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Der Overconfidence-Effekt

Warum wir uns so oft überschätzen

Jochen Mai, Daniel Rettig / wiwo.de
Übermut tut selten gut – kommt aber deshalb nicht seltener vor. Dahinter steckt ein psychologischer Mechanismus, den die beiden Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky den Overconfidence-Effekt nennen.
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Foto: U. Steinbrich/Pixelio
Gefährliches Halbwissen

Demnach gehen wir, vereinfacht gesagt, davon aus, dass wir viel mehr wissen und mehr können, als das tatsächlich der Fall ist. Kurzum: Wir überschätzen unsere Fähigkeiten – in allen möglichen Lebenslagen

Der Klassiker in dem Zusammenhang: das Autofahren. Zählen Sie sich zu den besten 30 Prozent aller Fahrer? Klasse, das tun die anderen 80 Prozent der Befragten auch, obwohl diese Rechnung logischerweise nicht aufgeht. Glauben Sie, den Abgabetermin für das nächste Projekt locker einhalten zu können? Natürlich. Als bei einer Studie einst amerikanische Studenten nach der Ausarbeitungszeit ihrer Hausarbeit befragt wurden, antworteten sie im Schnitt: 34 Tage. Gebraucht haben sie dann aber 56 Tage.
 
Bei den meisten Menschen ist es leider so: Je schwieriger eine Aufgabe wird, desto größer ist ihre Neigung zur Hybris. Bei einfachen Aufgaben hält sich unser Übermut meist noch in Grenzen. Doch je mehr Selbstvertrauen wir haben, desto eher tendieren wir zur Selbstüberschätzung. Und mit einem derart gefährlichen Halbwissen ausgestattet, treffen wir tagein, tagaus zahlreiche Entscheidungen.

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Gerade die Isolation in Führungsetagen bildet einen perfekten Nährboden für übertriebene Selbsteinschätzung. Nach Ansicht von Kahneman liegt das vor allem daran, dass die heutige Managergeneration Projekte angeht, ohne vorher deren Erfolgswahrscheinlichkeit selbstkritisch genug abzuschätzen.

Aber warum? Mathew Hayward und Donald Hambrick von der Columbia-Universität resümierten im Jahr 1997 in einer Studie dazu: Wenn in einem Unternehmen bislang alles glattlief, führt der CEO das gerne auf seine eigene Leistung zurück – selbst wenn er damit gar nichts zu tun hatte. Und wo die Selbstverliebtheit grassiert, da blüht bald schon die Selbstüberschätzung.

Aber auch einfache Angestellte sind für den Defekt empfänglich, etwa bei der Geldanlage: Wir glauben, uns auszukennen, und investieren in Werte, die wir nicht richtig einschätzen können.

Und doch können wir uns vor falschen Entscheidungen schützen. Zum Beispiel mithilfe der folgenden drei Regeln:

1. Kenner konsultieren. Je wichtiger die Entscheidungen, desto kompetenter sollten die befragten Personen sein.
2. Paroli provozieren. Widerspruch muss nichts Schlechtes sein, im Gegenteil. Vernünftig dosiert (und argumentiert), werden Sie davon profitieren. Umgeben Sie sich bewusst mit Kritikern und Querdenkern – und sei es nur, um sich mindestens einmal rechtfertigen zu müssen.
3. Chaos choreografieren. Leben Sie damit, dass Sie nicht alles können müssen – und manche Dinge Zufall sind.


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Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2011

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