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Beautiful Minds

Foto: Photocase
Zu Tisch bei Kollege Nobelpreisträger: 300 handverlesene Wirtschaftsstudenten und Nachwuchsforscher trafen in Lindau am Bodensee die klügsten Köpfe ihres Fachs. Die Augsburger Finance-Studentin Julia Heidemann war dabei.
Wie begrüßt man eigentlich einen Nobelpreisträger - einfach mit Hallo? Herzklopfen, ein Heidenrespekt und jede Menge Neugier begleiten mich auf dem Weg zum Bodensee. Dass ausgerechnet ich ausgewählt worden bin, einige der genialsten Menschen der Welt zu treffen! Die meisten anderen Teilnehmer stecken schon mitten in der Promotion, ich stehe gerade mal kurz vor der Diplomarbeit.

Beim Durchblättern des Programmhefts mit allen Lebensläufen fühle ich mich gleich noch ein bisschen kleiner als ich ohnehin schon bin. Vielleicht helfen mir die vier Tage Lindau, um mir Klarheit zu verschaffen, wie es bei mir nun nach dem Diplom weitergehen soll: promovieren oder einen Job in der Wirtschaft suchen? Aber die Menschen hinter den Nobelpreisträgern kennen zu lernen, finde ich eigentlich noch viel aufregender

Die besten Jobs von allen


Russel Crowe im Kopf
Richtig gespannt bin ich auf den Spieltheoretiker John Nash. Sein Leben zwischen Genie und Wahnsinn ist ja in dem Film "A Beautiful Mind" verfilmt worden. Nash galt schon früh als mathematisches Genie, erkrankte jedoch mit 30 Jahren an paranoider Schizophrenie. Erst in den 90er Jahren hat er sich wieder von dieser Krankheit erholt. Durch die Verfilmung mit Russel Crowe habe ich ein bestimmtes Bild von ihm im Kopf, doch ich möchte natürlich wissen, wie er wirklich ist.

Tatsächlich: Gleich am ersten Abend sitzt er beim Essen nur ein paar Tische weiter. Das ist das Besondere an den Lindauer Treffen: Die Wissenschaftler bleiben nicht unter sich, sondern haben das gleiche Programm wie die Studenten. Um Nash, einen kleinen Mann mit wachen Augen und weißen, gescheitelten Haaren, hat sich im Nu eine Menschentraube gebildet. Ein bisschen entspricht er schon dem Klischee eines zerstreuten Professors in seiner etwas unbeholfenen und zugleich sehr aufmerksamen Art. Doch meine Ehrfurcht siegt: An diesem Abend traue ich mich nicht mehr, ihn anzusprechen.

Sprühende alte Herren
In den kommenden Tagen fällt die Anspannung zusehends von mir ab. Unter den Studenten ist die Stimmung sowieso locker, alle naselang wird man angesprochen und gefragt, wo man studiert und worüber man forscht. Eine bessere Gelegenheit zum Netzwerken könnte es gar nicht geben. Der Tag ist voll mit Vorträgen und Diskussionsrunden, die Zeit fliegt nur so dahin. Mit 63 Jahren ist Finn Kydland, der Norweger, der jüngste unter den anwesenden Nobelpreisträgern, trotzdem versprühen diese grauhaarigen Herren so viel Esprit, dass es keinen Moment langweilig wird.

Als besonderes Highlight entpuppt sich der zweite Abend: Jeder hat in seinen Unterlagen eine farbige Karte mit dem Namen eines Restaurants, in dem man sich zum Dinner einfinden soll. Als ich die "Alte Post", so heißt mein Restaurant, betrete und mich suchend nach einem bekannten Gesicht umsehe, höre ich neben mir ein kategorisches: "Sit down". Es ist Douglass North, Nobelpreisträger von 1993 und mittlerweile 83 Jahre alt. Schnell und erleichtert nehme ich neben dem alten Mann mit dem verschmitzten Gesicht Platz.

Außer mir und North sitzen noch drei Doktoranden - eine Inderin, ein Amerikaner und ein Deutscher - mit am Tisch. Zeit zum Aufwärmen lässt uns North nicht: Der Wirtschaftshistoriker ist ehrlich an unserer Meinung interessiert, will wissen, wie wir die Rolle der Mathematik in den Wirtschaftswissenschaften einschätzen. Dazwischen plaudert er von sich, erzählt, wie sehr ihn der ganze Rummel nervte, nachdem er den Nobelpreis bekommen hatte. Mich bringt er einmal ganz schön in Verlegenheit, als er mir grinsend sagt, dass ich mit meinem Ring an der linken Hand "falsche Signale" aussende. Ganz schön frech, doch einem Nobelpreisträger nimmt man so leicht nichts übel

Als North mich am nächsten Tag wiedererkennt und mir zuzwinkert, bin ich sogar ein bisschen stolz. Es ist toll zu merken, dass die Wissenschaftler überhaupt nicht abgehoben sind. Das gilt ganz besonders auch für die Amerikaner Robert Engle, der von allen am ehesten wie ein Manager wirkt, und Clive Granger, an dessen hohe Fistelstimme man sich allerdings erst etwas gewöhnen muss. Mit "Beautiful Mind" Nash bleibt gerade mal Zeit für ein Erinnerungsfoto. Er ist schon so etwas wie der Star hier und somit ständig umlagert

Macht aber nichts: Ich habe so viele Gespräche geführt und Kontakte geknüpft. Nur was meine Entscheidung "Promotion oder Job" angeht, schwanke ich jetzt noch mehr als vorher. In Lindau habe ich richtig Lust auf wissenschaftliches Arbeiten bekommen, aber nun weiß ich von so vielen interessanten Promotionsprogrammen in der ganzen Welt, dass ich erst richtig die Qual der Wahl habe. Am besten halte ich mich an den Rat der Nobelpreisträger: Entdecke deine Möglichkeiten - und nutze sie

Aufgezeichnet von Dorothee Fricke

Die Augsburger Studentin Julia Heidemann, 23, im Gespräch mit Kommilitonen und Nobelpreisträger Robert Engle. Netzwerken, Vorträge anhören und mit Nobelpreisträger Douglass North dinieren: Julia verlebte unvergessliche Tage in Lindau

Worüber Nobelpreisträger nachdenken
Vom Tod des Homo oeconomicus bis zur Abholzung des Regenwalds: In Lindau redeten die Wirtschaftsnobelpreisträger über zentrale Zukunftsfragen der Menschheit

Finn Kydland (2004*) zeigte, welchen Einfluss Steuern und Geldmarktpolitik auf den Konjunkturzyklus ausüben.
Robert Engle (2003) leitete aus seinen Forschungen über Schwankungen an den globalen Finanzmärkten ab, dass der Weltwirtschaft eine positive Entwicklung bevorsteht.
Clive Granger (2003) sprach über mathematische Modelle bei der Abholzung des Regenwaldes.
Der als geistiger Vater des Euro geltende New Yorker
Robert Mundell (1999) äußerte sich über Chinas Währungspolitik.
Das Thema von
James Mirrlees (1996) war die optimale Besteuerung von Gütern.
Spieltheoretiker John Nash (1994) blieb seinem Kerngebiet treu und sprach über "kooperative Spiele".
Reinhard Selten (1994), einziger deutscher Wirtschaftsnobelpreisträger, erklärte, warum der Homo oeconomicus für ihn ausgestorben ist.
Der Wirtschaftshistoriker Douglass North (1993) zeigte, warum sich viele Industrieländer mit effektiven Wirtschaftsreformen so schwer tun.

*Jahr der Nobelpreisverleihung
Dieser Artikel ist erschienen am 02.11.2006