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Interview mit Patrick Broome

Yoga für Ballack & Co

Christoph Mohr
Er hat Madonna, Sting und Münchener Mode-Mädels Yoga-Unterricht in New York gegeben. Gegenwärtig macht Yoga-Lehrer Patrick Broome in Ascona die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fit.
Yoga-Lehrer Patrick Broome trainiert die deutsche Fußball-NationalmannschaftFoto: © PR
Christoph Mohr: Sie sind der „Yoga-Trainer“ der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Patrick Broome: Die Zusammenarbeit mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat mittlerweile eine dreijährige Tradition. Oliver Bierhoff hat mir damals den Kontakt zu Jürgen Klinsmann vermittelt. Nach einem kurzen gegenseitigen Kennlernen und einer Yogastunde für das Trainer-Team hat er dann sein Einverständnis für die Arbeit mit der Mannschaft gegeben.  So kamen die Spieler am Tag nach der Einweihung der AllianzArena am 31. Mai 2005 in München in den „Genuss“ ihrer ersten Yogastunde.
Sind Sie auch jetzt während der EM vor Ort?
Ich war im Vorbereitungslager in Mallorca und bin seit einigen Tagen wieder in der Schweiz bei der Mannschaft.

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Böse Zungen behaupten, Sie wären bei den Spielerfrauen populärer als bei den Spielern…
Da müssen sie die Spieler oder deren Frauen fragen. Ich weiß nur, dass ich hier täglich mit den Spielern arbeite und viel positives Feedback für meine Arbeit bekomme.
Was machen Sie denn konkret mit den Fußballern der deutschen Nationalmannschaft?
Im Gruppenunterricht lehre ich Yoga-Sequenzen  - vornehmlich Variationen der Kriegerhaltungen -, die vor allem der Stabilisation des unteren Rückens, des Bauchs und des Schultergürtels dienen. Vorwiegend also eine Abfolge von Balance- und Kraftübungen, die ich mit speziellen Atem- und Konzentrationsübungen verbinde. Dann kombiniere ich einige stehende und sitzende Drehungen, um den Brustbereich, bei stabilem Becken zu mobilisieren. Anschließend gibt es eine Reihe von Beindehnungen mit einem Gurt um die Beinrückseiten zu strecken und auch um den Bewegungsraum der Hüften zu erweitern. Alles Übungen, die vor allem auch das Verletzungsrisiko erheblich reduzieren.
Gibt es Yoga-Übungen, die für Fußballer besonders geeignet sind?
Alles was der Stabilisation des Bauch- und Rückenbereichs sowie der Mobilisation des Beckens und der Brustwirbel dient. Da die meisten Experten heute gerade in einer guten Kraftübertragung zwischen Oberkörper und den Beinen den Schlüssel zum fußballerischen Erfolg sehen, sind Kriegerhaltungen in Kombination mit sanften Drehungen sehr hilfreich. Die Dehnungen der Vorderseite des Brustkorbs und der Beinrückseite sind ebenfalls essentiell für Fußballer.
Was ist das Ziel des „Yoga-Trainings“ aus Sicht des Bundestrainers? Warum lässt er seine Spieler Yoga machen?
Yoga soll beitragen die mentalen und athletischen Vorraussetzungen der Spieler der deutschen Nationalmannschaft zu verbessern. Das Ziel meiner Arbeit ist es in enger Zusammenarbeit mit dem Fitness-, Physio- und ärtzeteam die Stabilität, Flexibilität, sowie die Konzentrations-, Entspannungs- und somit Regenerationsfähigkeit der Spieler zu unterstützen. Yogaübungen helfen bei der Mobilisation der Hüfte und des Brustwirbelbereichs sowie der Flexibilität und Stabilität in den Knien und Knöcheln. Eine Kräftigung der Bauchmuskulatur sowie des unteren Rückens wirken sich positiv auf die Prävention möglicher Verletzungen in diesem Bereichen aus. Außerdem helfen spezielle Entspannungsübungen den Spielern den nötigen Abstand zum Rummel um sie herum zu wahren.  Ziel ist eine effiziente und erfolgreiche Regeneration sowie eine Absenkung des Verletzungsrisikos der Spieler.
Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit Sportlern anderer Sportarten?
Bisher habe ich Erfahrungen mit Hockey- und Fußballteams sammeln können. Zusätzlich habe ich mit einigen Sportlern in den klassischen Individualsportarten (Tennis, Golf, etc.) gearbeitet.
Nun sind Sie sicherlich nicht von allen Kickern mit offenen Armen empfangen worden… Mussten die zum „Yoga-Training“ verpflichtet werden?
Da anfangs die „Schwellenangst“ recht hoch schien, wurden die Spieler (damals noch von Jürgen Klinsmann) zur Teilnahme verpflichtet. Doch schon in der ersten Übungseinheit haben mich Eifer und Konzentration der Spieler beeindruckt und positiv überrascht. Da seit einiger Zeit die Teilnahme freigestellt ist, bleiben die, die mit Yoga nichts anfangen können eben weg.
Eine Befürchtung ist, dass Yoga Sportler zu sanft machen könnte, ihnen die für den Wettkampf notwendige Aggressivität nimmt.
