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Zwei Generationen - zwei Paar Schuhe
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Generationenfrage

Wertschätzung durch Outfit?

Teil 2: Persönliche Gespräche bringen Sympathie und Zusammenhalt

Sie halten nichts von flachen Hierarchien?

Berger: Doch. Wenn das Ziel klar ist, sollten die Mitarbeiter unbedingt frei sein in der Ausgestaltung des Weges dahin. Sie sind die Experten. Die Japaner haben in den Achtzigerjahren schon so gearbeitet: Bottom-up im multidisziplinären Team entscheiden, in der Hierarchie umsetzen. Sie waren uns damit weit voraus, vor allem in der Autoindustrie. Das ist ja der große Vorteil einer globalisierten Wirtschaft: Man kann sehr schnell von anderen Kulturen lernen.

Deshalb pilgern Manager heute ins Silicon Valley. Eine gute Idee?


Müller: Prinzipiell ist es immer sinnvoll, über den eigenen Tellerrand zu gucken. Man muss eben aufpassen, was man übernimmt. Die angelsächsische Kultur etwa ist sehr viel opportunistischer als die europäische. Mir gefällt das nicht. Dort werden nur die Leute gut behandelt, die in den nächsten sechs Monaten nützlich sind.

Berger: Genau. Im Silicon Valley geht es oft darum, wie man die billigsten und flexibelsten Mitarbeiter bekommt. Zum Dank gibt es ein Fitnessstudio und kostenlose Kekse. Mit Wertschätzung hat das nichts zu tun.

Leidet die Wertschätzung auch unter einer modernen, informellen Kommunikation?

Müller: Nein. Aber man muss schon aufpassen, dass die Wertschätzung nicht zugunsten von Schnelligkeit flöten geht. Ich kommuniziere mit meinen Mitarbeitern viel über WhatsApp. Das ist natürlich weniger formell, da fällt schon mal die Anrede weg. Manchmal kommt bei meinen E-Mails auch der komplette Text in die Betreffzeile. Die Angestellten wissen aber genau, dass ich das nicht schroff meine oder Befehle herabregnen lasse, sondern vor allem Zeit sparen will.

Herr Berger, hätten Sie diese Kanäle früher auch genutzt?

Berger: Ja. Alles, was die Übermittlung von Informationen beschleunigt, ist gut. Die Frage der Wertschätzung muss man unabhängig davon lösen, am besten im persönlichen Gespräch. Zu meiner Zeit waren viele Dinge anders, auch aus Gründen der Wertschätzung. Heute haben sich selbst Menschen meiner Generation daran gewöhnt, Geburtstagsgrüße per SMS zu erhalten. Zu besonderen Anlässen schreibe ich aber nach wie vor Briefe.

Zum Beispiel, als Joe Kaeser Siemens-Chef wurde.

Berger: Genau. Das war mir wichtig für unsere Beziehung und ihm anscheinend auch. Er hat mir zurückgeschrieben, er habe gemerkt, dass mein Brief von mir persönlich kam und nicht von einem Assistenten.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Brief geschrieben, Herr Müller?

Müller: Von Hand? Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt schon mal gemacht habe. Aber darum geht es ja auch nicht. Wertschätzung ist immer dann gegeben, wenn man sich Zeit für jemanden nimmt. Es gibt auch andere Formen, jemandem Zeit zu schenken, als einen Brief zu schreiben.

Was ist Ihre?

Müller: Das persönliche Gespräch. Das kann auch mal Small Talk sein. Dieser Kontakt ist total wichtig, um ein Gespür für die Stimmung im Unternehmen zu bekommen und ein persönliches Wort mit den Mitarbeitern zu wechseln.

Berger: Wenn die sachliche Kommunikation effizient über die neuen Medien läuft, hat man für solche persönlichen Gespräche mehr Zeit. Und das ist wichtig, denn so entstehen Sympathie und Zusammenhalt.

Ist Sympathie wichtig, um zu führen?

Berger: Zumindest helfen gegenseitige Wertschätzung, Respekt, Achtung, Hilfsbereitschaft. Es kostet ja nichts, einem Mitarbeiter zur Vaterschaft zu gratulieren – oder einen anderen zu fragen, wie sein Urlaub war.

Verliert diese Aufmerksamkeit an Bedeutung, weil Kundenbeziehungen und Arbeitsverhältnisse kurzlebiger werden?

Berger: An Bedeutung vielleicht, aber nicht an Wichtigkeit. Denn tatsächlich pflegen wir den persönlichen Umgang in der Eile heute weniger. Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen sich weniger über ein persönliches Wort freuen. Im Gegenteil: Eine solche Geste sticht umso mehr heraus. Manche weinen den alten Zeiten hinterher, als die Menschen ein Leben lang beim selben Arbeitgeber tätig waren.

Müller: Ich finde die heutige Entwicklung begrüßenswert. Im Laufe eines Lebens verändern sich die Bedürfnisse, dann passt ein anderer Arbeitgeber vielleicht besser.

Lassen sich diese Jobnomaden überhaupt führen?

Müller: Klar, problemlos. Denen schwirrt ja der Wechsel nicht ständig im Kopf rum. Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als mit jemandem zu arbeiten, der keine Alternativen hat. Insofern bin ich froh, dass unsere Mitarbeiter ständig Headhunter-Anfragen über Xing reinkriegen. Wenn sie trotzdem bleiben, kann ich mir sicher sein, dass sie wirklich bei uns arbeiten wollen.

Herr Berger, wenn Sie heute noch mal gründen würden – was würden Sie anders machen?

Berger: Ich gründe ja immer noch und gehe heute anders mit jungen Menschen um als 1967, bei der Gründung von Roland Berger.

Inwiefern?

Berger: Natürlich habe ich auch mal Fehler im Umgang mit Mitarbeitern gemacht, war hier und da vielleicht zu dominant. Aber vor allem haben sich die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen verändert. Darauf müssen sich Führungskräfte einstellen.

Wie meinen Sie das?

Berger:
In der Nachkriegszeit hatte das Materielle eine ganz besondere Bedeutung. Wir mussten uns ja erst mal unsere Existenzgrundlagen schaffen. Die jungen Menschen sind heute wohlhabender, verwöhnter. Und sie wissen viel mehr. Sie sind schneller, internationaler und haben eine andere Einstellung zur Selbstständigkeit und zu ihrem Privatleben. Solchen Leuten muss man natürlich andere Angebote unterbreiten, damit sie für einen arbeiten.

Zum Beispiel?

Berger: Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Das ist gerade im Beraterjob nicht einfach. Außerdem würde ich heute eine Mischung aus Beratung und Beteiligungsgesellschaft wählen, um zum Beispiel Start-ups oder Restrukturierungen zu finanzieren.

Müller: So macht das auch die Beratungsfirma eTribes, bei der ich Gesellschafter bin: Beratung plus Start-up-Inkubator. Ich denke, das ist eine moderne Herangehensweise.

Berger: Da bin ich ja erleichtert. Offenbar habe ich trotz meines fortgeschrittenen Alters noch das richtige Gespür für die Zeit.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2018

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