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Wie Sie das Arbeitszeugnis enträtseln
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Versteckte Botschaften

Wie Sie das Arbeitszeugnis enträtseln

Tina Groll, zeit.de
Arbeitgeber verstecken in Arbeitszeugnissen oft subtile Botschaften. Wir erklären die Doppeldeutigkeit von Formulierungen – und welche Ansprüche man hat.
Das Arbeitszeugnis ist nicht der Ort, um Rache zu üben und die berufliche Existenz eines Arbeitnehmers zu gefährden, da ist sich die Rechtsprechung einig. Arbeitnehmer haben grundsätzlich einen Anspruch auf ein wohlwollend formuliertes Zeugnis. Das sogenannte qualifizierte Zeugnis soll ein Gesamtbild der Persönlichkeit des Mitarbeiters zeichnen und Angaben über Leistungen, Tätigkeit, besondere Fähigkeiten und Kenntnisse machen, natürlich auch über die Dauer der Beschäftigung.

Mehr als die Sparversion

Manche Arbeitgeber weigern sich allerdings, ein solches Zeugnis auszustellen. Sie bieten ein einfaches Zeugnis an, das nur die Personalien und die Beschäftigungsdauer bestätigt. Diese Sparversion dürfen Arbeitgeber nur bei sehr kurzfristigen Arbeitsverhältnissen ausstellen – etwa bei saisonalen Aushilfen für wenige Tage. Alle anderen haben ein Recht auf eine ausführliche Beschreibung.

Dabei ist es rechtmäßig, dass der Arbeitgeber die Leistung beurteilt und dies mit eigenen Worten ausdrückt. Aber Vorsicht: Es hat sich eine Zeugnissprache herausgebildet, in der bestimmte Formulierungen einer Schulnote entsprechen: So entspricht etwa

  • "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" einem sehr gut,

  • "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" einem gut,

  • "zu unserer vollen Zufriedenheit" einem befriedigend,

  • "zu unserer Zufriedenheit" einem ausreichend,

  • "im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" einem mangelhaft und

  • "bemühte sich, die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen" einem ungenügend.

 Anspruch auf befriedigend

Besser als eine befriedigende Beurteilung müssen Arbeitgeber nicht gehen, wie ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) aus dem Jahr 2014 zeigt. Damals hatte eine Mitarbeiterin gegen die Bewertung "zu unserer Zufriedenheit" geklagt und wollte wenigstens eine Bestätigung darüber, dass sie "stets zur vollen Zufriedenheit" gearbeitet hatte. Allerdings konnte sie mit ihrer Begründung die Arbeitsrichter nicht überzeugen. Diese argumentierten, dass eine befriedigende Bewertung keine Benachteiligung für den weiteren Berufsweg sei.

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Gerade bei schwierigen Trennungen sollten Arbeitnehmer das Zeugnis genau prüfen und notfalls einen Arbeitsrechtler hinzuziehen. Denn manche unliebsame Botschaft wird gekonnt versteckt: "Ihre umfangreiche Bildung machte sie stets zu einem gesuchten Gesprächspartner" bedeutet etwa so viel wie "Sie war eine Klatschtante und führte lange Privatgespräche statt zu arbeiten."

Wer solche bösen Formulierungen im Zeugnis findet, sollte nicht sofort eine Zeugnisberichtigungsklage anstreben. Eine außergerichtliche Einigung mit dem Arbeitgeber ist nervenschonender und günstiger.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de
Dieser Artikel ist erschienen am 03.01.2016

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