Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Ende der Entschleunigung
Foto: aerogondo / fotolia.com
Entschleunigung

Trend mit Verfallsdatum

Teil 2: Einfach mal nix tun

Einer, der aus diesem Trend ein Geschäftsmodell entwickelt hat, ist etwa Andie Puddicombe. In seinem Ted-Vortrag fragt der eloquente Engländer die Zuhörer, wann sie das letzte Mal zehn Minuten lang nichts getan haben, absolut nichts. Wer macht schon so was? Puddicombe vergleicht unseren Geist mit einer Waschmaschine, die sich immerzu dreht. Das Gespür für die Gegenwart ginge verloren, weil wir entweder über Vergangenes grübeln oder über die Zukunft sinnieren.

Wem es aber gelinge, jeden Tag zehn Minuten zu meditieren, schaffe es – das verspricht zumindest der ehemalige buddhistische Mönch – ruhiger, ausgeglichener zu werden und mehr Klarheit ins eigene Leben zu bringen. Wer nicht wisse, wie das funktionieren soll, soll Hilfe auf seiner Website mit dem Titel "Headspace" finden. Dort gibt es Trainings-Apps für Novizen und Bücher für Erschöpfte. Alles kostenpflichtig, natürlich.

Der "Anti-Trend" auf Zeit

Aber lassen sich die Anforderungen der modernen Arbeitswelt dauerhaft mit Achtsamkeitstrainings und Coaching bewältigen? Matthias Horx glaubt, dass sich das Geschäft mit der Entschleunigung bald erledigt haben wird. "Jeder Trend hat einen Gegentrend. Achtsamkeit ist vielleicht der mächtigste aller Anti-Trend-Trends. Gleichzeitig sind aber die meisten der Phänomene, die wir Trends nennen, in Wirklichkeit uralt. Am Ende bleiben wir immer dieselben: Wir suchen das Schnelle, Andere und Aufregende, nur um uns nach dem Kuscheligen, Harmonischen, Gemeinschaftlichen zu sehnen." Und während früher die Kirchen der Ort für den innerlichen Rückzug waren, sind es heute die Coaches, Trainer und Berater. "Die Welt ändert sich nicht. Sie entfaltet sich nur", sagt Horx. Und jeder sucht sich das aus, was ins eigene Lebenskonzept passt.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2015

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick