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Lust auf den Job gewinnen
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Selbstmotivation

Wieder Lust am Job gewinnen

Louisa Lagé, wiwo.de
Laut einer Studie haben 85 Prozent der befragten Arbeitnehmer keine oder nur eine geringe Bindung an ihr Unternehmen. Die daraus entstehende innere Kündigung macht vor allem eins: schlechte Laune. Warum Kündigen dennoch oft der falsche Weg ist und wie Sie Ihren Job wieder schätzen lernen, verrät Coach Gerhard J. Vater.
Herr Vater, warum sind so viele Menschen unzufrieden mit ihrem Job?

Gerhard J. Vater: Dafür gibt es ein Bündel von Gründen. Zu den objektiven Faktoren zähle ich unter anderem Arbeitsumfeld, Zeitdruck, Betriebsklima oder Bezahlung. Subjektive Gründe sind die (falsche) Vorstellung von Arbeitswelt, Lebenskonzept oder Anspruchsdenken, ausschließlich monetäre Anreize oder auch das Einkommen als Statusfaktor. Subjektive und objektive Faktoren beeinflussen sich wechselseitig. All das ist eingebettet in den herrschenden Zeitgeist: Arbeit darf und muss keine Freude machen. Freude an der Arbeit ist ähnlich einer milden Erkrankung. Wer gibt schon gerne zu, dass er Freude an seiner Arbeit hat? Das Bekenntnis zu Stress oder Burnout ist schicker. All das führt zu einem großen Maß an Unzufriedenheit.


Zur Person
Gerhard J. Vater ist Wirtschaftswissenschaftler. Er arbeitete in zahlreichen Führungspositionen, bis er sich Anfang der 1990er Jahre selbstständig machte, um seine Erfahrung im beratungsintensiven Verkauf weiterzugeben. Dabei entwickelte er die Vater-Methode. Heute arbeitet er als Speaker, Trainer und Coach. Seine Mission: Freude und Erfolg zurück an die Arbeitsplätze zu bringen.

Was tun, wenn man die Nase voll hat?

Wenn man sich umschaut, erkennt man drei häufig angewandte Verhaltenskonzepte: Aussitzen – Auswechseln – Aussteigen.

Aussitzen heißt "Augen zu und durch".Auf das Licht am Ende des Tunnels hoffen. Anderswo ist es auch nicht besser und man gewöhnt sich an alles. Den Mist hier kenne ich schon, den woanders noch nicht. Da verharre ich lieber im Vertrauten, auch wenn es mir keine Freude macht. Das ist der Preis der Sicherheit.

Auswechseln heißt die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz im erlernten Beruf. Ich suche mir das Gleiche, nur woanders. Die Gefahr dabei ist, dass man weiterhin mit dem gleichen Pflug in der falschen Furche ackert und eigentlich Pflug und Furche wechseln sollte. Das wäre dann das Aussteigen.

Ich sehe aber noch eine vierte Möglichkeit:
Ausloten. Das bedeutet, zu überprüfen, ob das unbefriedigende Bild, das man von der eigenen Arbeit hat, stimmt. Ob man schon alle Nuancen wahrgenommen hat oder ob es noch etwas Neues gibt, das man bisher übersehen hat. Als Ergebnis des Auslotens wartet entweder die Erkenntnis, dass noch etwas drinsteckt und es dadurch kein Aussitzen mehr ist. Wenn nicht, winkt immerhin das Wissen, was bei erfolgreichem Auswechseln oder Aussteigen die Alternativen sein müssen. Das bewahrt davor, Fehler zu wiederholen.

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Was hat Liebe mit guter und erfüllender Arbeit zu tun?


Der Industrielle Charles Michael Schwab erläuterte diesen Zusammenhang so: "Wer nicht aus Liebe zur Sache arbeitet, sondern nur des Geldes willen, der bekommt gar nichts: weder Geld noch Glück. Die Liebe zur Sache ist der Schlüssel zur Freude an der Arbeit und zum Erfolg."

Und Liebe ist noch mehr: Liebe im Sinne von Zuwendung, Hingabe, Verbundenheit mit einer Sache ist nicht nur der Schlüssel zum Erfolg, sondern vor allem zur Erfüllung. Und das ist schon ein großer Unterschied. Ich kenne eine Reihe von Managern, die erfolgreich, aber nicht wirklich mit sich im Reinen sind. Das meine ich mit "Erfüllung". Es genügt nicht, wenn man eine Sache nur gut macht. Man muss sie auch gerne machen. Weil man sie besser macht, wenn man sie liebt. Das ist eine Wechselwirkung: Liebe liefert die Voraussetzung für die Überzeugung vom Sinn der eigenen Arbeit. Sinn der Arbeit ist die Voraussetzung dafür, die eigene Arbeit zu lieben.

