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Gründerfrust
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Gründer

Zwischen Lust und Frust

Kerstin Dämon, wiwo.de
Der eigene Chef sein, geniale Idee entwickeln und es allen zeigen? Die Realität vieler Gründer sieht anders aus: große Sorgen, geringes Einkommen und kaum Freizeit. Darüber wird so mancher regelrecht verrückt.
Der Börsengang der Berliner Startup-Schmiede Rocket Internet war vor kurzem, die Samwer-Brüder Oliver, Marc und Alexander sind die Männer der Stunde. Erfolgsmeldungen über junge Unternehmen sind in Mode, erfolgreiche Gründer ein Vorbild.

Das Problem ist bloß: So romantisch ist die Unternehmensgründung nicht. Und ein kometenhafter Aufstieg wie bei Bill Gates, Mark Zuckerberg oder eben den Samwer-Brüdern ist die Ausnahme, nicht die Regel. Denn die Mehrheit der Start-ups scheitert: 338.000 Existenzgründungen zählte das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) im vergangenen Jahr in Deutschland – bei 354.000 Pleiten. In den USA verschwinden die meisten neuen Unternehmen binnen fünf Jahren wieder von der Bildfläche. Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig: keine ausreichende Kenntnis der Branche, zu wenig Kapital, kaufmännische Defizite, miese Planung.

Die wenigsten Gründer verdienen genug

Außerdem lässt sich – zumindest im ersten Jahr nach der Unternehmensgründung – kaum vom neuen Job als Chef leben. Statistiken des IfM zeigen, dass bei 35,2 Prozent der Erstgründer das Einkommen den Lebensunterhalt nicht deckt. Bei 38,8 Prozent reicht es zumindest anteilig – die Miete ist also bezahlt. Noch düsterer sieht es bei Wiederholungsgründern aus. Von ihnen können 42 Prozent nicht von ihrer Selbstständigkeit leben.

Auch nach dem ersten – mit Sicherheit turbulenten – Jahr, läuft es bei vielen Unternehmern ganz und gar nicht rund. Eine Studie von Barton Hamilton, einem Professor der Washington Universität, zeigt, dass Selbstständige im Zehnjahresvergleich 35 Prozent weniger verdienen als Angestellte in der gleichen Branche. Außerdem können viele ihren Investoren das eingesetzte Kapital nicht zurückerstatten.

Motivation oder Wahnsinn?

Auch die Lebensqualität ist in den meisten Fällen nicht gut. "Es ist unglaublich schwierig: Man hat keine Freizeit, keine Zeit für die Familie und arbeitet so hart wie noch nie", sagte beispielsweise Phil Libin, Chef der Software-Firma Evernote, gegenüber dem "Economist". Und Aaron Levie, Gründer des Cloud-Anbieters Box erzählte, dass er zweieinhalb Jahre auf einer Matratze in seinem Büro geschlafen und sich von fertigen Nudelgerichten ernährt habe. Um so etwas durchzuziehen, braucht es eine fantastische Motivation, die zumindest in Deutschland die wenigsten Gründer haben – oder eine gute Portion Wahnsinn.

Wenigstens der ist bei vielen Unternehmensgründern vorhanden, wie eine Untersuchung des Psychiaters John Gartner von der Johns Hopkins Universität zeigt. Demnach leiden viele Gründer unter Hypomanie – einer psychischen Erkrankung, die sich durch einen Wechsel aus euphorischer Grundstimmung und depressiven Phasen auszeichnet.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2014

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