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Ineffektive Meetings behindern die Produktivität der Mitarbeiter
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Produktivität

Verlorene Zeit im Arbeitsleben

Louisa Lagé, wiwo.de
Sie sind physisch anwesend, aber vielfach psychisch abwesend: Anderthalb Tage verbringen Mitarbeiter großer Konzerne pro Woche in Meetings. Wie Gefangene – weil Unternehmen das erwarten. Dadurch leidet der eigentliche Job.
Montagmorgen, 9.05 Uhr im Konferenzraum. Während der Abteilungsleiter die Quartalszahlen vorträgt, huschen schnell noch drei Kollegen durch die Tür. Der Raum ist voll. Die Zuspätkommer lehnen sich hinten an die Wand. Ein Blick durch die Runde verrät: Vorn spielt ein Kollege Candy Crush, ein anderer schreibt eine Mail. Eine Kollegin weiter rechts malt geduldig Käsekästchen. Der Minutenzeiger der Uhr bewegt sich nur schleppend. Nach einer Stunde beendet der Redner endlich seinen Monolog. "Noch Fragen?" Lautes Schweigen: Kollegen klappen ihre Timer zusammen, packen ihre Laptops in die Taschen, scharren mit den Füßen. Eine Mitarbeiterin meldet sich "Was ich nicht ganz verstanden habe…", ein Raunen geht durch den Raum.

Unter überflüssigen Meetings leidet die Produktivität

Meetings wie diese sind Alltag in Unternehmen weltweit – und oft genauso überflüssig wie sie sich anfühlen. Dies zeigt die aktuelle Studie "Time Talent Energy" von Bain & Company. Die Managementberatung hat 300 Führungskräfte aus Konzernen in zwölf Branchen über den Zusammenhang von Humankapital und Produktivität befragt. Das Ergebnis: 40 Prozent aller Meetings sind ineffektiv, kosten die Unternehmen dafür aber sehr viel Geld.

"Mitarbeiter verbringen in der Woche bis zu anderthalb Tage in Meetings", erklärt Imeyen Ebong, Leiter der Praxisgruppe Organisation bei Bain & Company Deutschland. Bei Führungskräften steigere sich das Ganze sogar soweit, dass ihnen teilweise nur sieben Stunden für ihre eigentliche Arbeit bleiben – mit betriebswirtschaftlich verheerenden Folgen. "Schätzungen gehen davon aus, dass solche Ineffizienzen in den USA fast 20 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Auf Deutschland übertragen wären das 700 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr", so Ebong.

Ob HR, IT, Produktmanagement oder Verkauf: Das Meetingproblem zieht sich durch viele Abteilungen. "Da gibt es oft ein bis drei Meetings am Tag. Und häufig Termine, die über drei Stunden gehen", sagt Laura Kirchhoff, die ihren richtigen Namen lieber nicht online lesen will.

Wer seine Mitarbeiter in Bürokratie und Meetings erstickt, bremst das ganze Unternehmen

Die Beraterin aus München sieht viele große, vornehmlich deutsche Unternehmen wie Versicherer und Autobauer von innen – und beobachtet dabei immer wieder die gleichen Fehler: Zuspätkommer, Power-Point-Schlachten, Wiederholungen von Wiederholungen, psychisch abwesende Teilnehmer. "Und der Entscheider ist mal wieder an den wichtigen Stellen nicht da, weil er wichtigere Termine hat. Er oder sie kommt dann in den letzten zehn Minuten des Meetings rein, schaut kurz auf das Konzept – um dann schließlich alles umzuwerfen."

Ineffektive Meetings, übermäßig komplexe Strukturen und unnötig aufwendige Arbeitsweisen, die Berater von Bain fassen diese Faktoren unter dem Begriff "organisatorische Bremse" zusammen, denn sie verlangsamen Prozesse und behindern damit die Produktivität der Mitarbeiter. In Zeiten von schnellem und billigem Kapital sei aber gerade das Humankapital eines Unternehmens der Gradmesser für seinen Erfolg. Wer seine Mitarbeiter also in Bürokratie und Meetings erstickt, bremst damit das ganze Unternehmen.

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