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Newcomer

Verleger - Von wegen verlegen

Martin Roos
Sie heißen Liebeskind, Blumenbar oder auch Kookbooks. Sie sind jung und voller Elan - doch nicht sehr reich und angesichts der Suhrkamps und Hansers winzig. Die Literaturszene feiert die jungen Verlage als Impulsgeber mit Kultfaktor. Nur ob sie überleben, ist fraglich.
Idealisten oder Spinner? Junge Verleger beweisen MutFoto: © Philip Date - Fotolia.com
Schreiben kann er nicht. Aber lesen. Und das recht gründlich. Also machte Jürgen Kill zum Beruf, was schon immer sein Traum war: Verleger. Vor sechs Jahren gründete er in München die Verlagsbuchhandlung Liebeskind an der Klenzestraße im Szeneviertel rund um den Gärtnerplatz. Dass seine Bücher in Auflagenhöhe von 2.000 bis 3.000 Stück kaum große Gewinne einfahren, ist nicht entscheidend. Was den 36-Jährigen treibt, ist die Sehnsucht nach einem "eigenen literarischen Profil".Begeisterte, Idealisten oder Spinner? An Mut und Entschlossenheit jedenfalls fehlt es den jungen Verlegern, die in den vergangenen sechs Jahren die Branche aufmischen, nicht. Jetzt, zur Leipziger Buchmesse, kommen sie wieder zusammen und lassen sich von den Feuilletons als die kultigen Zwerge unter den kaum beweglichen Giganten der Verlagsszene feiern. Die jungen Verleger - eine Szene zwischen Party und Lesekonvent, zwischen intellektuellem Getue, Literaturgenie und Konkursgefahr.

