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?Andere feuern, wir heuern?

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
ST-Microelectronics-Chef Pasquale Pistorio versteht sich darauf, finanzielle mit sozialer Verantwortung zu verbinden.
MÜNCHEN. Fast spitzbübisch ist das Lächeln von Pasquale Pistorio, das unter dem grauen Schnauzer hervorblitzt. Dem kleinen, untersetzten Mann mit dem schütteren Haar gelingt es schnell, die Zuhörer mit seinem südländischen Charme für sich zu gewinnen ? was nicht selbstverständlich ist. Der geborene Sizilianer redet gerne über Dinge, die in der rauen Welt der Halbleiterindustrie eigentlich niemanden so richtig interessieren.Der 67-Jährige Chef von ST Microelectronic (ST) spricht ausführlich über Umweltschutz und doziert leidenschaftlich gerne über die Verantwortung von Unternehmen der Gesellschaft gegenüber. ?Ich bin überzeugt, dass künftig nur Firmen erfolgreich sein werden, die sich um soziale Belange kümmern,? ist einer jener Sätze, mit denen der Chef des viertgrößten Halbleiterproduzenten der Welt Kunden, Analysten und Journalisten missionieren will. ?Das ist schon außergewöhnlich?, sagt ein erfahrener Halbleiter-Analyst. ?Pistorio lässt den sozialen Aspekt in keiner Präsentation aus.?

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Dabei sind Themen wie diese aus dem Mund eines Managers der Chipindustrie äußerst selten. Viele seiner Kollegen an der Spitze der global tätigen High-Tech-Konzerne geben sich lieber als knallharte Manager, die wenig mehr als Gewinne und Aktienkurse im Blick behalten. Beispiel Infineon: Der Chef von Deutschlands größtem Halbleiterhersteller, Ulrich Schumacher, gefällt sich in der Rolle des Antreibers und Provokateurs. Wer in seiner Firma nicht mithalten kann, muss gehen, lautet sein Credo. Und weil in Deutschland die Steuern viel zu hoch seien, drohte er im Frühjahr mit dem Umzug des Konzernsitzes ins Ausland.?Die anderen feuern, wir heuern an,? kontert dagegen Pistorio. Soziale Verantwortung ist für ihn mehr als eine leere Worthülse. Selbstverständlich verantwortlich fühlt er sich auch für seine Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze ? was ihn zum Erfolg zwingt: Im Branchenvergleich meisterte das Unternehmen die große Krise der Chipindustrie weitaus besser als viele Wettbewerber. ?Nur Intel und ST waren auch in schwierigen Zeiten durchweg profitabel?, sagt er nicht ohne Stolz. Zum Vergleich: Infineon musste zuletzt zwei Jahre in Folge einen Milliarden-Verlust hinnehmen und kommt erst jetzt wieder in die schwarzen Zahlen. ST dagegen war immer profitabel, wenn die Gewinne zuletzt auch weniger üppig ausfielen als erhofft. Lesen Sie auf Seite 2: Warum Pasquale Pistorio heuert Sicher: Auch Pistorio musste Werke schließen und kam wegen des Preisverfalls und des Nachfrageeinbruchs um Einschnitte nicht herum. Doch von seinen sozialen Prinzipien wich der gemütlich wirkende Manager auch dann nicht ab. Da er ?finanzielle und soziale Verantwortung? miteinander verbinden will, kommt für ihn eine Verlagerung der Firma nach Asien, um die Kosten zu drücken, nicht in Frage. ?Unsere Wurzeln liegen in Europa. Ein Umzug steht deshalb nicht zur Diskussion.? Das italienisch-französische Unternehmen hat seinen rechtlichen Sitz in Holland, die Zentrale im schweizerischen Genf. In einem Alter, in dem die meisten Arbeitnehmer längst in Rente sind, hat Pistorio nicht mehr das Bedürfnis, sich jemandem beweisen zu müssen. Das spüren seine Mitarbeiter: Ruhig bereitet der Elektroingenieur dieser Tage seinen Abgang vor. Im Frühjahr 2005 soll endgültig Schluss sein. Auf der Hauptversammlung in anderthalb Jahren will er sich verabschieden. Fast 40 Jahre in der Chipindustrie hat der Vater von drei Kindern dann auf dem Buckel. Dabei hat er sein Berufsleben ausschließlich bei zwei Firmen verbracht: 1967 startete er als Verkäufer für Motorola in Italien und stieg im US-Konzern mit den Jahren immer weiter auf. 1980 übernahm er dann die heruntergewirtschaftete Staatsfirma SGS Microelettronica. Sieben Jahre später verschmolz er SGS mit Thomson Semiconducteurs und brachte das Unternehmen an die Börse ? heute unter dem Namen ST Microelectronics. Mittlerweile gehört die Firma zu den größten Halbleiterproduzenten der Welt. Wer sein Nachfolger werden wird, will Pistorio nicht verraten. Noch nicht. ?Spätestens ein Jahr vor der Amtsübergabe werden wir den Namen des neuen Chefs bekannt geben?, sagt er. Und schiebt gleich hinterher: ?Ja, es gibt einen Nachfolgeplan.? Damit sei die Kontinuität des Unternehmens gesichert. Das heißt: Es wird einen Nachfolger aus dem Konzern heraus geben. Da aber dort immerhin 18 Manager an den höchsten Chef direkt berichten, erwarten Branchenexperten, dass die Wahl kaum leicht fallen dürfte. Lesen Sie auf Seite 3: Warum Pasquale Pistorio heuert Doch der CEO macht keinen Hehl daraus, dass er sich auch nach seinem Abschied nicht ganz verabschieden will. Er wird weiter mitmischen. Dem Konzern will er erhalten bleiben aber auch endlich Zeit dafür finden der Gesellschaft ? der Welt außerhalb der Chipfabriken ? zur Verfügung zu stehen. Dass Pistorio seine Pläne im Ruhestand genauso ausführen wird wie bislang im Berufsleben, daran lassen seine Mitarbeiter keinen Zweifel aufkommen. Ihr Chef, der als ausgesprochen freundlich und zuvorkommend gilt, ist schließlich auch bekannt für seine konsequenten Entscheidungen ? im positiven wie im negativen Sinn. Muss er tatsächlich einmal Mitarbeiter entlassen, was er zu vermeiden sucht, wissen sie, dass er gewohnt professionell funktioniert: Zielgerichtet und schnell. Für die nächsten Jahre hat sich Pistorio in den Kopf gesetzt, die so genannte ?Digital Divide? zu bekämpfen. Er will dafür sorgen, dass mehr Menschen auf der Welt Zugang zu Computern und Internet haben. Deshalb arbeitet er auch in einer entsprechenden Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen mit. Eine Million Menschen sollen mit finanzieller Hilfe von ST ins Computerzeitalter eingeführt werden, plant Pistorio. Das tut er nicht nur aus Nächstenliebe. Wie gewohnt weiß er soziales und finanzielles Interesse miteinander zu verbinden: ?Das wird sich langfristig auszahlen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 08.10.2003