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Tim Renner

"Wer exzellent sein will, muss leiden"

Vasco Boenisch
Musikmanager Tim Renner über Ideen und Ideale im Beruf, Karriere aus dem Bauch heraus und die großen Chancen der Kreativwirtschaft. Renner legte in den 90ern eine Blitzkarriere in der Musikindustrie hin und gilt seitdem als Sprachrohr der deutschen Musikbranche.
Tim Renner wurde mit 36 Jahren Chef von Universal Music Deutschland. Heute, mit 44, ist sein Label kleiner, aber er ist glücklich.Foto: © Frank Rothe
Wenn man sich Ihre Karriereschritte bis 2001 zum Vorstandschef von Universal Deutschland so anschaut: Studiumsabbrecher, freier Journalist, Topmanager – ist so was heute noch denkbar?
Ich glaube, schon. Das Schöne an der Musikwirtschaft ist ja, dass es keine klaren Karrierewege gibt. Durch die Krise der Branche sind zwar viele BWLer zum Zug gekommen, deren Karriere über das Controlling lief, aber Kreativität zählt noch immer.
Es scheint, als hätten Sie Ihre Karriere immer aus dem Bauch heraus verfolgt.
Der Studiumsabbruch war überlegt. Das Germanistikstudium hatte zwar den Vorteil unglaublich attraktiver Studentinnen, aber auch genau den Nachteil, dass viele unglaublich attraktive Studentinnen Germanistik studierten, weil sie nicht wussten, was sie sonst studieren sollten. Als die dann im Proseminar schon an der Frage scheiterten, was ein Dativ sei, war mir klar, dass der universitäre Weg – der mich weiter an die Journalistenschule, weiter in einen großen Verlag und dort vielleicht in gute Jobs gebracht hätte – nicht mein Weg sein konnte. Dann lieber weiter als „ungelernter“ Journalist arbeiten und etwas Großes abliefern, etwa ein Buch. Das war quasi Kalkül.

Die besten Jobs von allen

Aber auch mit der Buch-Idee haben Sie dann gebrochen.
Und das war wirklich eine Bauchentscheidung. Bei meiner Undercoverrecherche übte ich in der Musikindustrie einen Job aus und ging darin immer mehr auf, sodass ich dann richtig bei Polydor einstieg, Element of Crime unter Vertrag nahm und Philip Boa und meinen ersten Charterfolg landete.
Wie wichtig ist es, nur das zu machen, was man wirklich will?
Wahnsinnig wichtig. Das ist der große Unterschied zwischen gut sein und exzellent sein. Ohne mir im Nachhinein das Zeugnis der Exzellenz ausstellen zu wollen. (lacht)
Was meinen Sie mit dieser Unterscheidung?
Man kann sehr erfolgreich sein und das mit sehr großem Spaß, wenn man eine Sache macht, die einen emotional sehr berührt. Mit viel Mühe und Nachlesen könnte ich vielleicht auch gut als Biophysiker arbeiten, aber ich hätte immer das Gefühl einer Belastung. Und wenn ich etwas belastet mache, mache ich es nicht gut. – Meine Familie fand meinen Entschluss damals natürlich völligen Wahnsinn. Aber ich habe so ein besseres und erfolgreicheres Leben gehabt.
Nicht jeder ist der Typ für solche Bauchentscheidungen.
Ich glaube, jeder hat in sich die Leidenschaft und kann einen solchen Schritt gehen. Man muss natürlich die Sache finden, in der diese Leidenschaft steckt.
Und wie findet man sie?
Das sind zwei Prozesse. Einerseits muss man Sachen, die einen wirklich interessieren, durchziehen. Bei mir waren es offensichtlich Musik und Kommunikation. Die Gefahr besteht allerdings im Verzetteln. Ich habe als Jugendlicher zeitgleich eine Band gemanagt, selbst eine Band gehabt, Radio gemacht, ein Fanmagazin herausgegeben, für den Hamburger Senat Videomagazine gedreht... Da macht man schnell so viel, dass man alles nicht mehr gut machen kann. Also: Erst auf sein Herz hören, aber dann strategisch und sehr selektiv vorgehen.
Wenn man nur macht, was man will, verdient man womöglich nicht viel Geld.
Richtig, aber die Gefahr besteht auch bei einem normalen Brot-und-Butter-Job, auch der kann schnell kippen. Mein Ansatz wäre immer: Man wird Dinge, die einen ernähren, dort finden, wo man große Leidenschaften hat. Eventuell muss man Nebenjobs eingehen. Aber ich glaube, das größte Potenzial liegt darin, seine Ideen zu verwirklichen und den Leidenschaftsweg zu gehen. Man könnte quasi sagen: Wer exzellent oder kreativ sein will, muss leiden.
Und trotzdem muss man immer wieder Kompromisse eingehen. Wie war das bei Ihnen?
Das marktwirtschaftliche Denken als Universal-Chef fand ich gar nicht problematisch. Für mich war es mehr die Entkopplung vom kreativen Prozess, von der Szene, auch von kreativ orientierten Mitarbeitern. Plötzlich war ich zuständig für alle musikalischen Aktivitäten eines Konzerns, und meine Mitarbeiter waren nur noch die Chefs der einzelnen Labels, der Finanzabteilung und der Rechtsabteilung. Ich musste die Fusion der zwei Konzernteile Universal und Polygram lenken, und wäre nie im Leben darauf gekommen, dass das so funktioniert, dass mir freundliche, frische Uni-Absolventen von Boston Consulting gegenüber sitzen und mir erklären, dass 650 Mitarbeiter Polygram und 130 Mitarbeiter Universal in der Addition 500 zu ergeben haben. Da war ich fassungslos. Das war für mich der Punkt, an dem ich mich durch die Karriere von den Ideen und Idealen entfernte, ob derer ich eigentlich da war.
Lesen Sie auf der nächsten Seite über Tim Renners größte Flops, seinen Streit bei Universal und wie er sich eine neue Existenz aufbaute.

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