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Depression
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Mehr als nur traurig

Wege aus der Depression

von Lin Freitag, wiwo.de
Es gibt nicht unbedingt mehr Depressive, aber erkannt werden sie eher, sagt der Arbeitspsychologe Tim Hagemann. Betroffenen können schon ganz banale Maßnahmen helfen.
Herr Hagemann, laut aktuellem Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse sind die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen von 2000 bis 2013 um 69 Prozent gestiegen. Sind wir jetzt alle depressiv?

Nein, sicherlich nicht. Dieser Anstieg ist auch mit der verbesserten Diagnostik zu erklären. Depressionen etwa zeigen sich häufig in Form von körperlichen Symptomen – Patienten klagen beispielsweise über Schlafstörungen oder haben Verdauungsprobleme. Früher wurden diese Beschwerden dann genauso behandelt, mit einem Schlafmittel oder Magen-Tabletten. Heute fragen Ärzte auch bei körperlichen Symptomen nach den psychischen Belastungen – dadurch werden Depressionen häufiger diagnostiziert. Zum anderen hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz von derlei Erkrankungen verbessert. Die Menschen reden offener über ihre Probleme und suchen sich auch schneller Hilfe.

Hamburg ist laut Studie die depressivste Stadt. Wie erklären Sie die regionalen Unterschiede?

Es gibt sicherlich Unterschiede zwischen Stadt und Land. Zum einen gibt es in den Städten mehr Experten, was auch wiederum heißt, dass die Diagnostik besser ist. Aber natürlich nehmen auch andere Faktoren auf die psychische Gesundheit Einfluss. Wie etwa die Arbeitslosenquote oder das Freizeitangebot. In Hamburg kommt vielleicht erschwerend hinzu, dass es sich um eine sehr reiche Stadt handelt, die aber mit einem krassen sozialen Gefälle zu kämpfen hat. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weit auseinander. Es gibt viele soziale Brennpunkte, in denen die Bewohner am Rande des Existenzminiums leben – das spielt sicherlich auch eine Rolle.

Besonders häufig von Depressionen betroffen sind Callcenter-Mitarbeiter, Altenpfleger und Erzieher – warum gerade diese Berufe?

Alle drei Berufe haben zwei Dinge gemein: Eine hohe Arbeitsbelastung bei relativ schlechter Bezahlung. Mitarbeiter im Callcenter etwa haben viel mit unzufriedenen Kunden zu tun, in der Altenpflege bleibt immer weniger Zeit für den einzelnen Patienten, dafür kommen viele administrative Aufgaben hinzu. In der Kinderbetreuung haben die Erzieher mit einem hohen Lärmpegel zu kämpfen und bekommen vermehrt Druck von den Eltern – die Belastung in diesen drei Berufen ist seit Jahren angestiegen, die Wertschätzung aber nicht. Menschen werden depressiv, wenn sie auf Dauer das Gefühl haben, mehr zu investieren als sie zurückbekommen.

Bleibt da nicht nur die Kündigung?

Nicht unbedingt. Es mag banal klingen, ist aber ganz wichtig: Man muss lernen abzuschalten. Zum Beispiel, in dem man für schöne Momente in der Freizeit sorgt. Und sich bewegt. Sport baut Stresshormone ab und wird deshalb auch in der professionellen Depressions-Therapie angewendet. Ein anderes wichtiges Thema ist Weiterbildung. Callcenter-Agenten zum Beispiel sollten regelmäßig darauf bestehen, Seminare in Gesprächsführung zu besuchen. Je besser man qualifiziert ist, desto leichter kann man seine Aufgaben erledigen. Die Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, ausreichend gerüstet zu sein.

Aber sind da nicht auch die Unternehmen verstärkt in der Pflicht?

Natürlich, das passiert ja teilweise auch schon. Noch vor zehn Jahren war die psychische Belastung am Arbeitsplatz kein Thema. Es herrschte vielmehr diese Macho-Attitüde "Ich arbeite bis zum Umfallen". Aber da hat ein Umdenken stattgefunden.

Trotzdem müssen sich die Unternehmen verstärkt mit der Arbeitsorganisation beschäftigen – denn es gibt heute zahlreiche besondere Stressfaktoren. Beispielsweise arbeiten wir immer mehr in sich ständig ändernden Projektstrukturen. Solche Projekte werden häufig schlecht gemanagt oder nicht zu Ende geführt und verlaufen im Sande. Das ist für die Mitarbeiter extrem zeitraubend und frustrierend. Zum anderen sind die vielen Arbeitsunterbrechungen ein Problem. Studien haben ergeben, dass wir heute zwischen 40 und 60 Mal am Tag unsere E-Mails checken. Das bedeutet, dass wir unsere Arbeit im Schnitt alle zehn Minuten unterbrechen. Nach jeder Unterbrechung brauchen wir aber drei bis vier Minuten um wieder in unser Thema reinzukommen. Das heißt wir arbeiten netto zwei Stunden am Tag wirklich konzentriert, haben aber am Ende des Tages das Gefühl, zehn Stunden durchgeackert zu haben.

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