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Bundeswehr

Warum Frauen zur Armee wollen

dpa
Die Zahl der Frauen bei der Bundeswehr steigt. Nicht, weil der Dienst an der Waffe so reizvoll ist. Frauen denken pragmatisch, glaubt Oberstleutnant Hans-Günter Fröhling, Dozent am Zentrum für Innere Führung der Bundeswehr. Für Frauen sei der sichere Arbeitsplatz interessant.
Bundeswehrsoldaten bei einer ÜbungFoto: © diefotomacher - Fotolia.com
Ist es nur das oder was treibt Frauen zur Bundeswehr? Und wie sind die Erfahrungen, zehn Jahre nachdem der Europäische Gerichtshof am 11. Januar 2000 Frauen den Dienst an der Waffe gestattete?  Diesen Fragen geht die Journalistin Andrea Jeska in ihrem Buch „Wir sind kein Mädchenverein - Frauen in der Bundeswehr“ nach. 16 900 Soldatinnen leisten heute Dienst bei der Bundeswehr - nur zwei von ihnen fliegen aber Tornados, rund 320 dürfen Panzer steuern. Mit 40 Prozent sind die meisten im Sanitätsdienst tätig.Eine Soldatin berichtet, dass die angebliche Bevorzugung des weiblichen Geschlechts im internen Bundeswehr- Sprachgebrauch als „Tittenbonus“ firmiert. Aber ansonsten ist das Miteinander bei der 253 800 Männer und Frauen starken Truppe nach erster Skepsis weitgehender Normalität gewichen. Gleichwohl sagt Soldatin Jana Hartwig: „Du zeigst besser keine Schwäche.“ Gute Position, gutes Geld, gute Karrierechancen - das ist für viele Frauen ein wichtiges Motiv, sich verpflichten zu lassen.

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Mit Jeskas Buch liegt erstmals ein Kompendium unterschiedlicher Erfahrungsberichte deutscher Soldatinnen vor - von der Stabsärztin am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg, über die Redakteurin bei einer Feldzeitung im Kosovo und die 2. Wachoffizierin auf einem Minenjagdboot bis zur türkischstämmigen Heeresfliegerin.Ganze Kompanien stehen heute auf Befehle aus Frauenmund stramm. Die Kompaniechefin eines Panzergrenadierbataillons betont aber, dass es als Frau nicht gerade autoritätsfördernd sei, die Einheit anzuschreien.  Bei Jeskas Begegnungen nannte Heeresfliegerin Meryem Özsu Gründe für ihre Verpflichtung, die seltener zu hören waren. Sie wollte staatsbürgerliche Verantwortung für ihre Heimat übernehmen. „Wenn ich meine Uniform anhabe, dann leuchten meine Augen“, sagt sie. Geboren in Yozgat in Anatolien, kam der Vater als Gastarbeiter nach Deutschland. Zunächst wollte die Muslimin zur Polizei, ein halber Fehler zu viel im Diktat beim Einstellungstest machte den Traum zunichte.Mutter und Schwestern waren entsetzt, als sie vom Vorhaben erfuhren
Dank ihres guten Realschulabschlusses konnte sie aber aufs Gymnasium wechseln, wo ein Offizier für den Soldatenberuf warb. Meryem Özsu war elektrisiert. Sie bewarb sich für die Unteroffizierslaufbahn und brach - ein Jahr vor dem Abitur - die Schule ab. Mutter und Schwestern waren entsetzt, der Vater sagte: „Wenn es dein Traum ist, verfolge ihn.“ Sie verpflichtete sich für zwölf Jahre. Aber die immer gefährlicheren Auslandseinsätze haben ein mulmiges Gefühl in ihr ausgelöst. „Es war mein Traum zur Bundeswehr zu gehen, nicht in den Krieg zu ziehen.“
Özsus einzige Erfahrung von Diskriminierung war die Begegnung mit einer alten Dame in der Stuttgarter Innenstadt. Die Rentnerin fragte Özsu, ob sie sich nicht schäme, als Frau eine Uniform zu tragen.  Die Autorin hat fast ein Jahr lang Dutzende Interviews geführt und immer wieder mit Restriktionen der Bundeswehr kämpfen müssen, die sich um zu freimütige Äußerungen der Soldatinnen sorgte. Für Jeska stellt sich vor allem eine Frage: Zwar sind Frauen in der Bundeswehr Normalität - aber was passiert, wenn erstmals eine stirbt? Die Lübeckerin, die ihr Erstlingswerk 2005 über die Opfer der Geiselnahme im nordossetischen Beslan schrieb, ist sich sicher: „Wenn eine Mutter von Kindern im Einsatz stirbt, wird die moralische Frage aufgeworfen, ob sie auf solche Weise ihr Leben riskieren darf.“
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2010

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