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Deutschland vergrault ausländische Fachkräfte
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Expats in Deutschland

Wohlfühlfaktor mangelhaft

Teil 3: Berlin zeigt sich offen gegenüber englischsprachigen Unternehmern

Wer auf IT-Experten aus dem Ausland angewiesen ist, darf nicht erwarten, dass die alle perfekt Deutsch können. "Die Chancen, gute Fachkräfte zu finden, verdoppeln sich, wenn Unternehmen ihre Stellen auf Englisch und Deutsch ausschreiben", sagt Paul D’Arcy, Marketingleiter der Jobsuchmaschine Indeed USA. Aus Erfahrung weiß er, dass sich die deutschen Betriebe mit der Offenheit gegenüber einer anderen Sprache oftmals ein bisschen schwer tun:

"Die deutsche Sprache war jahrelang ein Hindernis für Ausländer, in Deutschland ein Unternehmen aufzubauen. Mittlerweile ist man – besonders in Berlin – offen gegenüber Unternehmern, die Englisch sprechen."

Tatsächlich hört man in der Hauptstadt Englisch in vielen Lokalen – vor allem in Trendvierteln wie Neukölln, Kreuzberg und Mitte. Der Tourismus boomt und die Stadt hat viele englischsprachige Neubürger.

Expats bleiben unter sich – gezwungenermaßen

Da die größte Gruppen der Expats in Deutschland derzeit Amerikaner (elf Prozent) sind, wäre es jedoch nicht schlecht, wenn sich die Menschen auch außerhalb Berlins darauf einstellen würden, dass nicht jeder Neuankömmling bereits am ersten Tag fließend Deutsch spricht.

Da die Deutschen ihren neuen Kollegen und Nachbarn aber lieber die kalte Schulter zeigen, bleiben auch die Expats eher unter sich. 37 Prozent gaben an, dass vor allem andere Ausländer zu ihrem Freundeskreis zählen. Obwohl sich viele wünschen würden, Einheimische kennen zu lernen und Freundschaften mit ihnen zu schließen. Zeeck spricht von "regelrechten Expat-Blasen", die so entstünden.

Auf Sprache und Kultur einlassen

Bevor jetzt jemand mit dem moralischen Zeigefinger kommt: Auch so mancher Deutscher neige im Ausland zur Klumpenbildung: "Sie kaufen im deutschen Supermarkt, schauen deutsches Fernsehen, treffen nur Deutsche und lernen die Sprache nicht", sagt Zeeck. Er rät davon ab, sich in Expat-Zentren einzuschließen: sei es nun in Shanghai oder in Zürich. "Auch wenn man wegen des Partners ins Ausland gegangen ist, würde ich immer raten, sich auf die Kultur einzulassen und Einheimische kennen zu lernen", sagt er.

Einen herzlichen Empfang erleben die Expats dagegen in Bahrain (Platz eins), Costa Rica (Platz zwei) und Mexiko (Platz drei). Gemäß der Befragung sind Fremde in diesen Länder am ehesten willkommen. Ganz schlimm sei es in Griechenland, Nigeria und Kuwait. "Ich denke, in Ländern, wo das Wetter und die Lebensbedingungen gut und die Menschen freundlich sind, können sich Expats schon nach sechs Monaten zu Hause fühlen. In anderen leben die Menschen schon drei Jahre oder mehr und sagen: 'Ich bin immer noch nicht richtig angekommen.'"

Für immer in Deutschland zu bleiben, können sich entsprechend nur 30 Prozent der Expats vorstellen. 50 Prozent wollen nach maximal fünf Jahren wieder zurück nach Hause – oder in ein anderes Land. Hauptsache, weg.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 11.09.2017

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