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Unternehmen müssen mehr selbst ausbilden
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Praktiker statt Akademiker

Theorie und Praxis: Mit vereinten Kräften zum Erfolg

Teil 3: Stellenanzeigen sind oft unverständlich und wirken unglaubwürdig

Das scheint zu funktionieren: trotz sinkender Schülerzahlen bleibt die Zahl der Ausbildungsverträge einigermaßen konstant. "In diesem Jahr haben über 33.000 Schüler weniger die allgemeinbildenden Schulen verlassen als im Vorjahr – dennoch konnte die Bewerberanzahl um einen Ausbildungsplatz stabil gehalten werden", sagt Hartwich.

547.800 junge Menschen haben sich demnach um eine Lehrstelle beworben – 24.000 Jugendliche haben keine bekommen. Gleichzeitig blieben 49.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. "Die Ausbildungsplatzchancen wären da. Oft würde dies aber Mobilität erfordern oder einen Kompromiss bei der Berufswahl, wenn man einen speziellen Beruf erlernen möchte, der in seiner Region nicht oder wenig ausgebildet wird", so Hartwich. Wer in Hamburg lebt, zieht für eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau nicht in den Schwarzwald. Und wer im Schwarzwald Entwickler für Anwendungsinformatik lernen möchte, entscheidet sich nicht für eine Ausbildung zum Koch, nur weil der Gastwirt nebenan diese anbietet. Daran ändern auch sämtliche Azubi-Lockangebote und Imagekampagnen nichts.

Buzzwords und Fachausdrücke anstelle von relevanten Informationen

Ein weiterer Grund, dass Betriebe und Jugendliche nicht zueinander finden, liegt laut einer Umfrage unter 1000 Azubis und Ausbildungssuchenden an den unterschiedlichen Sprachen, die beide Parteien sprechen. Die Macher der Azubi-App TalentHero haben bei den Jugendlichen nachgefragt, wie sie Stellenangebote für Lehrstellen wahrnehmen. Das Ergebnis: Stellenanzeigen sind unverständlich und wirken unglaubwürdig.

Die Befragten beschweren sich über Buzzwords, Anglizismen und Fachausdrücke anstatt der für sie relevanten Informationen: Arbeitsort (für 54 Prozent am Wichtigsten), die Entwicklungsmöglichkeiten nach der Ausbildung (52 Prozent) und das Gehalt (51 Prozent). Während der Arbeitsort laut den Befragten auch fast immer angegeben wird, werden Informationen zum Ausbildungsgehalt und zu Entwicklungsmöglichkeiten von der Hälfte der Befragten nur manchmal, selten oder nie in Stellenanzeigen gefunden.

Weitere sehr wichtige Kriterien sind für 41 Prozent der Befragten die Übernahmequote des Unternehmens und 39 Prozent wünschen sich zusätzliche Weiterbildungsangebote. Ob ein Jobticket für Bus und Bahn angeboten wird oder nicht, ist für ein Drittel der Befragten sehr wichtig. Infos dazu finden 42 Prozent der Studienteilnehmer allerdings nur selten oder nie in Stellenangeboten, wie es in der Umfrage heißt. Lust auf eine Bewerbung hatten nach dem Lesen der Stellenanzeige nur insgesamt 28 Prozent der Befragten.

Weiterbildung ist das A und O

Dass sich die angehenden Azubis ihren Lieblingsarbeitgeber aussuchen können, ist die Kehrseite des Fachkräftemangels. Sagt auch Oettinger zu Deutschlands besten Azubis. Sie könnten wählerisch sein, schließlich gebe es nicht genug Techniker und Fachkräfte in Deutschland. Dafür sollten sie sich schon mal darauf einstellen, bis 70 arbeiten zu müssen. Wenn auch vermutlich nicht mehr in ihrem Ausbildungsbetrieb.

Oettinger rät ihnen zur regelmäßigen Weiterbildung. Daran sollten sich auch die Arbeitgeber halten. "Wenn ihr bis 70 fit bleiben müsst, braucht ihr wie in der Formel 1 Boxenstopps, ihr müsst Reifen wechseln und nachtanken. Und das ist in eurem Fall die berufliche Weiterbildung. Ihr braucht jährliche Weiterbildung", sagt Oettinger. Als Günther sein Abitur gemacht und zur Uni gegangen ist, war das anders. Trotzdem: "Ich beneide euch", sagt der EU-Kommissar. Und wenn es auch nur um die Währungsunion und die Freizügigkeit ist.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 11.12.2017

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