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Karriere im Ausland

Traumziel USA: Arbeiten in New York

Martin Roos
New York - die Stadt, die süchtig macht. Das Flair der endlosen Häuserschluchten zieht auch immer mehr Deutsche an. Eine große Karriere machen jedoch nur die Wenigsten. Einer, der es geschafft, ist Martin Schoeller. Junge Karriere hat Ihn bei seiner Arbeit mit Weltstars wie Ethan Hawke oder Angelina Jolie begleitet.
Attraktives Pflaster: New YorkFoto: © Petra Röder - Fotolia.com
New York City - a dream? Yes, zumindest für Martin Schoeller. Die Karriere des deutschen Top-Fotografen klingt, als ob sie sich ein Drehbuchautor für eine Vorabend-Soap ausgedacht hätte: Raub, Mord, Models, Filmstars, spektakuläre Shootings, wilde Partys - Schoellers Erfolgsbahn ist gepflastert mit allen Klischees. Dahinter steckt nichts anderes als harte Arbeit und der Glaube, dass es in New York den amerikanischsten aller Träume doch noch gibt - den vom Tellerwäscher zum Millionär.Manhattan, 23rd Street, Chelsea-Hotel, sechste Etage, Zimmer 603. Da kommt er endlich. Vier geschlagene Stunden haben sich Martin Schoeller und seine drei Assistenten in dieser skurrilen Suite mit ihren lindgrünen Tapeten, ihrem Plüsch und dem an der Wand in Öl hängenden, finster blickenden Lenin im Gewand der Madame Pompadour auf ihn vorbereitet. Vier Stunden haben sie die Rokokostühlchen verstellt, das Himmelbett hin und her gerückt, das 50er-Jahre-Bad dekoriert, Lampen und Scheinwerfer aufgestellt, immer wieder gecheckt, wie das Licht am besten fällt, etliche Probe-Polaroids geschossen. Endlich kommt er ins Zimmer herein, freundlich, direkt, begrüßt jeden mit Handschlag - Ethan Hawke. 34 Jahre alt, Hollywoodstar, Club der Toten Dichter, Voll das Leben/Reality Bites, Ex-Freund von Uma Thurmann, Schriftsteller, Denker, Held junger Mädchen.

