Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Management-Trends – wie sinnvoll sind sie?
Ein Plädoyer dafür, nicht immer den neusten Management-Trends hinterherzujagen.Foto: Rawpixel/Fotolia.com
Essay

Vergesst das nächste große Management-Ding!

Ferdinand Knauß, wiwo.de
Die Historikerin Jill Lepore erweist der Wirtschaftswissenschaft einen großen Dienst. Sie entzaubert Clayton Christensens Management-Konzept der "disruptive innovation" – und damit die Vermessenheit einer ganzen Professoren-Zunft.
Yu will den bleibenden Wert von Christensens Werk verteidigen, doch letztlich bestätigt er mit diesen Sätzen genau das, was Lepore in ihrem Artikel gelungen ist: Die Entlarvung einer Zunft, die sich zwar den äußeren Schein von Wissenschaftlichkeit gibt, doch tatsächlich nicht deren Anspruch erfüllt. Wissenschaft strebt nach Erkenntnis - nicht nach dem "next big thing" für Manager.

Falsche Prämissen

Yu wirft Lepore und anderen Kritikern vor, dass sie Christensens Theorie verwerfen, anstatt sie weiterzuentwickeln "wie das auf dem Feld der Medizin, der Ingenieurwissenschaften und Physik getan würde". Yu hält also die Betriebswirtschaft für eine den Naturwissenschaften vergleichbare Disziplin.

Und genau das ist der Kern des Problems, um das es in dieser Debatte geht: In den Wirtschaftswissenschaften tut man, als ob Wirtschaft ein berechenbares Naturphänomen oder eine konstruierte Maschine sei. Man ignoriert, dass Wirtschaft ein soziales und kulturelles Phänomen ist. Und dass eine Ökonomik, wenn sie erkenntnisgeleitet sein will, eine empirische Sozialwissenschaft sein muss – und keine exakte Wirtschaftsmechanistik.

Veraltete Wahrheiten

Jill Lepores Verdienst ist, dass sie nicht nur Christensen, sondern der gesamten Zunft den Spiegel ihrer Vermessenheit vorhält. Sie hat beispielhaft gezeigt, wie unsinnig der Anspruch ist, ökonomische Handlungsmuster für die Zukunft liefern zu können. "Zerstörerische Innovation", schreibt Lepore, "ist kein Naturgesetz." Sie erkläre nicht den Wandel, sei "blind gegenüber der Dauerhaftigkeit" und "ein sehr schlechter Prophet."

Thesen zu verbreiten, die sich nach einiger Zeit als nicht mehr haltbar für die Gegenwart erweisen, ist für Sozialwissenschaftler keine Schande. Eine Schande ist allerdings, dass viele Ökonomen immer noch glauben, zeitlose Wahrheiten zu besitzen.
Clayton M. Christensen ist sehr innovativ. Seine Erfindung heißt "disruptive innovation". Aber weil das nicht schön klingt, hat Christensen sie unter dem Buchtitel "The Innovator’s Dilemma" vermarktet.

Der Professor der Harvard Business School hat mit seinen Büchern, allen voran dem "Innovator’s Dilemma" (1997), eine starke Position auf einem heißumkämpften Markt erobert. Dieser Markt kommt zwar nicht in volkswirtschaftlichen Statistiken vor und auch in keiner Anlagestrategie von Finanzinvestoren. Auf ihm wird auch nur vergleichsweise wenig Geld bewegt, aber dafür etwas anderes, das mindestens ebenso wirkmächtig ist: Das Denken.

Zerstörerische Erfindungen

Christensen schuf mit seiner These von den disruptiven, zerstörerischen Erfindungen, die die althergebrachten Zustände "zerreißen", so etwas wie das akademische Fundament des anschwellenden Rufs nach Innovation, ohne den keine Stellenanzeige, kein Quartalsbericht und kein parteipolitisches Programm mehr auskommt. Seine These: Nicht schlechte Entscheidungen sorgen für den Untergang von Unternehmen, sondern "gute", aber alte Entscheidungen. Das ist das angebliche Dilemma: Das früher Gute ist nicht gut, weil es nicht neu ist. Und weil die Geschichte immer schneller läuft, wächst die Gefahr, Chancen zu verpassen.

Christensens These gewann bald einen dogmengleichen Status, wozu der Ruf seines Arbeitgebers Harvard Business School sicher beitrug. Ökonomen und Management-Autoren haben die Chancen denn auch ergriffen: Als "disruption consultants" predigen sie auf "disruption conferences" und "disruption seminars" Christensens Lehre. Es ist damit das akademische Fundament des anschwellenden Rufs nach Innovation geworden. Bloß gibt es dabei einen Haken: Christensens Fallbeispiele halten nicht, was sie versprechen.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick