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Demografie

Unternehmen buhlen um Nachwuchs

Ruth Lemmer, Manfred Engeser / wiwo.de
Antrittsgeschenke, Nachhilfe, Stipendien: Weil die Zahl der Schulabgänger sinkt, buhlen Unternehmen in Deutschland um Jugendliche, die früher keine Chance auf einen Ausbildungsplatz gehabt hätten.
Azubi am Arbeitsplatz: Jedes fünfte Unternehmen muss Lehrstellen unbesetzt lassenFoto: © Bernd Geller - Fotolia.com
Die Hauptschule schloss sie mit Note 2 ab, die elektrotechnische Realschule mit einem Schnitt von 3,4 – mit diesen Zeugnissen hatte Janina Raedel keine Chance, eine Lehrstelle in ihrem Traumberuf Elektrotechnikerin zu bekommen. 50 Bewerbungen hatte sie geschrieben, ohne Erfolg. Sich dann lustlos auf eine Ausbildung im Einzelhandel eingelassen – „weil das ja alle Frauen machen“ – und wieder abgebrochen.Alles andere als ein Muster-Lebenslauf – mit der Lehre in ihrer Wunschbranche klappte es, nach vierjähriger Odyssee, dennoch: Als erste Frau im Unternehmen lernt die 19-Jährige inzwischen alles über Planung, Montage, Installation, Wartung und Reparatur elektrischer und elektronischer Geräte und Anlagen – bei Jäger Direkt, einem mittelständischen Elektroproduzenten und -händler in Reichelsheim im Odenwald.

Die besten Jobs von allen

„Jeder hat ein Talent“, sagt Jäger-Direkt-Geschäftsführer Franz-Josef Fischer. „Da muss man manchmal eben etwas länger buddeln.“Hauptschüler glauben nicht an ihre ZukunftBuddeln, baggern, Geduld haben – das gehört längst zu Fischers wichtigsten Fähigkeiten im Umgang mit dem Nachwuchs. Der 56-Jährige besucht regelmäßig Hauptschulen im Odenwald, einer der am dünnsten besiedelten Regionen Hessens – wo einer Umfrage zufolge etwa jeder zweite Hauptschüler auf die Frage nach seiner beruflichen Perspektive die gleiche, knappe Antwort gab: „Hartz IV.“Rund ein Dutzend der 40 Lehrstellen in seinem Unternehmen besetzt Fischer inzwischen mit Jugendlichen, von denen in früheren Jahren kaum einer eine Chance auf einen attraktiven Ausbildungsplatz gehabt hätte. Etwa wie Michael Beeh, der nach Realschulabschluss und abgebrochener Lehre zum Fachangestellten für Bürokommunikation eineinhalb Jahre arbeitslos war. Dann Praktikum an Praktikum reihte und die Hoffnung auf einen neuen Ausbildungsplatz fast schon aufgegeben hatte. Als das Arbeitsamt bei Jäger Direkt nach einer Lehrstelle für Beeh fragte, griff Geschäftsführer Fischer zu – und bot Beeh eine Ausbildung als Elektroanlagenmonteur an.Geeigneter Nachwuchs ist rarOder Sandra Patsis, die mit einem Schnitt von 3,6 die Realschule abschloss und ohne Lehrstelle Zeit in einer Bildungseinrichtung totschlug: Fischer machte sie erst zur Fachkraft für Lagerlogistik, jetzt legt die 22-Jährige eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation drauf – mit guten Noten.(Artikel zuerst erschienen auf WirtschaftsWoche Online wiwo.de)

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