Vincent van Gogh malte das mit Worten so: "Man soll lieben, soviel man kann, und darin liegt die wahre Stärke, und wer viel liebt, der tut auch viel und vermag viel, und was in Liebe getan wird, das wird gut getan."

Aber Hand aufs Herz: Wer geht schon gern arbeiten? Ist Arbeitsfreude nicht eher etwas Seltsames?

Natürlich ist Arbeitsfreude etwas Seltsames, wenn der Zeitgeist sie dazu macht. Wir haben einen Zeitgeist der Maloche. Dieser Zeitgeist definiert, dass Freude an der Arbeit seltsam ist. Irgendwie altmodisch in unserer modernen multioptionalen Zeit.

Arbeitsfreude bleibt so immer nur die "second best solution" von den Optionen der Lebensgestaltung. Jemand, der zur Arbeit genauso gern oder sogar lieber als ins Kino geht, der ist heutzutage einfach nicht hip.

In Zeiten der Diskussion über Neoliberalismus, Globalisierung und Digitalisierung gerät immer mehr ins Hintertreffen, dass Arbeiten sehr wohl etwas Erfreuliches sein kann. Eine Freude, die jeder braucht, weil à la longue nur "Spaß am Leben" nicht erfüllend ist. Doch danach sehnt sich der Mensch. Die eigene Arbeit bietet reichlich Möglichkeit dazu. Man muss sie nur richtig anschauen im Wechselspiel von Müssen und Wollen.

Da hilft es, einen ungetrübten Blick auf die eigene Arbeit zu werfen und sie nicht nur als Verpflichtung, sondern auch als Verlockung begreifen.

In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass sich alles um die eine Frage dreht: Warum tue ich mir das an?

Ich halte die Frage in ihrer Tragweite für unterschätzt. Sie ist der wichtigste Treiber für Fortschritt und Entwicklung von Gesellschaft und Kultur. Die Frage hat mit Konsequenz, Strategie, Durchhaltevermögen, Opferbereitschaft, Überzeugung und Hoffnung zu tun.

Weil alles, was den Fortschritt gebracht hat, ja nicht leicht und einfach gewesen ist. Die Entwicklung der Welt provoziert diese Frage unentwegt. Und alle Anstrengungen, die zu Ende gebracht wurden und in Fortschritt mündeten, hätten ja auch unterbrochen und aufgegeben werden können. Alle Menschen, die Fortschritt entwickelt, vorangetrieben, erfunden, entdeckt, ja manchmal sogar dafür gekämpft haben, waren immer wieder in Situationen, in denen sie sich diese Frage gestellt haben. Sie hätten ihre Bemühungen einstellen können. Aber sie haben weitergemacht – mit beeindruckenden Erfolgen.

Sich diese Frage zu stellen ist kein Makel. Ein Makel ist vielmehr, sie sich nicht zu stellen. Erfolgreiche Menschen gehen mit dieser Fragestellung sorgsam um und finden die für sie überzeugende Antwort. Der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Durchschnitt und Spitze liegt in der Qualität der Antwort. Es ist keinesfalls die Frage der Verlierer. Nico Rosberg hat sie sich als Weltmeister gestellt, keine überzeugende Antwort gefunden und den Rennsport aufgegeben. Er war wahrlich kein Verlierer.

Welche Antworten gibt es auf diese Frage?

Es gibt keine allgemein gültige Antwort. Die muss sich jeder selbst geben. Jeder tut seine Arbeit aus unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Zwecken. Jeden treibt etwas anderes an. Jeder ist auf etwas anderes stolz und erfüllt eine andere Rolle. Diese persönliche Antwort ist der Treiber in kritischen Situation. Ohne überzeugende Antwort leidet die Leistungsfähigkeit und Qualität der Arbeit.

Wie kann man mehr Freude an seiner Arbeit entwickeln?


Es genügt nicht, sich DIE Frage zu stellen. Man muss sich DER Frage stellen, so wie man sich einem Gegner stellt. Mangelnde Arbeitsfreude ist der mächtigste Widersacher für ein erfülltes Leben.

