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Die modernen Insignien der Macht sind nur für Eingeweihte sichtbar.
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Moderne Insignien der Macht

Erfolgsformel für Eingeweihte

Lin Freitag, wiwo.de
Rolex, Seidenkrawatte, Maßanzug: Klassische Statussymbole sind ein Überbleibsel der Old Economy. Viele Manager kleiden sich heute wie Praktikanten. Und gehen lieber in die Schönheitsklinik statt zum Herrenschneider.
Manchmal lässt sich das große Ganze anhand eines einzelnen Teils erklären – wenn es von Sergio Marchionne getragen wird. Der 65-Jährige sieht aus wie ein netter älterer Herr. Meist trägt er einen gemütlichen Pulli über dem Hemd, dazu eine kleine runde Brille und eine dunkle Chino-Hose. Doch sein harmloses Auftreten täuscht. Der Chef von Fiat Chrysler und Ferrari ist einer der mächtigsten Automanager der Welt. Und einer, der Furcht einflößt, noch dazu.

Bulldozer nennen sie ihn. Marchionne sei ein knallharter Sanierer, ein cholerischer Chef und extrem ungeduldig, heißt es. Man sieht es ihm bloß nicht an.

Marchionnes Auftreten passt damit perfekt zum Zeitgeist. Früher ließen sich mächtige Menschen in einem Raum recht zuverlässig an dunklen Maßanzügen und seidenen Krawatten erkennen, an dicken Uhren und mächtigen Manschetten. Heute haben die klassischen Insignien der Macht ausgedient. Rolex und Montblanc-Füller sind keine Zeugen des Erfolgs mehr. Im Gegenteil: Wer sich heute noch mit ihnen schmückt, wirkt wie ein Überbleibsel der Old Economy.

Planierte Hierarchien

Die Globalisierung hat der modischen Informalität den Weg geebnet, die Digitalisierung Hierarchien planiert. In modernen Unternehmen wird die Duz-Kultur gepflegt, sind äußere Abgrenzungsmerkmale zu den Untergebenen abgeschafft. Das Großraumbüro schlägt das Einzelbüro, das smart geteilte Elektroauto den dicken Dienstwagen und der Pulli den Prada-Anzug.

Der Manager von heute will sich äußerlich nicht mehr von der Masse der Mitarbeiter unterscheiden, sondern modedynamisch nicht den Anschluss verlieren. Und zieht sich daher gern an wie ein Praktikant.

"Die Mächtigen kleiden sich heute wie einer von vielen", sagt Antonella Giannone, die an der Weißensee Kunsthochschule Berlin Modetheorie und Bekleidungssoziologie lehrt: "Die Zeit der Statussymbole ist vorbei."

Siemens zum Beispiel. "Bei uns kann jeder anziehen, was er will", hat Konzernchef Joe Kaeser mal auf einem Start-up-Event gesagt: "Es gibt keine Vorschriften."

Nicht nur die Discounterkette Aldi Nord hat ihre Mitarbeiter bereits aus der Krawattenpflicht entlassen, auch die Investmentbank JP Morgan – ausgerechnet, gilt doch die Finanzbranche als letzter Bewahrer des optischen Konservatismus. Die Hamburger Sparkasse geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie führte 2016 den "Haspa Business Casual" ein, der die Mitarbeiter nicht nur vom Binder, sondern auch von Anzug oder Kostüm befreit. Stattdessen sind jetzt Jeans, Chinos und offener Kragen möglich.

Abschaffung des Dresscodes für alle Mitarbeiter


Die Idee kam übrigens von einem Auszubildenden. Er gab zu bedenken, dass Anzug und Krawatte eine größere Distanz zu Kunden aufbauen könnten, die ihrerseits immer seltener formal gekleidet zum Beratungstermin erscheinen. Mit der Abschaffung des Dresscodes versucht die Haspa also, optische Barrieren einzureißen. Klingt gut, einerseits. Danach, dass sich die optische Gleichmacherei positiv auf die Unternehmenskultur auswirkt. Danach, dass die gute Idee mehr zählt als die Hierarchieebene, Kreativität mehr als Status.

