnetze auf", sagt Konzernsprecher Christian Heinrich. Erste Franchise-Verträge mit Zahnärzten hat die Versicherung bereits geschlossen

Klein aber fein
Eine Gruppe stellt sich gegen den Kölner Trend: Seit 2005 bauen die DEVK Versicherungen Personal auf, 2.715 Mitarbeiter zählt der Konzern aktuell. Sein Vorteil liegt in der klaren Zielgruppenfokussierung. An der Spitze der DEVK stehen zwei Eisenbahn-Versicherungsvereine. Damit verfügt sie über einen treuen Kundenstamm - und von vornherein über schlanke Strukturen. "Nicht zuletzt durch unsere Unternehmensform sind wir unseren Kunden und ihren Bedürfnissen immer ein Stück näher", sagt Wilhelm Hülsmann, Vorstandsvorsitzender der DEVK. Zwar baut das Unternehmen auch das Nichtmitgliedergeschäft aus, doch an seinen Grundprinzipien hat es festgehalten. Klein, fein, spezialisiert - das ist die DEVK, und damit für Manfred Poweleit "das Paradebeispiel, wie man es richtig macht".

Kundennähe, wissen die Verantwortlichen bei der DEVK, erreichen sie vor allem durch einen starken Vertrieb. Das haben jetzt auch die anderen Unternehmen erkannt. Das Geld, das sie durch die Stellenstreichungen im Innendienst sparen, wollen sie in ihr Vertriebssystem investieren. Darauf legt auch Kathrin Ehrig von der Allianz wert: "Die Allianz bleibt in Nordrhein-Westfalen." Die Anzahl der Vertreterbüros wird künftig eher noch steigen. In Gesamtdeutschland werden in den kommenden zwei Jahren jeweils 1.500 Leute für den Vertrieb eingestellt - vorzugsweise diejenigen, die an anderer Stelle ihren Job verlieren.
Neues Prunkstück der Allianz wird das zentrale Kundenzentrum in Leipzig, das im Juli 2007 eröffnet werden soll. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hat der Kunde eine Anlaufstelle für seine Fragen; und die Versicherungen aller Sparten werden von einem zentralen Platz aus bearbeitet. Das soll das lästige Hin- und Herverbinden zwischen den einzelnen Stellen beenden; ein Mitarbeiter kann in allen Fragen helfen

Für Direktversicherer wie die Europa ist dies schon längst Realität. Vorstandsmitglied Christian Schüssler glaubt aber nicht, dass sich dieses Prinzip auf alle Versicherer übertragen lässt. Entweder sei ein Unternehmen ein Service- oder ein Direktversicherer. "In den meisten Call-Centern sitzen nur angelernte Mitarbeiter", weiß Schüssler. Europa sei da eine Ausnahme: "Wir setzen auf ausgebildete Versicherungskaufleute, die hochwertige Beratung bieten können." Direktversicherer haben vor allem Kunden, die selbst sehr gut informiert sind und sich dann bewusst für ein Angebot entscheiden. Daher werde "nur ein Bruchteil der Leute mit Direktversicherungen glücklich", sagt Experte Poweleit.

Glücklich in Köln werden will jedenfalls die AMB Generali. Ihr Beispiel zeigt, dass nicht alle Versicherungen zu Lasten des Standorts Köln entscheiden. Die AMB Generali hat bei ihren Töchtern Aachen Münchener, Volksfürsorge und Central Krankenversicherung schon rund 2.000 Mitarbeiter in der Rheinmetropole sitzen. Und im Jahr 2008 wird auch die Konzernspitze aus Aachen mit immerhin fast 200 Angestellten herziehen. Wer wird davon profitieren? Die Anleger? Die Mitarbeiter? Die Kunden? Oder alle? Irgendwer profitiert bestimmt - das sei versichert

Claudia Schumacher
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2006