Die Entwicklung der Freude an der Arbeit ist ein Klärungsprozess aus vier unterschiedlichen Blickrichtungen. Jede dieser Richtungen liefert eine unterschiedliche Perspektive auf die eigene Arbeit. Diese setzen sich zu einer Art persönlicher Mission zusammen. Die vier Perspektiven stecken schon in der Frage "Weshalb muss ich mir das antun?" Wenn Sie die Frage unterschiedlich betonen, entstehen von selbst vier unterschiedliche Klärungsfelder.

Wenn Sie "weshalb" betonen, klären Sie Ihre Zielsetzung. Das liefert Orientierung.
Wenn Sie "muss" betonen, beschäftigen Sie sich mit Ihrem Antrieb und was Ihnen Kraft zum Erreichen Ihres Ziels gibt. Wenn Sie "das" betonen, reflektieren Sie Ihr Erfolgsbild. Sie erkennen, wie Sie Ihre Leistung definieren und worauf Sie stolz sind.
Und wenn Sie "antun" betonen, überprüfen Sie, welche Rolle Sie für andere spielen. Dadurch erkennen Sie Ihre Bedeutung und Ihren Wert für andere.

Ist das nicht nur ein Psycho-Trick?
?

Perspektivenwechsel ist nie ein Psychotrick. Es ist die Bestrebung, die eingefahrenen Wahrnehmungsmuster zu erweitern. Wir sind zu oft Opfer dieser Muster und verlieren uns im Tunneldenken. Jeder hat das Anrecht auf Freude an der Arbeit. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Jeder ist selbst verantwortlich. Aber das ist eigentlich auch eine gute Botschaft. Sie beendet die Fremdbestimmtheit, bringt Sie raus aus der Opferrolle und in die Rolle des Steuermanns. Meine Methode unterstützt dabei, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen, sie auszuschöpfen und Verantwortung zu übernehmen. So wie die Liebe nicht von selbst kommt, kommt auch Freude an der Arbeit nicht von selbst. Freude an der Arbeit erfordert Arbeit an der Freude.

Wie schafft man es, eine positive Einstellung zu bewahren?


Ich glaube, wir werden zu leicht Opfer unserer eigenen Erwartungen. Wir hätten gerne, dass die Veränderung sofort, in einem Schritt und ganz leicht ginge. Ich halte mich in den schwierigen Phasen eines Entwicklungsprozesses an drei Grundsätze:
1. Nichts, was bleiben soll, geht schnell.
2. Eine Veränderung, die leicht geht, ist keine Veränderung.
3. Nur mittelmäßige Menschen sind immer spitze.

Wie man sich selbst bei der Stange halten und seine Vorhaben umsetzen kann? Planen Sie kleine Schritte der Veränderung, nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Freuen Sie sich über kleine Erfolge und vor allem: die Rückschläge nicht wiederkäuen. Nicht zu kritisch mit sich selbst sein. Sich nicht von anderen runterziehen lassen. Auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen. Ganz wichtig auch: Andere Menschen anlächeln. Da gibt es mittlerweile Studien, dass lächelnde Menschen von ihrer Umwelt mehr zurückbekommen. Das hilft bei Rückschlägen.

Können Sie Frustrierten einige Schnellhilfe-Tipps geben?


Der hilfreichste Grundsatz kommt von Friedrich von Schlegel: "Es ist unmöglich, jemandem ein Ärgernis zu geben, wenn er's nicht nehmen will." Nehmen Sie nicht jedes Ärgernis an. Achten Sie gezielt auf die positiven Details Ihres Jobs und nicht nur auf die negativen. Es hilft, die heiteren Momente bewusst zu genießen. Meiden Sie Miesmacher im Umfeld und suchen Sie sich aufbauende Gesprächspartner zum Austausch. Schließen Sie mit Misslungenem aus der Vergangenheit konsequent ab und konzentrieren Sie sich auf Gelingendes in der Zukunft. So setzen Sie eine Ermutigungsspirale in Gang. Und wenn die Entmutigung schon sehr fortgeschritten ist und Sie kurz davor sind, die Flinte ins Korn zu werfen, stellen Sie sich die zentrale Frage: "Was steht für wen auf dem Spiel, wenn ich jetzt aufgebe?" Die Lösung verzwickter Situationen beginnt mit der richtigen Einstellung.

Noch eine letzte Frage, Herr Vater: Warum tun Sie sich das eigentlich an?

Natürlich stelle ich mir die Frage auch immer wieder. Die Antwort lautet für mich: weil ich mehr Menschen am Montagmorgen mit einem Lächeln zur Arbeit kommen sehen möchte. Menschen, die in Ihrer Arbeit nicht nur Verpflichtung, sondern auch Verlockung sehen, weil sie stolz auf ihre Arbeit sind.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2018

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