Andererseits wird mit dem Dresscode kein Gehorsamsgefälle abgebaut. Die meisten deutschen Unternehmen sind immer noch hierarchisch organisiert. Und nur weil Allianz-Chef Oliver Bäte auf der Hauptversammlung rote Turnschuhe trägt, heißt das nicht, dass er auf die Ausübung von Macht verzichtet.

Der Soziologe Georg Simmel erklärte einst, dass Mode ein "Produkt klassenmäßiger Scheidung" sei. Sie kann die Zugehörigkeit zu Gleichgestellten illustrieren, aber auch die Abgrenzung zu den Niedriggestellten ausdrücken. Das ist immer noch wahr. Doch auf den deutschen Bürofluren ist das mit dem Outfit komplizierter geworden.

Körperliche Fitness als neuer Maßstab

Der Niedergang des klassischen Dresscodes der Macht begann mit dem Ausbruch der Finanzkrise. Bilder von Boni-Bankern im teuren Nadelstreifen – das wirkte obszön neben Fotos von Familien, die ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und aus ihren Häusern ausziehen mussten. Das "Bild der Macht" musste daher "neu konzipiert werden", sagt Antonella Giannone.

Das Bild, wohlgemerkt, nicht das Grundgefüge der Macht. Denn nur weil der Dresscode des Erfolgs nicht mehr so leicht zu erkennen ist, heißt das noch lange nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Er hat sich nur stark verändert. Heute zählen vor allem körperliche Fitness und ein gepflegtes Äußeres: Wer braucht schon einen edlen Brioni-Anzug, wenn er einen Personaltrainer hat?

Und es zählt die individuelle Note. Der italienische Ex-Regierungschef Matteo Renzi etwa hat das weiße Hemd in ein Machtsymbol verwandelt. Immer wieder zog er bei seinen Auftritten die Anzugjacke aus und präsentierte sich als hemdsärmeliger Politiker in strahlendem Weiß. Natürlich änderte die zur Schau getragene Volksnähe nichts daran, dass er als Regierungschef der viertgrößten Volkswirtschaft zu den mächtigsten Menschen Europas gehörte.

Oder Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef tritt, wenn er nicht gerade von US-Abgeordneten befragt wird, in verwaschenen T-Shirts und Kapuzenpullis auf – die modischen Symbole der erfolgreichen Internetkonzerne aus dem Silicon Valley: Der Hoodie_Kapitalismus steht für visionäre Technologie und agiles Arbeiten, für einen souveränen Umgang mit dem Scheitern – und für eine heterogene, von jungen, diversen Gründern/Gründerinnen herausgeforderte Wirtschaftswelt, in der Dynamik und Spontaneität mehr zählen als Erfahrung und Seniorität. Wer da mithalten will, muss permanent an sich arbeiten, sich fit halten, am Ball bleiben. Auch optisch.

Wellth ist Trumpf

Eine Folge: Noch nie wurde mehr gecremt, gezupft und trainiert. Allein in Deutschland hat die Pflege- und Kosmetikbranche 2017 rund 16,6 Milliarden Euro umgesetzt. Für 2018 gehen Experten von einer Steigerung um 400 Millionen Euro aus. In den USA gibt es für diesen Trend schon ein neues Wort. Aus Wellness und Health wird "Wellth" – die neue Vokabel des Erfolgs. "Der Körper wird für viele Mächtige zur Obsession", sagt Modesoziologin Giannone. Vor allem für diejenigen, die in der Öffentlichkeit stehen.

Das bestätigt Timm Golüke, Dermatologe in München. Er spritzt Botox in Zornesfalten, entfernt Altersflecken oder geplatzte Äderchen: "Viele meiner Patienten kommen zu mir, wenn sie ein unglückliches Foto von sich in den sozialen Netzwerken gesehen haben."

Instagram, Facebook und Pinterest hätten fraglos den Optimierungsdruck erhöht. Vor allem unter Männern. Im vergangenen Jahr wurden bereits 17,5 Prozent aller Schönheitsoperationen an Männern durchgeführt. Ein neuer Rekord. Auf Platz eins liegt dabei die Lidstraffung. Sie sorgt für ein frisches, ausgeschlafenes Aussehen. Offenbar empfindet das so mancher im Berufsleben als einen Wettbewerbsvorteil.

