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Interview

„Wir sind nicht zu stoppen!"

Carola Sonnet
Wie politisch sind Studenten heute? Die Schauspielerin Katharina Wackernagel und ihr Bruder, der Regisseur Jonas Grosch, über ihren neuen Kinofilm „Résiste! - Aufstand der Praktikanten!“, über freiwillige Ausbeutung im Beruf und den steigenden Leistungsdruck.
Im Kino proben Praktikanten den AufstandFoto: © Darek Gontarski/PR
Herr Grosch, Sie haben bei „Résiste!“ Regie geführt. Haben Sie schon mal ein Praktikum gemacht?
Jonas Grosch: Ja, bei der Produktionsfirma Wüstefilm in Hamburg. Das ging drei Monate und war super. Ich bin eigentlich die falsche Person, um die Leidensgeschichte der Praktikanten zu erzählen, aber ich habe dafür sehr viele Freunde, die es betrifft.
In Ihrem Film geht es um einen organisierten Generalstreik der Praktikanten. Warum ist es eine Komödie und kein Drama geworden?
Grosch: Das Drama um Praktikanten kurz vor dem Zusammenbruch wäre vielleicht naheliegender gewesen. Aber ich glaube, so mehr Menschen erreichen zu können.
Katharina Wackernagel: Wir wollen die junge Generation mit dem Film nicht belehren oder sagen: Was ist los mit euch? Ihr seid nicht mehr bereit für etwas zu kämpfen, ihr seid so unpolitisch, es ist ja wirklich scheiße mit euch - und sie dafür noch sieben Euro Eintritt zahlen lassen.

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Dass sich kein Fernsehsender gefunden hat, um den Film zu produzieren, liegt das an den vielen Praktikanten, die die Sender am Leben halten?
Grosch: Kann natürlich sein, dass sie sich gedacht haben, lieber nicht zu sehr drauf aufmerksam machen. Aber wir sind nicht zu stoppen! Machen wir es eben ohne das Fernsehen.
Wie kamen Sie auf die Idee, Deutschland brauche einen Aufstand der Praktikanten?
Grosch: Es war eine Produzentin, die mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat. Dann begegnete es mir wirklich plötzlich überall. Ich habe so viele getroffen, die ausgebeutet wurden und sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Warum haben Sie sich entschieden, die Praktikanten, die für null Euro im Bundestag und bei den Parteien arbeiten, so hervorzuheben?
Grosch: Da ist der Widerspruch am größten. Gerade da müsste es doch funktionieren, sollte man meinen. Ein Freund von mir hat aber genau das erlebt: Er hat bei einer großen Partei umsonst ein Praktikum gemacht.
Hat sich die Situation der Praktikanten während der Krise noch verschlechtert?
Wackernagel: Mehr und mehr Positionen in einem Team werden durch Praktikanten ersetzt. Das hat sich in den letzten Jahren extrem in diese Richtung entwickelt. Den Praktikanten kann man keinen Vorwurf machen. Aber es ist nicht förderlich, weil es anderen die Arbeitsplätze wegnimmt.
Grosch: Die Situation ist definitiv nicht besser geworden. Alle wissen, dass es schlimm ist, aber es ändert sich nichts daran. Die Bedingungen bleiben schlecht.
Ist ein Aufstand der Praktikanten realistisch?
Wackernagel: Das hehre Ziel des Films könnte sein, dass sich die Praktikanten ihre Situation bewusst machen und merken, dass es sich lohnt, es auszuprobieren. Aber Widerstand war noch nie einfach. Man wird schon in der Schule darauf trainiert: Guck wo du bleibst, wo du deinen Platz findest. Das Ego wird gefördert, nicht der Zusammenhalt. Und jeder Einzelne alleine kann wenig ändern.
Grosch: Das ist das große Problem. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich alle organisiert bekommen. Wir zeigen, wie es mit einem spielerischen Ansatz möglich wäre.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2009
 

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