Die besten Jobs von allen

Held junger Mädchen? Was Schminke so ausmacht. Hawke wirkt in der Suite 603 eher wie ein Antiheld: klebriges Haar unter der Baseballkappe, Fusselbart ums Kinn, Trainingsjacke, weißes T-Shirt, Jeans, weiße Tennissocken, ausgelatschte Schuhe. "Weiß kann ich nicht leiden", flüstert Schoeller auf Deutsch, sodass es Hawke nicht hören kann. Weiß dominiert das Bild zu stark. Hawke fühlt die Irritation, macht Witze über sein Haar, seinen Bart, und schon langt die Visagistin zu. Fünf Minuten durchgekämmt, den Bart gestutzt, fertig. Das Shooting kann beginnen. Der Londoner Guardian will neue Porträtaufnahmen von Hawke in seiner Beilage veröffentlichen. Doch im Grunde ist hier nicht Hawke der Star, sondern der, der ihn als Star inszeniert: Martin Schoeller, 37, Fotograf der zurzeit besten Promi-Shootings New Yorks.Hollywoodstars in allen LagenSchoeller, der Typ mit den Dreadlocks, der seit zwölf Jahren in der US-Metropole lebt und immer noch Hessisch babbelt, hat mittlerweile Hunderte von Promis vor der Linse gehabt. Top-Magazine wie Vanity Fair, Rolling Stone, Vogue oder Esquire fragen ihn, ob er für sie Leute wie Paris Hilton, Bruce Springsteen, Lisa Marie Presley, Martin Scorsese, Sting, Robin Williams oder Brad Pitt fotografieren möchte. Shakira hat er auf einem Motorrad, Adrien Brody im Unterhemd mit einem rasierten Hündchen auf der Schulter und Tom Wolfe im weißen Elegant-Look inmitten einer College-Studentenorgie inszeniert. Mehrere Preise erhielt er für ein Foto mit Lyle Lovett, den er im schicken Anzug und Cowboystiefeln ein Kalb einfangen ließ. Lovett selbst gefiel die Aufnahme so gut, dass er Schoeller bat, ein Video von ihm zu drehen.Das "Close up", die Frontalaufnahme des Gesichts, ist Schoellers Markenzeichen. Das hat ihn berühmt gemacht. Die Promis werden in ein derart gleißendes Licht gesetzt, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als hoch konzentriert in die nur 60 Zentimeter entfernte Fotokamera zu schauen. So entstehen schonungslose, jede Pore beleuchtende Porträtaufnahmen - Fotos einer "ehrlichen Sekunde", wie Schoeller es nennt. Nicht alle Promis mögen ehrliche Bilder von sich. Mariah Carey bat aus Angst vor den nicht immer schmeichelhaften Porträts die Magazine, einen anderen Fotografen zu schicken. Doch Schoellers Auftraggeber sind sich einig: der oder keiner. Dann keiner, sagte Carey und stornierte das Shooting. Dass damit die Promotion für ihre neue CD ins Wasser fiel, nahm sie in Kauf.Schoeller trug's mit Fassung. Der Deutsche ist frei von Starallüren. "Manchmal sind es ja nicht mehr als zehn Minuten, die ich die Promis sehe. Kaum fotografiert, sind sie auch schon weg. Für viele Stars ist man doch als Fotograf am wenigsten wert", meint er in einer Bescheidenheit, die ihm hilft, die Macken mancher Mediengrößen geduldig zu ertragen: Rocksänger Bon Jovi brauchte zwei Stunden für seine Frisur, Eminem sagte während des gesamten Shootings kein Wort. Mit anderen macht der Job mehr Spaß: mit Jack Nicholson in Los Angeles oder mit Prince. "Der war so schüchtern." Mit Johnny Cash, wenige Monate bevor er starb. Oder mit Angelina Jolie. "Erst wollte ich, dass Blut aus ihrer Nase läuft, damit sie auf dem Foto wie eine Boxerin aussieht", erzählt Schoeller. "Sie meinte aber, das ließe eher auf Koksen schließen. Also schlug sie vor, Blut aus dem Mund laufen zu lassen. Nicht jeder Promi denkt so mit."Suite 603, Schlafzimmer. Unten auf der 23. Straße zieht der Verkehr wie ein Wurm mit ungleichmäßigen Gliedmaßen, je nachdem wie ein Lieferwagen oder ein gelbes Taxi gerade die Fahrbahn blockiert, mal schneller, mal langsamer seine Bahnen. Und wie ein Herzschlag ertönt stets von irgendwo ein Hupen. Vor einem American Diner stehen die Leute Schlange, kaufen belegte Bagel, Kaffee oder Salatvariationen in Plastikdosen, die sie Minuten später in der Subway, in einem der vielen kleinen öffentlichen Parks oder auf der Straße im Gehen verzehren. Eine Gruppe Hundebesitzer steht schwatzend beieinander, manche haben für den Fall der Fälle schon ein Tütchen in der Hand - New York ist Hundehaufen-frei. Vor dem Chelsea hockt eine Frau, steht auf, geht, kommt, hockt sich wieder und murmelt vor sich hin. Kaum jemand beachtet sie. Nicht mal der Obdachlose, der vorbeizieht. New York, Stadt der Freaks.Schoeller hat Leicht-Latino-Musik aufgelegt, um Hawke in Stimmung zu bringen. Er weiß, Ethan ist Gitarrenspieler. Auf jeden seiner Promis bereitet sich Schoeller vor, liest ihre Biografie, ihre Bücher, hört ihre Musik, sieht sich einen ihrer Filme an, studiert ihre Eigenarten. Hawke wippt im Takt der Musik. Dann fragt er: "Soll ich meine Gitarre holen?" Schoeller ist begeistert. "Ich laufe eben rauf", sagt Hawke.

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