Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Medienforscherin Sabria David Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels auf Gesellschaft, Arbeit und Medien
Die Medienforscherin Sabria David ist Gründerin des Slow Media Instituts, das zu Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels auf Gesellschaft, Arbeit und Medien forscht. Sie ist außerdem Mitglied des Präsidiums von Wikimedia Deutschland.Foto: Anja Krieger
DIGITALISIERUNG | Aktive Arbeitsgestaltung

"Wir müssen Zukunftskompetenzen entwickeln"

Teil 3: Verbesserungen erreichen durch explizite Formulierungen von impliziten Erwartungen

Wird mit "Entschleunigung" ein altes Thema der Neunziger Jahre neu belebt werden müssen? Gewinnen die Menschen Zeit, wenn Technologien ihre Arbeit ganz oder teilweise übernehmen? Wo bestehen Chancen, wo Risiken?

Ich sehe in der Digitalisierung große Chancen. Menschen müssen das Leben und die Arbeit mit Technologien aber aktiv in die Hand nehmen und gestalten. Leistungsfähige Teams entstehen, wenn die Taktung von "An" und "Aus" souverän gemanagt wird. Die Rahmenbedingungen für Aktivität und Pausen müssen stimmen. Zurzeit unterläuft die Technik das Ruhegesetz, das vorschreibt, dass zwischen Arbeit und Arbeit mindestens elf Stunden liegen müssen. Damit sind Unternehmen und auch Arbeitnehmer in die Verantwortung genommen. Ihre Aufgabe ist es, die Leistungsfähigkeit zu erhalten. Es gibt die Pflicht zur Erholung, die ja auch der Urlaub garantiert. Der Mensch braucht das, wie zahlreiche Studien als dem medizinischen, psychischen und therapeutischen Bereich belegen. Und eins ist klar: Pause bedeutet nicht nur "nicht arbeiten". In Pausen entsteht Wachstum, in denen der Mensch filtert und gewichtet. Dauernder Aktionismus ist kontraproduktiv, auch für das Unternehmen.

Sind Ältere stärker gefährdet als Jüngere?

Nein. In erster Linie ist es eine Frage von Offenheit, Flexibilität und Veränderungsbereitschaft, aber auch dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Umgang mit Fehlern. Menschen lehnen meist nicht die Veränderung selbst ab, sondern die Art, wie sie ihnen vermittelt wird. Man muss ihnen Zeit geben, sich auf die neuen Infrastrukturen einzustellen.

Sie haben mit Ihrem Slow Media Institut das Interaktionsmodell Digitaler Arbeitsschutz (IDA) ins Leben gerufen und arbeiten auch mit dem TÜV Rheinland zusammen. Was hat es damit auf sich? Wie kommen Sie vorwärts?

Das Interaktionsmodell Digitaler Arbeitsschutz definiert die Stellschrauben in Unternehmen, die das mediale Klima beeinflussen und verbindet dabei Verhältnis- und Verhaltensprävention. Die mit TÜV Rheinland entwickelte Zertifizerung Digitaler Arbeitsschutz ist ein Modul des Standards "Ausgezeichneter Arbeitgeber". Es ist ein Managementsystem, das Unternehmen als fortlaufenden Prozess in ihre Unternehmensabläufe einbetten können. Wir verstehen das als Handreichung für Unternehmen, die sich hier auf den Weg zu einer produktiven Digitalisierung machen wollen. Im Moment klaffen bei vielen Theorie und Praxis noch weit auseinander. Wenn Mitarbeiter sich im Urlaub erholen sollen, braucht es z.B. vernünftige Vertretungsregelungen. Welche Funktion erfüllt ein Diensthandy außerhalb der Arbeitszeit? Implizite Erwartungen müssen explizit formuliert werden. Da sind sehr viele Grauzonen, die beleuchtet werden können. Auf das Unternehmen individuell angepasste Richtlinien können hier kostenneutral schon sehr viel Verbesserung schaffen.

Mehr zum Thema Digitalisierung:

>>> Sven-Gabor Janszky: 
Unter Druck: "Für die Branchen geht es gerade erst los" 

>>> Karl-Heinz Land:
Radikaler Umschwung: "Digitalisierung greift die Grundfesten der Unternehmen an" 

>>> Jutta Rump:
Vor dem Transformationsprozess: "Alles hängt von der Führungsmannschaft ab"

>>> Spielregeln der künftigen Arbeitsgesellschaft

Dieser Artikel ist erschienen am 07.03.2016

Themen im Überblick

KOSTENLOSER DOWNLOAD

Fair Company | Initiative