Die besten Jobs von allen

Erst klassisch, dann hipKills Lebenslauf ist lehrbuchmäßig. Erst Studium der Literaturwissenschaft und BWL in Bonn, dann das ABC des Lektorierens und die Strategien von Buchverkauf und -vermarktung bei Bertelsmann. Dank familiärem Vermögen hatte er schließlich genug Startkapital, um seine eigene Verlagsbuchhandlung zu gründen.Liebeskind ähnelt einer Lounge aus den 70er Jahren: lindgrüne Wände, Regalboxen, Teakholzwürfel, bonbonfarbene Stehlampen, lila Eierschalensessel. Alles schön cool, aber nicht kühl - fehlt nur noch der gerührte Martini. Den gibt´s nicht. Auch kein in Buch gefasstes Geläster von Dieter Bohlen, nichts Gekochtes von Johann Lafer, nichts Gepottertes von Joanne K. Rowling, sondern zeitgenössische Literatur mit Anspruch, viele im Hardcover.Die durchgestylte Buchhandlung, die nach Kills Ex-Geschäftspartner heißt, ist zum einen der ideale Showroom für die künstlerische Szene aus Architekten, Designern, Literaten und Leuten, die auf Lifestyle setzen und selbst beim Buchkauf auf das Gefühl von Hippness nicht verzichten möchten. Zum anderen dient sie der Querfinanzierung: Hier verdient Kill durch den Verkauf von Büchern anderer das Geld, um eigene Bücher herauszubringen. Wirtschaftlich ist sein Plan bis 2008 abgesichert. Danach muss man weitersehen. Kill: "Fünf Jahre verdient man als Verleger nichts. Und danach nicht so viel."Sexy und coolDer Spaß an der Literaturfete war auch für Wolfgang Farkas und Lars Birken-Bertsch Motivation, einen Verlag in München zu gründen: "Blumenbar" war zunächst nur eine Wohngemeinschaft in der Blumenstraße mit regelmäßigen Partys. Die beiden räumten einmal im Monat ihre Wohnung aus, um Platz für Lesungen und Club-Abende zu schaffen. Drei Jahre ging das so. Und als dann mit der Zeit immer mehr Fremde als Freunde kamen, die 50 Cent zahlten, um Mitglied zu werden, ließ sich vor drei Jahren auch damit das erste Buch finanzieren - die Geburtsstunde von Blumenbar. "Kleine Verlage sind innovativer und einfallsreicher als die großen", glaubt Farkas. Seine Bücher, sagt der 38-Jährige, seien "sexy und cool".Die Presse jubelt über neue Aufbruchstimmung in einer Bücherlandschaft, die zunehmend von Konzernen dominiert wird. "Eine neue Verlegergeneration, die ihren eigenen Weg gehen will", schreibt der Spiegel. "Die meisten Impulse gehen nicht mehr von Suhrkamp, Hanser, Rowohlt aus, sondern von Neulingen wie Blumenbar", konstatiert die FAZ."Meine Autoren werden in den nächsten Jahrzehnten einflussreiche Dichter werden", sagt Daniela Seel, 31. Ganz schön selbstbewusst. Zumindest ihre kleine Erfolgsgeschichte gibt ihr recht: Ende der 90er Jahre traf Seel, die Verlagskauffrau gelernt und das Germanistikstudium abgebrochen hatte, in Berlin ihren ersten und erfolgreichsten Autor Jan Böttcher, den Sänger der Band "Herr Nilsson". Es entstand die Idee, einen Verlag zu gründen, als Ableger der kleinen Plattenfirma Kook (englischer Slangausdruck für "Spinner"), zu der auch Böttchers Band gehörte. Heute werden die von Seel verlegten Gedichtbände von Autoren wie Daniel Falb und Steffen Popp von der Kritik euphorisch besprochen.Was macht die kleinen Verlage in einer Branche, in der immer mehr kleine Buchhandlungen schließen und Verlage, um zu überleben, fusionieren müssen, erfolgreich? Zunächst sind sie beweglicher. Sie können junge Autoren publizieren, die so unbekannt sind, dass die großen Verlage sie nicht mal in ihre Empfangshallen lassen würden. Zudem leben die jungen Verleger im selben Milieu wie ihre Autoren - sie lernen sie dort kennen, wo sie selbst gern ausgehen, in den Bars und Clubs von München, Hamburg, Berlin.Große Konkursgefahr Doch wie groß ist tatsächlich ihre Chance, auf Dauer zu überleben? An die Autoren können sie nur Minivorschüsse zahlen. Und die, die sie groß machen, werden schnell von den großen Verlagen abgeworben. Auch vom Feuilleton gefeiert zu werden, füllt die Kassen nicht. Denn dort, wo die meisten Menschen Bücher kaufen, gibt es die der jungen Verleger nicht. Gut 15 Prozent des gesamten Umsatzes werden von 0,3 Prozent der Läden, den großen Handelsketten nämlich, gemacht. Zehn Prozent der Bücher sorgen hier für 90 Prozent des Umsatzes.Kein Wunder, dass die meisten jungen Verleger den Großteil ihres Lebensunterhalts mit Nebenjobs verdienen: als Übersetzer, Buchgestalter, Lektor, Korrektor oder Journalist. Oder sie erben wie Liebeskind-Verleger Kill. Oder Daniela Seel. Ohne das von ihrer Familie zugeschossene Startkapital für Kookbooks hätte sie mit einem "verkorksten Lebenslauf" hausieren gehen müssen, "mit dem mir nie eine Anstellung als Lektorin geglückt wäre".Junge Verlage in DeutschlandBlumenbarGründung: 2002Schwerpunkte: Belletristik; Lesungen, Konzerte, Club-AbendeKontakt: Blumenbar Verlag (GbR), Schwanthaler Str. 14, 80336 München, Tel. 0 89.74 38 95 25, www.blumenbar.de/Kookbooks Gründung: 2003Schwerpunkte: Belletristik, PoesieKontakt: Kookbooks, Magdeburgstr. 11, 65510 Idstein, Tel. 0 61 26.9 56 57 90, www.kookbooks.de/LiebeskindGründung: 2000Schwerpunkte: BelletristikKontakt: Verlagsbuchhandlung Liebeskind GmbH & Co. KG, Klenzestr. 32, 80469 München, Tel. 0 89.2 38 86 73, www.liebeskind.de/Orange-Press Gründung: 2001Schwerpunkte: Popliteratur, gesellschaftliche/philosophische DiskurseKontakt: Orange-Press, Wallstr. 9, 79098 Freiburg, Tel. 07 61.28 71 17, www.orange-press.com/SchwartzkopffGründung: 2003Schwerpunkte: Belletristik, SachbücherKontakt: Schwartzkopff Buchwerke GmbH Berlin, Neue Schönhauser Str. 20, 10178 Berlin, Tel. 0 30.88 04 86 70, www.schwartzkopff-buchwerke.de/verlag/index.htmTisch 7 Gründung: 2004Schwerpunkte: Belletristik, SachbücherKontakt: Tisch 7 Verlagsgesellschaft Köln mbH, Moltkestr. 68, 50674 Köln, Tel. 02 21.5 10 62 88, www.tisch7-verlag.de/Voland &Quist Gründung: 2004Schwerpunkte: Live-Literatur, Belletristik, Hör-CDsKontakt: Verlag Voland & Quist, Reichenberger Str. 11, 01129 Dresden, Tel. 03 51.7 95 47 71, www.voland-quist.de/website/index.htmlYedermannGründung: 2001Schwerpunkte: BelletristikKontakt: Yedermann Verlag, Georg- Kerschensteiner-Str. 8, 85521 Riemerling, Tel. 0 89.60 19 02 93, www.yedermann.de/
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2006

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