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Kann eine Maschine die eigene Arbeit besser erledigen als man selbst?
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Künstliche Intelligenz

Welche Jobs vor Robotern sicher sind

Jan Guldner, wiwo.de
In der Produktion haben Roboter längst schon Menschen ersetzt. Das gleiche Schicksal droht Büroarbeitern durch Künstliche Intelligenz – sogar in der Steuerberatung ist die schneller, besser – und günstiger.
Die vergangenen neun Monate waren für Fritz Esterer ein Crashkurs in den Grundlagen der digitalen Revolution. Denn seit Januar dieses Jahres steht der Vorstand der Steuerberatungsgesellschaft WTS aus München in engem Kontakt mit Wissenschaftlern am Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Warum? "Es gab kaum gesicherte Erkenntnisse über den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Steuerberatung", sagt der WTS-Vorstand. Esterers Leute und die DFKI-Experten aus Saarbrücken wollten das ändern.

Die ersten Ergebnisse packen die Verantwortlichen jetzt in ein deutliches Fazit: Künstliche Intelligenz wird die Arbeit derer revolutionieren, die sich beruflich mit Unternehmenssteuern befassen.

Die Automatisierung schreitet voran

Für Fritz Esterer gibt es mehrere Gründe, warum selbstlernende Maschinen dafür so gut geeignet sind: "Das Feld ist deutlich abgegrenzt, bietet eine klare Nomenklatur und große, unstrukturierte Datenmengen." Computerhirne seien für deren Analyse besser geeignet als menschliche. Die Studie von WTS ist nur die jüngste in einer Reihe von Untersuchungen, die eine abstrakte Angst sehr konkret werden lässt: Kann eine Maschine die eigene Arbeit besser erledigen als man selbst?

Ganz unbegründet ist die Befürchtung jedenfalls nicht. Dass Bandarbeiter in der Fertigung durch schnellere, präzisere und vor allem günstigere Roboter ersetzt werden, ist mittlerweile keine Revolution mehr sondern größtenteils der Standard in der Industrie. Seit die beiden Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford öffentlichkeitswirksam darauf hingewiesen hatten, wie leicht auch mancher Bürojob zu ersetzen ist, zittern aber immer mehr Wissensarbeiter im Angesicht der Automatisierung.

Die Zahl, die in Debatten dann üblicherweise aufploppt, ist diese: 47 Prozent der heutigen Arbeitsplätze könnten 2030 schon nicht mehr existieren. Fast die Hälfte aller Jobs könnte dann also von Algorithmen und Robotern erledigt werden. Dazu muss man sagen, dass sich die Studie vor allem auf die USA bezieht und die Zahlen der Oxford-Forscher nach ihren eigenen Angaben nur Schätzungen sind. Indizien für die Entwicklung in Deutschland liefert eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PwC, nach der 35 Prozent der Jobs hierzulande bis in die frühen 2030er-Jahre hinein potenziell von Maschinen übernommen werden könnten.

Bürojobs sind nicht automatisch sicher vor KI

Klar, es entstehen nach wie vor immer neue Berufsfelder und Jobs. Allerdings wächst die Unsicherheit darüber, welche Felder noch verhältnismäßig sicher vor Automatisierung sind. Die so genannte "white collar Automation", also das computer-bedingte Wegrationalisieren von Bürojobs, ist kein Hirngespinst, das zeigen auch die Einschätzungen von Spitzenleuten in den Dax-Konzernen.

Da wären etwa die Aussagen des Volkswagen-CIO Martin Hofmann, der viele Teile der Arbeiten, die einst vor allem von Betriebswirten gemacht wurden, zum Beispiel Controlling oder Pricing, in den digitalen Synapsen von künstlicher Intelligenz besser aufgehoben sieht. Oder John Cryan, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, der kürzlich auf einer Tagung viele seiner Angestellten mit Robotern verglich und damit deren Ersetzbarkeit implizierte.

Und nun auch die Steuerberatung? Hier sind die Einstiegshürden für angehende Berater vergleichsweise hoch, das nötige Wissen komplex. Doch den WTS-Vorstand Fritz Esterer hat es nicht wirklich überrascht, als er erfuhr, dass künstliche Intelligenz auch in seinem Geschäft eine wichtige Rolle spielen kann.

So könnten Computer bald Steuerunterlagen vom Deutschen ins Englische übersetzen oder einschlägige Gerichtsurteile und Kommentare zusammenfassen, um Prognosen über zukünftige juristische Entscheidungen zu treffen. Auch als Frage-und-Antwort-Automat für weniger komplexe Fragen aus den Steuerabteilungen von Unternehmen sei KI geeignet oder dafür, darauf zu achten, dass Unternehmen beim Außenhandel die Einsparmöglichkeiten nutzen, die ihnen durch Freihandelsabkommen zur Verfügung stehen, die sie aber selten im Detail kennen.

Über ethische Grenzen der Digitalisierung sprechen

Unternehmen schaffen es damit ein altes Dilemma aufzulösen: Versuchten sie, Geschwindigkeit, Kosten und Qualität zu optimieren, mussten sie sich bislang für zwei von drei dieser Größen entscheiden. Schnellere Lösungen drückten entweder die Qualität oder ließen die Kosten steigen; billigere Ideen waren entweder langsam oder "quick and dirty"; höhere Qualität ging nur durch mehr Investition oder mehr Zeitaufwand. Mithilfe der KI-Unterstützung könne man dagegen schneller, günstiger und besser sein, findet Fritz Esterer.

Für die menschlichen Arbeitskräfte, so der WTS-Vorstand, sei deshalb eine unsichere Zukunft denkbar: Einfache Tätigkeiten, die heute oft in so genannten "shared service centern", etwa in Rumänien oder Ungarn, ausgelagert seien, könnten bald von Computern erledigt werden. "Man muss davon ausgehen, dass man insgesamt weniger Leute für solche Aufgaben brauchen wird", sagt Esterer.

Diejenigen, die den Wandel überstehen wollten, bräuchten vor allem Fähigkeiten in der Beratung und in der Bewertung der Lösungen, die die KI vorschlägt.

Um große Mandate weiter zu betreuen, brauche man diese Technologie, so Esterer. Man müsse auch über die ethischen Grenzen der Digitalisierung sprechen und aufpassen, dass der Bogen nicht überspannt werde. "Persönlich bin ich da auch zwiegespalten", so der Vorstand. Für sein Unternehmen sieht er aber keine Alternative.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2017

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