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Frau springt mit Laptop über Klippe
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Homeoffice

Zum Scheitern verurteilt?

Teil 2: Draußen – und trotzdem drinnen?

Unabhängig von Recht und Gesetz gehört die Flexibilität einfach zum Zeitgeist. "Man kann die Uhr nicht zurückdrehen", sagt die Personalmanagementprofessorin Jutta Rump. "Unternehmen erwarten von ihren Mitarbeitern, hochflexibel zu sein, also müssen sie im Gegenzug auch Flexibilität bieten."

Denn im Wettbewerb um zunehmend rare Fachkräfte punktet nur noch, wer Alternativen bietet. Simone Wamsteker, Personalmanagerin bei der Unternehmensberatung Accenture, sagt: "Nachwuchstalente fragen, ob es bei uns Homeoffice gibt. Außerdem helfen uns solche Angebote, Mitarbeiter an uns als Arbeitgeber zu binden, wie junge Eltern oder Mitarbeiter, die einen Angehörigen pflegen."

Dafür brauchen sie Lösungen, wie sie Michaela Waggershauser, Direktorin der Vodafone-Personalentwicklung und Mutter von zwei Kindern, angeboten wurden. Nach fünf Monaten Babypause kehrte sie zurück, arbeitete das erste Jahr 30 Stunden je Woche. Dienstags, mittwochs, donnerstags war sie im Büro und damit präsent in Besprechungen. Denn zu viel Rückzug vom Geschehen in der Zentrale ist nicht ratsam, weiß sie: "Karriere macht man in großen Unternehmen nur, wenn man für Vorgesetzte sichtbar ist."

Delegierte Freiheit

Wenn Unternehmen es mit der Flexibilität ernst meinen, gleicht das nicht weniger als einem Mentalitätswandel. "Ich wünschte, der Kulturwandel weg von der Anwesenheitspflicht wäre schon weiter. Wir brauchen mehr mobiles Arbeiten und eine größere Eigenverantwortung unserer Mitarbeiter", sagt Marion Schick, Personalvorständin der Deutschen Telekom. Das bedeutet aber auch, die Führungskräfte zu schulen. Denn Mitarbeiter, die virtuell arbeiten, müssen anders geführt werden. "Nämlich delegativ, also vorausschauend und anhand von Zielen", sagt Personalprofessorin Rump.

Bei Microsoft hat man das erkannt. Wer das Home-Office will, muss ein Jahr in der Zentrale gearbeitet haben. "Dann werden mit jedem eindeutige Ziel- und Zeitvorgaben vereinbart. Wie der Mitarbeiter aber seine Aufgaben erledigt, bleibt ihm selbst überlassen – ob im Büro in der Firmenzentrale oder daheim auf dem Balkon", sagt Microsoft-Personalchefin Brigitte Hirl-Höfer.

Entfremdung versus Mobilität

Personalprofessorin Rump würde es heute anders machen. Die Mitarbeiter ihres Instituts arbeiten von überall aus, sehen sich kaum persönlich. Sie erlebt seit zehn Jahren auch die Kehrseite: Nur jeden zweiten Mitarbeiter kann sie langfristig halten, nach ihrer Erfahrung tun sich gerade Jüngere schwer. "Wenn Mitarbeiter viel von zu Hause aus arbeiten, wie soll sich dann der Teamgedanke entwickeln?" fragt sie. Rump empfiehlt, dass Mitarbeiter zumindest an zwei festen Tagen im Büro sein sollten.

Ein paar Unternehmen gehen weiter: Dass Abteilungsleiter mit ihren 20 Mitarbeitern tagtäglich auf dem gleichen Flur arbeiten, ist etwa bei Technik- und IT-Unternehmensberatungen wie IBM oder Accenture, aber künftig auch in Konzernen wie Vodafone passé. Beim Kommunikationsriesen sollen künftig alle Mitarbeiter bis zur Hälfte ihrer Arbeitszeit außerhalb des Unternehmens verbringen können. Feste Arbeitsplätze gibt es in vielen Unternehmen nicht mehr, sie wären ja etliche Tage in der Woche verwaist. Wer kommt, sucht sich einfach einen Platz. Die Firmen sparen so immens bei Miete und Ausstattung.

Organisationsprofessor Scholz geht das aber zu weit. "Die Arbeitsatmosphäre, die gewohnte Umgebung, ein gemeinsames Team sind einfach wichtig", sagt er. So argumentiert auch Yahoo-Chefin Mayer.

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Dieser Artikel ist erschienen am 07.03.2013

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