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Hindsight-Bias

Warum hinterher immer alle klüger sind

Jochen Mai, Daniel Rettig / wiwo.de
Hinterher sind alle schlauer. Viele wollen es aber auch schon vorher gewesen sein. Besonders an der Börse lässt sich das gut beobachten: Stürzt die Aktie überraschend ab, sagen viele, dass sie damit längst gerechnet haben – trotzdem haben sie ihr Depot zuvor weder verkauft noch eifrig Optionen auf sinkende Kurse geordert. An der Stelle kommt der Hindsight-Bias ins Spiel, zu Deutsch: ein Rückschaufehler.
Rueckspiegel
Foto: L. Kärcher/Pixelio
Form der Selbsttäuschung

Erstmals untersucht wurde der Hindsight-Bias 1975 von Baruch Fischhoff an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. Seitdem taucht der Effekt in der Gedächtnisforschung immer wieder auf: 2003 erschien sogar eine Sondernummer der Zeitschrift „Memory“, die sich ausschließlich dem Rückschaufehler widmete, wobei die Wissenschaft drei Arten unterscheidet:

1. Die Betroffenen können sich tatsächlich nur schlecht an ihre eigene Vorhersage erinnern.

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2. Er oder sie glaubt, es schon immer gewusst zu haben. Oder aber der Ausgang wird mit absoluter Unwägbarkeit entschuldigt: „Damit konnte nun wirklich keiner rechnen.“

3. Die Personen nehmen schlicht an, dass es unausweichlich so kommen musste, wie es kam.

Weniger überraschend, allerdings auch nicht viel beruhigender ist, dass die Persönlichkeit der Betroffenen großen Einfluss auf diese Form der Selbsttäuschung hat. Erwartungsgemäß behaupten Menschen mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung deutlich öfter als andere, die richtige Antwort schon vorher gewusst zu haben.

Am stärksten aber zeigt sich der Rückschaufehler bei jenen, die zu einer Art Dogmatismus neigen – also Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Sicherheit und einer geordneten, vorhersehbaren Welt.

Dass Letzteres gar nicht so erstrebenswert ist, wie es scheint, zeigt sich leider oft auch erst in der Rückschau.


Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2011

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