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Eine Führungskraft braucht den Glauben an den guten Kern des Menschen.
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Führungskultur im Wandel

Natürliche Autorität und gelernte Leadership

Kerstin Dämon, wiwo.de
Bei der Future-Konferenz am Chiemsee tauschen sich im April Manager über den richtigen Führungsstil aus. Eigenschaften der Manager und Werte der Mitarbeiter spielen dort eine zentrale Rolle. Pater Anselm Grün als Tagungsredner und Initiatorin Birgit Schuler sagen im Interview warum.
Herr Grün, Sie referieren auf der diesjährigen Future-Konferenz über die wichtigsten Eigenschaften guter Führungskräfte, die Sie aus der Benediktinerregel ableiten. Geht es dabei nicht hauptsächlich darum, ein guter Mensch zu sein?

Pater Anselm Grün: Ein guter Mensch zu sein ist die Voraussetzung, um eine gute Führungskraft zu sein. Und eine Führungskraft braucht den Glauben an den guten Kern des Menschen.

Welche Werte sollte eine Führungskraft Ihrer Meinung nach mitbringen?

Grün: Aus der griechischen Philosophie kennen wir die vier klassischen Grundtugenden: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und Klugheit. Tugendhaft sein heißt für mich vor allem, sich um Werte zu bemühen, die einem selbst und Anderen Halt geben. Denn das Wichtigste ist doch, dass man sich selbst und seinen Mitmenschen gerecht wird.

Frau Schuler, wie sehen Sie als Management-Coach die Bedeutung von Werten und Tugenden in Führungsetagen?

Birgit Schuler: Ich bin nicht von der gleichen spirituellen Herkunft wie Pater Grün, aber trotzdem kann ich seinen Ansichten nicht widersprechen. Natürlich hängt Leadership 4.0 von einer reifen Persönlichkeit ab und natürlich gehören zu einem guten Führungsstil Werte und Wertschätzung dazu.


Zu den Personen

  • Birgit Schuler ist die Initiatorin und Leiterin der Future-Konferenz. Schuler ist Ausbilderin für Coaches und Trainer und arbeitet seit 20 Jahren als Beraterin mit dem Schwerpunkt Personal- und Unternehmenskulturentwicklung für mittelständische Unternehmen.

  • Pater Anselm Grün studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaftslehre. Er war 36 Jahre lang der Finanzvorstand der Benediktinerabtei Münsterschwarzach bei Würzburg. Er ist außerdem Buchautor und Redner. Auf der Future-Konferenz hält er einen Vortrag zum Thema "Menschen führen, Leben wecken".


Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Eigenschaft eines guten Chefs oder einer guten Chefin?

Schuler: Empathie und Verantwortung sind ganz wichtige Eigenschaften. Eine gute Führungskraft blickt auch über ihren eigenen Verantwortungsbereich hinaus und hat das große Ganze im Blick. Dazu gehört auch, dass sie ihre Mitarbeiter dazu bringt, das ganze Unternehmen zu sehen und nicht nur innerhalb der eigenen Scheuklappen zu arbeiten.

Grün: Führungskräfte müssen Lust haben, zu gestalten und Menschen zu entwickeln, indem sie ihnen helfen, ihr Potenzial zu entfalten.

Schuler: Als Führungskraft sollte ich Menschen mögen und nicht nur auf der Karriereleiter oder im Hierarchiekonstrukt aufsteigen wollen.

Nicht jeder, der Menschen grundsätzlich mag, kann sie auch dazu bringen, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Grün: Eine Führungskraft muss vor allem bereit sein, zu lernen und an sich zu arbeiten. Schließlich ist auch eine Führungskraft nicht besser als alle anderen.

Schuler: Natürlich gibt es Naturbegabungen und Menschen mit einer natürlichen Autorität. Aber man kann Leadership auch entwickeln – wenn man das möchte und sich darauf einlässt.

Wie groß ist der Bedarf an derartiger Weiterentwicklung bei gestandenen Managern?

Schuler: In den letzten 25 Jahren hatte man ein anderes Führungsverständnis als heute. Da sagte man sich: "Ich bin Experte im Thema und meine Mitarbeiter arbeiten mir zu." Heute sind die Mitarbeiter Experten und Führen ist eine operative Aufgabe. Diese Art des Führens haben viele nie wirklich gelernt.

Grün: Ich erlebe sowohl Firmen, deren Manager aufwachen und versuchen, ihre Unternehmenskultur dahingehend zu ändern, als auch Unternehmen, in denen es immer grauer und kälter wird.

Was sagen Sie Letzteren?

Grün: Junge Leute suchen nicht die Firmen, die das meiste Geld bezahlen, die wollen bei Firmen mit einer attraktiven Kultur arbeiten. Und nur in einem Klima voller Achtung und Wertschätzung kann Kreativität entstehen. Was sich in einem Klima der Angst entwickelt, hat man ja bei VW gesehen.

Also macht man es am besten wie bei VW und entsorgt die alten Firmenpatriarchen?

Schuler: Für einen Kulturwandel muss man niemanden absägen. Es reicht, die Menschen zu überzeugen. Das wiederum ist eine Führungsaufgabe für die nächsthöhere Ebene.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2017