Regelmäßige Auszeiten für die Schönheit


Tatsächlich hat der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Hamermesh vor einigen Jahren herausgefunden, dass Attraktivität im Berufsleben belohnt wird. Der Amerikaner gilt als führender Wissenschaftler auf dem Gebiet der Ökonomie der Schönheit. Für sein Buch "Beauty Pays" wertete er Daten von mehr als 2700 Männern und Frauen aus, die Forschern der Universität Michigan ihr Gehalt mitteilten – und deren Aussehen in die Kategorien wunderschön, gut aussehend, durchschnittlich, unansehnlich und hässlich unterteilt wurde.

Das Ergebnis: Attraktive Angestellte verdienen im Schnitt bis zu fünf Prozent mehr als unansehnliche Kollegen. Im Laufe eines Berufsleben kommt da einiges zusammen: So verdienen schöne Menschen 230.000 Dollar mehr – zumindest in den USA.

Kein Wunder, dass erfolgreiche Menschen viel Zeit und Geld für die richtige Ernährung, den Personaltrainer, für Maniküre, Pediküre, Friseur, Barbier und regelmäßige Auszeiten im Wellness-Hotel investieren. Zum Beispiel bei Christine Müller. Die Allgemeinmedizinerin arbeitet seit acht Jahren als medizinische Leiterin des Kranzbach bei Garmisch-Patenkirchen. Zuvor war sie mehrere Jahre im Lanserhof tätig, eine Art Medizin-Mekka für angeschlagene Manager. Im Kranzbach geht es mehr um die Optik – "das Äußere" werde im Beruf halt "immer wichtiger", sagt Müller. Detox-Kuren und Ayurveda-Anwendungen sollen die Kilos schmelzen lassen, Einläufe den Darm reinigen und die Haut zum Strahlen bringen, Yoga-Übungen in der Natur den Körper entspannen und straffen.

Hochwertige Maßanfertigungen als Erkennungszeichen


Der Fitnesskult der Manager zeigt sich längst auch in der Business-Mode. Von Jahr zu Jahr werden die Schnitte schmaler, sodass ein Genießerbäuchlein kaum noch darin Platz findet. "Eine schmale Silhouette wird mittlerweile von fast all unseren Kunden nachgefragt", sagt Uli Hesse, Geschäftsführer des Maßschneiders Cove & Co. Egal, ob der 22-jährige Berufsanfänger oder der Unternehmer Mitte 50: Über alle Altersklassen und Geldbeutel hinweg soll die Hose "slim" sitzen, die Jacke tailliert sein. Statt breit und spitz ist das Revers heute schmal und abgerundet. Auch eine starke Schulterbetonung, wie bei Zweireihern, die noch Ex-VW-Chef Martin Winterkorn gern trug, Bundfaltenhosen und Umschlag sind aus den Unternehmen verschwunden. Und natürlich hat sich das Material an die Bedürfnisse des flexiblen Managers angepasst. "Der Stoff muss sich dem mobilen Leben unterordnen", sagt Hesse. Schurwolle knittert von Natur aus wenig – und wenn ihr ein paar Prozent Elasthan beigemischt werden, auch noch herrlich nachgiebig.

Wenn der Anzug heute also kein Panzer der Macht mehr ist und keine Distanz mehr gebietet – taugt er dann noch wenigstens als Erkennungszeichen für Eingeweihte?

Und wie! Zum einen wäre da das handgemachte Reversknopfloch — beim Anzug von der Stange eher selten zu finden. Ebenfalls ein Zeichen dafür, dass es sich um eine hochwertige Maßanfertigung handelt, sind die aufknöpfbaren Ärmel, bei denen der letzte Knopf offen gelassen wird. Die Tasche für das Einstecktuch hingegen sollte eine Barchetta-Form haben, also einem kleinen Boot ähneln. Kenner wissen: Die lässt sich nur von Hand nähen.

Details, auf die Pulli-Träger wie Sergio Marchionne gerne verzichten. Im April 2019 tritt der Automanager ab. Sein Nachfolger steht noch nicht fest. Doch mittlerweile ist klar, dass es auf einen von drei Kandidaten hinauslaufen wird: Finanzvorstand Richard Palmer, Europa-Chef Alfredo Altavilla oder Jeep-Boss Mike Manley. Noch tragen alle gerne klassische Anzüge. Bleibt die Frage: Wer wird sich ihn bald ersparen können?

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2018