Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Erfolg kann krank machen
Foto: kite_rin / fotolia.com
Selbstverantwortung

Wenn Mitarbeiter sich systematisch krank arbeiten

Teil 2: Der Einblick in die Basis fehlt

Das klingt schrecklich.

Das ist es aber nicht unbedingt, denn es kann sehr motivierend sein, wenn man solche Ziele erreicht. Es ist ja auch eine Legitimation für den Standort, den Job, das Gehalt oder den Bonus. Gefährlich wird, wenn sich die Marktsituation ändert oder es eine Wirtschaftskrise gibt und die Ziele nicht angepasst werden. Riskant ist auch, wenn es zu Zielspiralen kommt.

Was ist das?

Das ist eine neue Form der Leistungssteuerung. Von Jahr zu Jahr werden die Ziele automatisch angehoben. In den ersten Jahren erreicht man die immer höheren Ziele vielleicht noch. Doch das Erreichen bedeutet für das Folgejahr immer eine Zielsteigerung. Also bekommen die Mitarbeiter irgendwann Angst vor dem eigenen Erfolg – weil sie nicht mehr wissen, wie sie diesen im Jahr darauf noch steigern sollen. Dann haben auch absolute Leistungsträger das Gefühl, den Anforderungen kaum noch gerecht werden zu können.
 
Das muss das oberste Management doch merken. Irgendwann steigen die Krankenstände, und viele Mitarbeiter schaffen die Ziele nicht mehr.
 
Bis so ein Zustand vom Topmanagement bemerkt wird, kann es sehr lange dauern. Druck und Dauerstress werden erstaunlich lange ertragen und vielfach verschwiegen. Um mit Druck fertig zu werden, suchen sich die Mitarbeiter die unterschiedlichsten Strategien. Sie kommen etwa krank zur Arbeit, arbeiten freiwillig am Wochenende und umgehen gut gemeinte Vorschriften etwa zur maximal erlaubten Arbeitszeit. Besonders tückisch: Die Mitarbeitenden und auch ihre direkten Führungskräfte weisen selbst nicht mehr auf Überlastsituationen hin, weil sie die Erfahrung machen, das bringt nichts.

Wenn ich auf Schwierigkeiten im Projekt hinweise und dann Zeit fressende Berichte schreiben und mich rechtfertigen muss, mache ich das nur einmal. Hinzu kommt: Die oberste Leitungsebene tauscht sich nur mit der darunter aus, hat aber keinen Einblick in die Basis. Deren Probleme kommen darum bei der Unternehmensführung oft gar nicht an. In der Beratung erzählen mir Führungskräfte, wie sie ihre Mitarbeiter bei Befragungen anweisen, auf keinen Fall wahre Angaben zu machen.

Themen im Überblick

Fair Company | Initiative