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Erfolg kann krank machen
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Selbstverantwortung

Wenn Mitarbeiter sich systematisch krank arbeiten

Teil 3: Phänomen der "interessierten Selbstgefährdung"

Wie wurde denn früher geführt?

Wer Leistung zeigte, wurde mit einem hohen Gehalt, einem Dienstwagen, mit Arbeitsplatzsicherheit und anderen Privilegien belohnt. Also: Wir geben dir Privilegien und dafür identifizierst du dich als Mitarbeiter voll und ganz mit dem Unternehmen. Das hat sich gewandelt, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, aber auch durch andere Einstellungen zur Arbeit. Sie ist nicht mehr nur Broterwerb, sondern soll uns Sinn und Erfüllung geben. Wir definieren uns über unsere berufliche Tätigkeit.

Unternehmen machen sich das zunutze. Darum müssen Unternehmen keine teuren Boni zahlen, um Mitarbeiter zu motivieren. Sie konfrontieren die Mitarbeiter mit Kennzahlen, appellieren an das das persönliche Leistungs- und Autonomiestreben, und fordern dazu auf, dass jeder Mitarbeiter, jedes Team seinen Nutzen für das Unternehmen nachzuweisen hat. Oder neue spannende Aufgaben werden übergeben, ohne dass ein zeitlicher Ausgleich bereitgestellt wird. Und die Mitarbeiter beuten sich dann scheinbar freiwillig selbst aus. Wir nennen dieses Phänomen interessierte Selbstgefährdung. Ein gutes Beispiel ist dafür die Vertrauensarbeitszeit.

Inwiefern?

Eigentlich ist Vertrauensarbeitszeit ein tolles Instrument – aber eines, mit dem indirekt die Leistung gesteuert wird. Das Unternehmen gibt dem Mitarbeiter die Freiheit, sich die Arbeitszeit selbst einzuteilen; es gibt nur das Ziel vor. Das führt dazu, dass meist mehr gearbeitet wird. Das liegt natürlich an dem Ziel, aber auch an der sozialen Eigendynamik. In einem Team, in dem alle mehr als die im Arbeitsvertrag vereinbarten acht Stunden arbeiten, möchten viele nicht der Ausreißer sein, der pünktlich nach Hause geht. Das Verrückte dabei: Das passiert auch in Firmen, in denen der Chef die Mitarbeiter dazu aufruft, pünktlich zu gehen. Es kommt sogar vor, dass Unternehmen Angebote für eine bessere Work-Life-Balance machen, die Mitarbeiter diese aber nicht nutzen mit der Aussage: Wir haben dafür keine Zeit.

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