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Ortswechsel

Zu perfekt für deutsche Augen

Jan Keuchel
Manchmal erscheint die Wirklichkeit unrealistisch. Handelsblatt-Tokio-Korrespondent Jan Keuchel erlebte einen solchen Moment in einem Nissan Designcenter. Seine Umgebung war einfach zu perfekt. Ein Anlass für Paranoia.
Jan Keuchel berichtet aus TokioFoto: © Pablo Castagnola
Und dann ist da plötzlich Jack Nicholson, auf einem kleinen Bild neben der Tür. Irre grinst er mich an wie in seinem Horrorstreifen Shining. Spätestens da beschleicht mich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Nissan hat Journalisten in sein Designcenter in Honatsugi geladen, wo das neue Elektroauto Leaf zu sehen ist. Futuristisch wirkt der Eingang, der Bus fährt uns in einer langen Röhre durch einen Berg, dahinter liegt eine kleine Stadt mit 10 000 Bewohnern.Auf einer Rolltreppe geht es vorbei an Cafés und Menschengruppen, die auf weißen Designerstühlen wirken, wie von einem Computer projiziert. Die Japanerinnen in meiner Gruppe sind ganz aufgeregt.

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Ich hingegen fühle mich unwohl. Die Männer in Tokio tragen nahezu alle schwarze Anzüge, schwarze Krawatten und schwarze Lederschuhe, aber hier: Koji Nagano, Designdirektor um die 55, trägt einen hellgrauen Anzug, braune Krawatte und - Turnschuhe. Auch seine Koteletten sind ungewöhnlich lang.Alles wie im KatalogUnd dann fällt mir auf, dass alle hier genauso aussehen, wie man sich Designer vorstellt. Der eine mit Turnschuhen, der andere mit Ziegenbärtchen, der dritte ein bisschen metrosexuell mit blonder Mähne. Ist dieses Designcenter wirklich ein Designcenter? Oder ist es nur eine grandiose Kulisse? Alles ist zu perfekt. Als wir den Raum betreten, an dem ein Automodell in Bearbeitung ist, rufen die Japanerinnen in meiner Gruppe begeistert "Eeeeeh" (Ooooh) und "Sugoiiiiii" (Super), und zuvor hat mich Jack Nicholson angegrinst - da befällt mich leichte Paranoia.Hängt Nicholson etwa nur da, um mir zu suggerieren, dass hier ein paar hippe und total individuelle Leute arbeiten? Als ich das Gebäude verlasse, wird mein Misstrauen nicht weniger. Denn ich bekomme ein Nissan-Lunch-Paket in die Hand gedrückt - von einer jener begeisterten Japanerinnen, die ich für Journalistinnen gehalten hatte.Doch mit Abstand betrachtet, ist die Wahrheit eine sehr japanische: Genau das ist das landestypische an Nissan. Dass die Japaner mal wieder etwas perfekt gemacht haben, hundertprozentig so, wie ein Designcenter eben sein muss (plus passender PR dazu). Ein bisschen leblos vielleicht in seiner Präzision, aber nichts ist da, das nicht ins Bild passt. Japaner können so etwas. Nur der Deutsche hält das für unmöglich.Lesen Sie mehr zum Thema "Auslandserfahrung":
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Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2010

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