Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Erfolg kann krank machen
Foto: kite_rin / fotolia.com
Selbstverantwortung

Wenn Mitarbeiter sich systematisch krank arbeiten

Teil 4: Wie sieht betriebliches Gesundheitsmanagement aus?

Wie kommt das?

Ich glaube, dass viele Beschäftigte noch in der alten Arbeitswelt verhaftet sind und sich im vorauseilenden Gehorsam noch nicht trauen, die Freiheiten einer indirekten Führung auch auszunutzen. In manchen Unternehmen würde vielleicht gar nichts passieren, wenn sich die Mitarbeiter trauten, Arbeit liegen zu lassen und ihre Arbeitszeit einzuhalten. Und da wo es nicht möglich ist, braucht es ein starkes Mittelmanagement mit Rückgrat, das der Führung mitteilt, wie die realen Zustände sind. Kurzum: Das Reflektieren und das aktive Aushandeln der eigenen Arbeitssituation wird wichtiger. Warum tue ich heute etwas, das ich auf die Dauer kaum durchhalten kann? Das Paradoxe: Gerade weil dieses selbstgefährdende Verhalten nicht von einer "bösen" Führungskraft angewiesen wird, ist es schwieriger zu ändern.

Was kann man noch tun? Wie sieht ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement in der neuen Arbeitswelt aus?

Der einzelne Betroffene kann versuchen, seinen Handlungsspielraum radikaler auszuloten, möglichst zusammen im Team. Was passiert, wenn ich vorgegebene Ziele infrage stelle oder Erwartungen an allzu kurze Reaktionszeiten und an eine Erreichbarkeit am späten Abend ablehne, wenn ich Erholung und Sport in meinen Arbeitsalltag integriere und dafür an einzelnen Besprechungen fehle?
 
Führungskräfte auf mittlerer Ebene müssen gegenüber der Unternehmensleitung einstehen und ausreichend Puffer planen – das ist auch wichtig, um mal Erfolge genießen zu können. Es ist beispielsweise sinnvoll, die Mitarbeiter nur noch zu 80 Prozent und nicht zu 100 Prozent in Projekte einzuplanen. Dann sind 20 Prozent Arbeitszeit zunächst nicht verplant, aber man hat Spielraum für Unvorhergesehenes und gerät nicht an die Grenze der Belastbarkeit, sobald so etwas geschieht.

Außerdem braucht es eine realistische Arbeitszeiterfassung. Auch bei Vertrauensarbeitszeit sollten Arbeitnehmer das Recht haben, zu dokumentieren, wie viel sie gearbeitet haben. Das alles setzt natürlich viel Reflexion voraus. Hier ist die Unternehmensleitung gefragt, solche Räume zum Nachdenken zu schaffen. Das bedeutet, die Unternehmensleitung muss Austausch zu Problemen und sogar kritische Gedanken fördern. Und sich an "Wenn-schon-denn-schon" orientieren: Wenn Mitarbeitende wie Selbstständige handeln sollen, dann bitte auch ein Maximum an Freiräumen ermöglichen – und Eigeninitiative und Kundenorientierung bloß nicht in Prozessstandardisierungen, widersprüchlichen Zielen und allzu bürokratischem Controlling ersticken.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2016

Themen im Überblick

Fair Company | Initiative