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Freelancer unter Druck
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Freelancer unter Druck

Wenn für den Job die Hochzeit gecancelt wird

Kerstin Dämon, wiwo.de
"Selbstständig kommt von selbst und ständig", heißt es oft. Und Digitalisierung sei Dank kann auch im Zug oder im Café noch gearbeitet werden. Viele verwechseln Leidenschaft mit Selbstausbeutung.
Wer sich selbstständig macht, hat besonders in der Anfangszeit alle Hände voll zu tun: Für Mitarbeiter fehlt das Geld, also macht der Jungunternehmer von der Werbung über die Buchhaltung bis zum fertigen Produkt oftmals alles selbst – und wenn Liefertermine näher rücken ist auch mal die ein oder andere Nachtschicht drin.

Doch auch wenn das Unternehmen dann aus dem Gröbsten raus ist und es Angestellte gibt, die einen Teil der Arbeit schultern, kann so mancher Chef nicht aufhören. Die technischen Möglichkeiten machen es dem Unternehmer leicht, auch nach Feierabend noch zuhause, in der Bahn oder beim Restaurantbesuch "nur mal eben schnell" zu arbeiten.

Zeit für die Familie bleibt auf der Strecke

Dadurch steuern die Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen weltweit rund 7,8 Billionen Euro in Form geleisteter Überstunden zur Weltwirtschaft bei. Das hat eine Umfrage des Software-Herstellers Sage unter rund 2.600 Unternehmern aus elf Ländern ergeben. "Die Erhebung zeigt, wie viel Leidenschaft Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen für ihr Geschäft besitzen. Und sie zeigt auch, wie sehr sich Arbeits- und Privatleben mittels neuer Technologien immer weiter vermengen", sagt Rainer Downar, Executive Vice President Central Europe bei Sage.

46 Prozent aller Befragten gaben an, mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In Deutschland ist diese Zahl mit 57 Prozent sogar signifikant höher. In Australien sind es nur 31 Prozent, die keine Zeit mehr für Freizeit haben. Denn genau das ist die Konsequenz: 36 Prozent sagten, dass sie für die Arbeit Zeit mit der Familie opfern. Nicht überraschend ist daher, dass weltweit 44 Prozent der Geschäftsinhaber sagen, dass ihre Leidenschaft für die Arbeit ihre privaten Beziehungen beeinträchtigt.

Betrachtet man allein das Privatleben der deutschen Unternehmer, zeigt sich ein unschönes Bild: 

  • 52 Prozent haben wegen zu hoher Arbeitsbelastung schon mal eine Verabredung mit Freunden oder Familie abgesagt - im weltweiten Durchschnitt waren es gerade mal 27 Prozent

  • 49 Prozent führen auch geschäftliche Telefonate, wenn sie an der Käsetheke oder der Supermarktkasse stehen oder im Urlaub am Strand liegen

  • 47 Prozent machen Abstriche beim Urlaub

  • 43 Prozent verzichten zugunsten des Unternehmens auf Zeit für sich selbst

  • 11 Prozent würden sogar einen Kindergeburtstag oder ein wichtiges Ereignis der eigenen Kinder für ihre Arbeit absagen

 

Die Zahl derer, die auch auf Hochzeiten, Beerdigungen und in der Therme schon einmal einen geschäftlichen Anruf oder eine E-Mail beantwortet haben, liegt zwar im einstelligen Prozentbereich, aber auch das kommt vor. Stephen Kelly, CEO von Sage, kommentiert: "Wir wissen, dass es harte Arbeit und Opfer braucht, um einen Geschäftstraum zum Erfolg zu bringen. Die Umfrage macht klar, wie groß der Einsatz dafür ist."

Er ist überzeugt, dass dies der Unternehmergeist, der den Unterschied macht und dass die Unternehmer durch ihre Aufopferung die Wirtschaft beflügeln. Er sagt: "Wir sollten diese Helden daher unterstützten und ihre harte Arbeit anerkennen, die sie gerade dann leisten, wenn viele andere nach Hause gehen." Da kann man geteilter Meinung sein.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2015

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