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Bewerbungsgespräche sind unfair und manipulativ
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Zeitgemäßes Recruiting

Warum das Vorstellungsgespräch bald aussterben könnte

Teil 2: Personaler lassen sich von äußerem Eindruck beeinflussen – unterbewusst

Innerhalb von wenigen Minuten soll der Personaler aus Mimik, Gestik und gesprochenen Sätzen entscheiden, ob das Gegenüber auf die Stelle passt. "Menschen tun es nicht mit Absicht", sagt Dana, "aber sie wählen einfach die Person aus, die ihnen sympathischer ist." Psychologen zufolge liegt das unter anderem am Halo-Effekt, vom englischen Wort für Heiligenschein. Dahinter verbirgt sich ein Wahrnehmungsfehler, bei dem einzelne Eigenschaften einer Person so dominieren, dass sie einen überstrahlenden Gesamteindruck erzeugen.

Wer zum Beispiel besonders dick ist, den nehmen seine Mitmenschen vor allem über seinen Körperumfang wahr – und hegen damit sofort den Verdacht, dass er maßlos, faul oder willensschwach ist. Schüler mit Brille wirken auf viele Lehrer belesener, Personaler stellen ungern Mitarbeiter mit lückenhaftem Lebenslauf ein – obwohl gerade diese mitunter menschlich interessanter und intellektuell flexibler sind als jene mit gradlinigem Lebenslauf. 

Die Chancengleichheit leidet

Nun könnte man einwenden, dass das persönliche Gespräch dabei hilft, Vorurteile abzubauen. Motto: Man muss nur die richtigen Fragen stellen, schon entzaubert sich der Bewerber. Tatsächlich jedoch trübt der persönliche Eindruck den Blick erst recht. Dass Einstellungsgespräche zur Bewerberauswahl wenig taugen, musste vor einigen Jahren etwa der US-Bundesstaat Texas feststellen. Um den Ärztemangel zu bekämpfen, sollten die medizinischen Fakultäten noch mehr Bewerber aufnehmen – und zwar mitten im Semester, als sich die Hochschulen bereits für einige Studenten entschieden und andere abgelehnt hatten. Die medizinische Fakultät der Universität von Texas in Houston nahm daraufhin noch mal 50 Bewerber auf, die sie zuvor abgelehnt hatte – auch aufgrund des negativen Eindrucks in Interviews. Doch die erwiesen sich als kolossale Zeitverschwendung: Die 50 Nachzügler schnitten während des Studiums nicht schlechter ab als die ursprünglich akzeptierten 150 Studenten.

Auch Iris Bohnet zweifelt daran, dass das klassische Vorstellungsgespräch eine kluge Mitarbeiterauswahl garantiert. Die gebürtige Schweizerin ist Verhaltensökonomin und Professorin für Public Policy an der Harvard Kennedy School. Dort beschäftigt sie sich unter anderem mit der Wirkung von Vorurteilen und erforscht, wie Unternehmen trotzdem die besten Mitarbeiter finden können. Inzwischen vertritt Bohnet eine recht radikale Position: "Bewerbungsgespräche wird es in zehn Jahren nicht mehr geben", sagte Bohnet kürzlich im Interview mit dem "Stern".

Ein Personaler bilde sich dort höchstens subjektive Eindrücke. Daraus seien jedoch keine seriösen Rückschlüsse auf den Leistungswillen oder die fachliche Expertise des Bewerbers möglich. Auch die Chancengleichheit werde durch Vorstellungsgespräche vermindert, sagt Bohnet.

Introvertierte Bewerber im Nachteil

Ein Beispiel dafür: Noch in den Siebzigerjahren wurden weltweit fast alle Sinfonieorchester von weißen Männern dominiert. Nach öffentlichen Beschwerden veränderten zahlreiche Opernhäuser ihre Aufnahmeprüfungen. Diese fanden nun hinter einem Vorhang statt, damit die Juroren das Aussehen der Musiker nicht in ihre Bewertung einbezogen. Auf dem Boden lag zudem dicker Teppichboden. So verstummten die klackernden Geräusche hoher Absätze, das Geschlecht der Musiker blieb danach ebenfalls unentdeckt.

Die US-Ökonominnen Claudia Goldin und Cecilia Rouse analysierten vor einigen Jahren die Wirkung dieser Veränderung: Die Blind Auditions erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass eine Musikerin eingestellt wurde, um bis zu 46 Prozent. Und weil sie nun davon ausgehen konnten, dass es bei der Aufnahmeprüfung gerecht zuging und das Geschlecht keine Rolle mehr spielte, bewarben sich bei Orchestern generell mehr Frauen.

Hinzu kommt: Ein klassisches Vorstellungsgespräch bevorzugt gewisse Charaktere – und benachteiligt andere. "Angenommen, Sie finden heraus, dass Ihr Arbeitgeber etwas Verbotenes tut – wie gehen Sie damit um?" Diese und andere überraschenden Fragen machen vor allem introvertierte Personen nervös. In einem Bewerbungsgespräch ist subtile Eigenwerbung notwendig, genau die ist ihnen zuwider. Hier sind extrovertierte Menschen klar im Vorteil.

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