Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Es ist genug: Raus aus dem Hamsterrad!
Foto: snyGGG/Fotolia.com
New Work im Check

Adios Hamsterrad!

Nora Schareika, wiwo.de
Die Arbeit der Zukunft wird hyperagil: Im Idealfall wird alles an die Bedürfnisse des Menschen angepasst. Geht das gut? Oder ist das schlecht? Ein Agenturchef und eine Arbeitspsychologin haben sich auf die Reise begeben, um herauszufinden, was New Work wirklich ist.
Ein junger Mensch sitzt an einem Sandstrand unter Palmen, auf den Knien ein stylisches Notebook. Der moderne Arbeiter braucht nichts als schnelles Internet, ein paar schlaue Software-Lösungen und viel Raum für seine überbordende Kreativität – so der Traum und gleichzeitig das Klischee von der New Work, der hyperagilen Arbeit des 21. Jahrhunderts, die alles bisher Gewesene alt aussehen lässt.

New Work ist ein großes Versprechen: Keine fesselartigen Strukturen mehr, keine Anwesenheitspflicht im Büro, keine Zeitverschwendung mit ineffizienten Unternehmensabläufen, keine kontrollversessenen Chefs, kein Leben mehr wie im Hamsterrad. Stattdessen: Freiheit, Kreativität und Flexibilität satt.

Doch was verbirgt sich dahinter und kann die Vision vom neuen Arbeiten halten, was sie verspricht? Wie kann der traumhafte Zustand erreicht werden, ohne ins Nichtstun abzugleiten und ohne vor lauter Freiheit den Halt zu verlieren?

Jobs, wie sie auch die Gewerkschaften fordern


Stepfanie Bathen und Ingo Rütten wollten genau das wissen und begaben sich auf die Suche nach Menschen, die neue Arbeits-Lifestyles (oder: Workstyles) ausprobieren oder entwickelt haben. Ein Jahr, acht Städte und sechs europäische Länder später steht die Erkenntnis (übrigens auch auf dem Blog Workstyles nachzulesen): Mit dem überzogenen Beispiel vom Strand hat New Work wenig zu tun. Und sie hat eigentlich viel mit dem zu tun, wofür sich auch Gewerkschaften seit jeher einsetzen: ein Arbeiten, das sich an den Bedürfnissen des Menschen orientiert, auskömmlich ist und die Gesundheit nicht gefährdet, ein Privat- und Familienleben ermöglicht. Es geht um klassische Mitspracherechte, verbunden mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung.

"Hyperagilität, also extreme Anpassung der Arbeit an die Menschen, die sie verrichten, ist etwas, das überall passiert, egal in welchem wirtschaftlichen Umfeld", fasst Ingo Rütten die erste Lehre zusammen. Das bedeutet auch: Es gibt nicht die eine bestimmte Form. "Je nach Unternehmen – Mittelstand, Konzern, Familienbetrieb – werden die Lösungen unterschiedlich ausfallen, und auch die Zielgruppen", erklärt Stefanie Bathen. Die Lösungen können räumlich sein, die Arbeitszeit betreffen oder die Organisationsstruktur und das Arbeitsverhältnis. Rütten ist Eigentümer und Geschäftsführer einer Agentur in Frankfurt und stellt Teams aus Freelancern für Strategieberatung zusammen. Bathen ist freischaffende Beraterin für Gesundheitsmanagement und Organisationsberatung.

Recherche in der ganzen Welt

Das Projekt führte die beiden Frankfurter auch selbst aus der gewohnten Arbeitsumgebung hinaus ins Selbstexperiment. Und siehe da: Die Menschen, die sie in Lissabon, Barcelona, Kopenhagen, Amsterdam, Edinburgh, Berlin, München und der eigenen Heimatstadt trafen, waren eben nicht nur junge Hipster mit Laptops auf den Knien. Einige waren überzeugte Einzelkämpfer, andere gingen nach einer langen Karriere in festen Strukturen bewusst eigene Wege, wieder andere fühlten sich in der Welt zuhause und sahen ihre Qualifikation als Sicherheit – nicht den jeweiligen Arbeitgeber.

Zum Beispiel die aus China stammende Camellia Xueyi Yang, die nach Stationen in Frankreich und Deutschland in Amsterdam als UX-Entwicklerin arbeitet. Sie gibt im Interview mit den Recherchereisenden zu Protokoll, ihre Sicherheit sei sie selbst. Trotzdem wünscht sie sich Führung, die klare Ziele vorgibt, "um mich daran messen zu können".

Auf der Suche nach Freiheit und Maßstäben

Sehr deutlich wird, wie wichtig Struktur, Vorgaben und Führung als Gegenpole für Freiheit und vermeintliche Regellosigkeit sind. Zum einen, weil sich die New Work zum Teil als Gegenentwurf definiert. Zum anderen, weil nicht alle hyperagilen Arbeiter darauf verzichten wollen. "Selbst die Einzelkämpfer sind auf der Suche nach Heimat", sagt Ingo Rütten.

So schießen europa- und weltweit Co-Working-Spaces aus dem Boden, wo sich Arbeitende in selbst geschaffene Bürostrukturen begeben, in denen sie eigene Gemeinschaftsregeln aufstellen. Einer, der sich auf die Gründung von Gemeinschaftsarbeitsräumen spezialisiert hat, ist der selbstständige Programmierer Christopher Schmidhofer. Er machte aus der Not eine Tugend, weil er mit der Situation im Homeoffice nicht gut zurechtkam und erkannte, dass er soziale Kontakte und einen außerhalb liegenden Arbeitsort braucht.

