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Geschlossene Gesellschaft: Millionäre und Milliardäre
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Ethnologie der Reichen

Zu Gast bei Milliardären

von Nora Jakob, wiwo.de
Ein Jahr lang war Dennis Gastmann auf der Suche nach Reichtum und besuchte Millionäre und Milliardäre. Nun hat er ein Buch über seine Begegnungen geschrieben.
Herr Gastmann, Sie haben für Ihr Buch "Geschlossene Gesellschaft" Reiche in aller Welt getroffen. Warum?

Weil ich nach einem Wunderland gesucht habe, in dem Prinzessinnen, Scheichs und Scharlatane tanzen. Magische Nächte, schneeweiße Sorgen – so stellte ich es mir vor. Deshalb reiste ich quer durch den Jet-Set-Kalender. Von St. Moritz nach Monte Carlo, von Cannes nach Marbella, von den Oligarchenpalästen in Kiew bis nach Katar, ins reichste Land der Erde. Ich wollte wissen, wie die Millionäre und Milliardäre wirklich sind, die sich fast die Hälfte des weltweiten Vermögens teilen.

Und, wie sind sie?

Sie sind wie Schneetiger oder Lederschildkröten. Scheue, seltene und edle Geschöpfe. Abgesehen von den üblichen Paradiesvögeln traf ich eine Menge höflicher, charmanter und inspirierender Persönlichkeiten, die alle ein kleines bisschen verrückt waren.

Inwiefern?

Ich glaube, dass viele erfolgreiche Menschen von einem Trauma getrieben werden. Der Schraubenmilliardär Reinhold Würth war 19, als er seinen Vater verlor. Jochen Schweizer, der Erlebnisverkäufer, musste erst in den Abgrund blicken und fast insolvent gehen, bevor er den großen Durchbruch schaffte.

Gleichzeitig waren Sie aber überrascht, dass Millionäre doch völlig normal sind.

Ja, einige kokettierten sogar damit. Werner Kieser, der Guru der Kieser-Fitnessstudios, öffnete mir im Pyjama die Tür, den Rottweiler an der Hand. Als ich ihm erzählte, dass ich über Reichtum schreiben möchte, kicherte er wie kleiner Junge und lief durch seine Villa. Kieser öffnete Gefriertruhen, seinen Heizungskeller, das eheliche Schlafzimmer und leerte sogar einen Mülleimer vor mir aus. "Ich bin nicht reich, Herr Gastmann!", lachte er. Dann zitierte er Max Stirner: "Vermögen ist das, was man vermag."

Wie philosophisch.

Man muss wissen, dass Kieser nicht nur ein Ex-Boxer ist, sondern vor kurzem seinen Master in Philosophie bestanden hat.

Wonach sehnen sich reiche Menschen denn?

Nach Liebe und einem offenen Ohr. Das klingt kitschig, aber einige meiner Interviews mit Vermögenden verliefen wie Therapiesitzungen. Ich versuchte, den Menschen zuzuhören und vertraute ihnen Intimes aus meinem Leben an. Dafür bekam ich auch etwas zurück.

Zum Beispiel?

Auf einer Gala in Marbella lernte ich einen echten Partylöwen kennen, der angeblich Milliarden in der Immobilienbranche bewegte. Das zweite Mal verabredeten wir uns in einem kleinen Ort bei Frankfurt, wo er seine Mutter besuchte. Überraschenderweise war der Mann wie ausgewechselt und brachte keinen Ton heraus, vielleicht war er manisch-depressiv. Eine Stunde saß ich neben ihm und erzählte ihm Geschichten. Schließlich gingen wir gemeinsam ins Fitnessstudio, wo ihm sein Personal Trainer wieder Leben einhauchte. Auf der Rückfahrt sprachen wir über Kindheit und den Tod.

Was vermissen Sie aus diesem Leben?

Nichts. Nicht die Kunstsammlung, nicht den Flügeltürer, nicht die Superyacht hinterm Haus, nicht die Champagnerpyramiden und nicht die Werbegeschenke von Tiffany. Ich habe viele Reiche bewundert und war auf einige sogar neidisch, wollte aber mit keinem tauschen. Na gut: Eine Privatinsel wie die von Richard Branson wäre nicht schlecht.

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