Das ist natürlich Quatsch. Ein Turnier wie die EM führt nicht nur zu körperlicher Anstrengung und mentaler Angespanntheit, der Spieler ist vielmehr auch gehalten, häufige Misserfolge ohne große innere Beteiligung hinzunehmen; er muss sich also Verhaltensweisen aneignen, um mit dem Stress im und nach dem Spiel fertig zu werden. Wie schafft er das? Er muss während des Spiels seine Gedanken kontrollieren, darf sich nur wenige, kurze Gefühlsausbrüche erlauben, muss gleichwohl wach und konzentriert sein und die für das Spiel notwendigen Bewegungsabläufe mit traumwandlerischer Sicherheit beherrschen. Da der Spieler stets in der Gefahr steht, jeden Moment das Spiel durch einen "Fehler" negativ zu entscheiden; kann die Stressbelastung sehr groß sein. Hohe Stressgrade sind jedoch mit geringerer Leistung verbunden. Das Leistungsoptimum wird dagegen bei mittlerer Stressbelastung erreicht. Durch Yoga kann der Spieler einerseits lernen handlungsorientiertes Denken auch im Misserfolg aufrecht zu erhalten und er bekommt anderseits ein perfektes Ventil in die Hand die im Körper gestaute Anspannung nach dem Spiel wieder abzulassen. 
Sie selbst sind Diplom-Psychologe, haben über „implizite Begabungstheorien und Leistung“ promoviert. Wie kamen Sie eigentlich zum Yoga?
Im Rahmen diverser psychotherapeutischer Weiterbildungen wurden morgens Strech- und Yogaübungen angeboten. Das hat mich fasziniert. Geklickt hat es, dann etwa zwei Jahre später, als wir uns beim Kampfkunsttraining mit dem „Sonnengruss“ aufgewärmt haben. Die fließenden, kraftvollen Bewegungen haben mir sehr viel Spaß gemacht und ich wollte mehr über Yoga erfahren. Mitte der Neunziger habe ich mich dann in verschiedenste Yogakurse eingeschrieben. Dort erfuhr eine mir vorher völlig unbekannte Intimität zu meinem Körper, meinem Atem und meiner Gedanken. Und daraus resultierend ein überwältigendes Erlebnis von Integration, Verbundenheit und Stille. Um mehr darüber zu lernen habe ich dann direkt eine 3-jährige  Ausbildung zum ärztlich geprüftem Yogalehrer am Zentrum für Naturheilkunde in München begonnen. Meine Lehrer (Sharon Gannon und David Life) habe ich dann 1996 das erste Mal in New York getroffen. Seit dem verbindet mich eine tiefe Freundschaft mit den beiden und ich assistiere ihnen weltweit bei Seminaren, Workshops und Ausbildungen.
Hilft Ihnen Ihr Hintergrund als Psychologe, Yoga besser zu verstehen? Wenn ja, in welcher Weise?
Um ihre Ziele zu erreichen untersuchen beide, d.h. sowohl Yoga als auch Psychologie, was physisches und mentales Leiden verursacht. In der indischen Philosophie, unterscheidet man fünf Ursache des Leidens (kleshas): avidya, die falsche Art des Verstehens, eine falsche (subjektive) Art der Interpretation einer Situation; asmita, Tendenz sich selbst zu wichtig zu nehmen; raga,  bedeutet, etwas haben zu wollen, was man vielleicht gar nicht unbedingt braucht, oder was einem sogar gar nicht gut tut; dvesha, die oft (unbegründete) Ablehnung, Angst vor Veränderungen und dem Unbekannten; abhinivesha, gemeint sind hier alle Formen von Angst und Furcht: Unsicherheit, Zweifel, Panik, Existenzängste, Angst vor der Zukunft, Angst vor Krankheiten, vor allem die Angst vor dem Tod. Im Yoga versteht man unter den kleshas bestimmte Strukturen, Muster und Kräfte im menschlichen Geist, die die Wahrnehmung und die Handlungsweise des Menschen steuern und ihn immer wieder in Situationen bringen, die zu Leid führen werden. Schon für die ersten Yogis, die rishis (Seher), bildeten Geist und Körper eine Einheit und ihre Lösungen zielen sowohl auf die geistige als auch auf die körperliche Ebene. Der mehr westliche Ansatz, ist dagegen meist eher neurologisch, kognitiv oder emotional. Jedoch treffen sich die beiden Lehren in den Mitteln, die sie gefunden haben, um den menschlichen Geist neu zu orientieren und zu beruhigen. Yoga hält die Ich-Bezogenheit für das größte Hindernis, während die Psychologie dies als die Grundlage des Heilens ansieht. Dieser Unterschied darf jedoch insofern nicht überzeichnet werden, als es immer um die Frage geht, was jemand will. In der humanistischen Psychologie ist man der Meinung, dass die Grenzen des Ichs wachsen können. Ausgehend vom Körpergefühl im engsten Sinne kann es sich bis ins soziale und sogar ökologische Bewusstsein entwickeln. Und im Yoga gehen wir eben noch einen Schritt weiter: Menschen können bereits nach kurzer Zeit die Erfahrung machen, dass es etwas Größeres gibt, als all das, mit dem man sich normalerweise identifiziert.

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