Orientierung an den Wünschen der Mitarbeiter

Zugleich machen sich Unternehmen daran, den Abtrünnigen wieder eine Heimat zu werden – indem sie die Wünsche der Mitarbeiter wieder mehr berücksichtigen. Getrieben sind die Unternehmen dabei zum Teil von der Erkenntnis, dass sie für die Veränderungen durch die Digitalisierung genau die extrem anpassungsfähigen Mitarbeiter brauchen werden, weil sie von ihnen profitieren – und die Kundschaft es auch verlangt. "Unternehmen wollen nicht mehr nur Leute, die einen glatten Lebenslauf haben und wie Soldaten in eine bestimmte Richtung marschieren", sagt Rütten.

Was motiviert aber die neuen Arbeiter, wenn es nicht bloß eine Flucht hinaus aus Strukturen ist, die dann auf andere Weise doch wieder gesucht werden? "Sie wollen Wertschätzung für ihre Arbeit erleben, selbstbestimmt sein, gestalten können und die eigenen Wirkkraft sehen. In einer klassischen Unternehmensstruktur kann das sehr eingeschränkt sein", sagt Stefanie Bathen.

Die Arbeitspsychologin sieht den Hauptauslöser in der Arbeitsumgebung und -organisation. "Es ist nicht eine Forderung einer bestimmten Generation, wie vielfach behauptet wird", erklärt sie mit Blick auf verbreitete Thesen zur sogenannten Generation Y. Der wird nachgesagt, besonders nachdrücklich eine gute Work-Life-Balance einzufordern und Arbeitgeber ins Schwitzen zu bringen, weil sie sich nicht mit Geld abspeisen lässt.

Job-Identifikation als hohes Gut 

Bathen glaubt, dass sich nicht so sehr die Wünsche ändern, sondern die Möglichkeit, sie auszusprechen. "Letztlich ist das auch bei allen Angestellten eine Frage, wie werde ich gesehen im Unternehmen, was gebe und was kriege ich dafür? Auch bei 50- oder 60-Jährigen kommt das Thema auf. Vielleicht ist die Zeit einfach gekommen, wo Arbeitnehmer äußern können, welche Anpassungen sie für gute Arbeit brauchen."

Sie verweist auf den Philosophen Frithjof Bergmann, der bereits in den Siebzigerjahren den Begriff New Work prägte. Er sagte damals das Ende der "Job-Arbeit" voraus, plädierte für Freiheit und Selbständigkeit bei Nutzung der technischen Möglichkeiten – und für eine Arbeit, "die man wirklich, wirklich will".

Jobs für gewisse Zeiten und Situationen


Einer der Gesprächspartner der Reisenden, der junge brasilianische Designer Igor in Lissabon, gibt der Diskussion um die angeblich so fordernde Generation Y eine nachdenkliche Richtung. Der Masterstudent bewirbt sich regelmäßig auf der Online-Plattform 99designs um Aufträge, die weltweit ausgeschrieben werden. Das Konzept dahinter entspricht voll und ganz New Work – und lässt neue Probleme entstehen. Wenn Igor den Zuschlag erhält, legt der Auftraggeber das Honorar fest, trotz einer Konkurrenz, die je nach Standort bei unterschiedlichsten Lebenshaltungskosten arbeitet. Er wirft auch die Frage auf, wer eigentlich den Preis für die auf solchen Portalen gehandelte regionale Handarbeit festlegen sollte: der Auftraggeber oder der Beauftragte.

Igor lebt in Lissabon, weil er hier weniger Geld zum Leben braucht als in Brasilien. Für seine derzeitige Situation als Single und Student sei es ok, sagte er zu Stefanie Bathen und Ingo Rütten. "Aber mit Familie und Kindern brauchst du mehr Sicherheit." Der Brasilianer sieht sein Nomadentum also klar zeitlich und auf eine konkrete Lebenssituation begrenzt.

New Work als Must für Unternehmen


Veränderungen positiv sehen – das gelingt jedoch immer noch nicht allen. Stefanie Bathen und Ingo Rütten berichten von einem Agenturchef auf einer Diskussionsveranstaltung. "Ist New Work nicht eigentlich eine Luxusveranstaltung für Unternehmen, denen es gut geht und die es sich leisten können?", habe der gefragt. "Grundfalsche Annahme", kontert Ingo Rütten. "Mitarbeiterorientierung ist eine zwingende Notwendigkeit, um einen guten Job zu machen und gute Mitarbeiter zu bekommen."

Er räumt ein, dass es schon ein bestimmter Typus Mensch ist, der für neue Arbeits-Styles brennt und neue Modelle entwickelt. "Es gibt die Gewinner der Digitalisierung. Das sind diejenigen, die das Wissen und die Qualifikationen und die Möglichkeiten haben, ihre Arbeitsweise individuell zu gestalten und Mitspracherechte einzufordern. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die keine Möglichkeiten haben." Rüttens ernüchternde Prognose: Die Schere zwischen den Digitalisierungsgewinnern und jenen, deren Jobs wegdigitalisiert werden, wird größer werden.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2018